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Die britische Jugend muss Deutsch lernen, um europäisch zu bleiben

"Eine andere Sprache zu sprechen, ist wie eine zweite Seele zu besitzen", zitiert John le Carré Karl den Großen und sieht darin Potenzial für europäische Debatten. Den Briten legt er seine persönliche Liebe ans Herz: Lernt Deutsch!

Porträt John le Carré

John le Carré, 77, aufgenommen 2010 in Bern. Der britische Autor studierte 1948 und 1949 Germanistik und Neue Sprachen. Mit seinem Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam" gelang ihm 1963 der internationale Durchbruch als Schriftsteller.

Das ist mal ein ungewöhnliches Plädoyer, das John le Carré im "Guardian" veröffentlicht hat. Während in den meisten Schulen heute neben Englisch, Französisch und Latein vielleicht noch Spanisch angeboten wird, verfasst der 85-jährige Autor eine glühende Liebeserklärung an die deutsche Sprache und verleiht seiner Eloge die Überschrift "Warum wir Deutsch lernen sollten". Seine Begeisterung für Deutsch verdankt er seinem Lehrer, der durch ungewöhnliche Didaktik das Herz des damals 13-jährigen Briten erreichte.

Es war das Jahr 1944, als Mr. King die Begeisterung seiner Schüler entfachte, ein Jahr vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs. war verhasst, insbesondere bei den Briten. Doch der freundliche, intelligente Mr. King, so beschreibt ihn le Carré, hatte beschlossen, nicht auf die Anti-Deutschland-Propaganda einzusteigen, sondern erklärte seiner kleinen Klasse, dass das Deutschland, das er liebte, noch irgendwo verschüttet vorhanden sein müsse. Trotz des Nazi-Regimes. "Eines Tages wird das echte Deutschland zurückkommen", hatte er damals zu seinen Schülern gesagt. Und er habe Recht behalten, denn nun sei es so weit, schreibt le Carré.

Love at first sound

Es waren ein Grammophon und eine Kollektion von Schellackplatten, die die ersten deutschen Worte ins Gehör der Schüler von Mr. King brachten. Er besaß eine Sammlung der alten Scheiben, die in den damals typischen braunen Papierhüllen steckten und die der Lehrer in einem Schulranzen trug. Wer schon einmal eine Schellackplatte in der Hand hatte, kann sich in etwa vorstellen, welches Gewicht die Tasche gehabt haben muss. King beförderte seinen Schatz im Fahrradkorb, wenn er zur Schule fuhr.

Die Platten enthielten Tonaufnahmen von klassischen deutschen Schauspielern, die deutsche Gedichte vortrugen. Wie meistens bei Schellackaufnahmen, hatten sie auch Kratzer, die beim Abspielen einen Ton hinterließen. John le Carré zitiert, wie das klang:

"Du bist wie eine Blume – CRACK – So hold und schön und ... – CRACK" (Heinrich Heine)

"Bei Nacht im Dorf der Wächter rief …" – CRACK (Eduard Mörikes "Elfenlied")

Der Brite liebte, was er hörte, und lernte die Texte, die Stimmen zu imitieren und auch jeden Kratzer auswendig. Er hatte das Gefühl, die Sprache passe zu ihm, zu seinem Zungenschlag, sie schmeichele seinem Ohr. Und er hatte das Gefühl, die Sprache gehöre ihm, denn andere Schüler kannten nur deutsche Worte wie "Achtung!" oder "Hände hoch!" aus den Propagandafilmen.

Klare Sprache als Mittel der Wahrheit und Waffe gegen Trump

John le Carré zitiert Karl den Großen: "Eine andere Sprache zu sprechen, ist wie eine zweite Seele zu besitzen" und ergänzt den Satz durch ein Lob an seine Lehrer – eine Fremdsprache zu unterrichten, sei wie eine zweite Seele einzupflanzen. Seine kritischsten Leser, so le Carré, seien deshalb die, die seine Bücher übersetzen und dabei unerbittlich mit Wortdopplungen und Ungenauigkeiten umgingen. Sein deutscher Übersetzer sei "besonders ärgerlich".

Eine klare, rationale Sprache sei derzeit besonders wichtig, da von der anderen Seite des Atlantiks widersprüchliche und unverständliche Äußerungen kämen. Für einen Mann im Krieg mit Wahrheit und Vernunft sei das eine existentielle Bedrohung, da es ein direkter Angriff auf seine Verschleierungen, Lügen und Widersprüche sei. Menschen, die Sprachen unterrichten, die auf Genauigkeit achten, auf Bedeutung und Schönheit, seien die Bewahrer der Wahrheit in einer gefährlichen Zeit.

Le Carré kommt zum finalen Appell: Indem sie Deutsch lehren, indem sie das Verständnis der deutschen Kultur und des Lebens verbreiten, werden die heutigen Entscheider und ihre Kollegen dazu beitragen, die europäischen Wortwechsel auszugleichen, damit sie angemessen und zivilisiert bleiben. Sie werden vor allem zum kostbarsten Gut dieses Landes sprechen: die vorurteilsfreie Jugend, die – Brexit hin oder her – Europa als ihr Heimatland sieht, Deutschland als natürlichen Partner und eine gemeinsam genutzte Sprache als selbstverständliche Verbindung.



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