Mit Barack Obama kommt ein internationaler Polit-Popstar nach Berlin. Er kann reden, begeistern und junge Leute ansprechen, die sich nicht für Politik interessieren. Deutsche Politiker und Medien reagieren darauf mit Neid und Skepsis. Warum? Sie haben Angst vor Leidenschaft in der Politik. Von Bernd Gäbler

Ein Politik-Popstar in Aktion: Präsidentschaftskandidat Barack Obama© Robert Spencer/Getty Images
Endlich ist es also klar: Barack Obama wird an diesem Donnerstag, dem 24. Juli, in unmittelbarer Nähe der Siegessäule sprechen, unter freiem Himmel, das Brandenburger Tor hinter ihm, gut sichtbar für alle Kameras. Eine Rede unmittelbar am Brandenburger Tor bleibt dem Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei verwehrt. Ariana Huffington ("Huffington Post") schrieb, Präsident George W. Bush persönlich habe bei der Kanzlerin interveniert, um das zu verhindern.
Überraschenderweise kommt diese Tatsachenbehauptung in der deutschen Presse allenfalls am Rande vor. Wie reagiert die deutsche politische Klasse auf Obamas Besuch? Und vor allem: Wie reagieren die führenden deutschen Medien?
Während der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit - um populäre Gesten nie verlegen - seine Arme sofort weit ausbreitete und den Politik-Popstar auch gern vor der symbolischen Kulisse des Brandenburger Tores willkommen heißen wollte, blockte Kanzlerin Angela Merkel genau dies ab. Auch die "National Mall" in Washington sei ja kein geeigneter Ort für deutsche Wahlkämpfe, ließ sie verlauten und tat fast so, als sei das Tor ein heiliger Ort. Tatsächlich sind beide Argumente falsch: Auf der "Mall" in Washington darf jeder Hans und Franz sprechen, und das Brandenburger Tor diente schon vielen Akteuren als Kulisse: dem Papst, dem Dalai Lama, nicht zu vergessen Jogi Löws Mannen. Gerne wird es auch mal an Samsung und andere Unternehmen vermietet.
Bei Angela Merkel mögen parteipolitische Präferenzen die ausschlaggebende Rolle gespielt haben. Aber generell sind deutsche Politiker skeptisch gegenüber Show-Stars der Politik und unterstellen per se Substanzlosigkeit, sobald einer beliebt ist. Das könnte man respektieren - würden sie sich tatsächlich mit der angeblich fehlenden Substanz befassen. Das tun sie aber nicht. Stattdessen sind sie neidisch. Da begeistert einer die jungen Leute? Das kann doch nicht sein! "Leider hat die Politik keine einfachen Lösungen parat", belehrt Wolfgang Thierse (taz v. 10.7.08): "Politik ist eine Sphäre der Mühsal, grau, hässlich und langsam." Man glaubt es ihm, dass er so empfindet. Entsprechend ausgeprägt ist die Anziehungskraft.
Hubertus Heil dagegen, glatt wie ein Aktenkoffer, hatte es zuvor schüchtern mit einem Imitat versucht. Leicht nach unten gebeugt, drehte er auf dem Nürnberger "Zukunftskongress" seiner Partei die Mikrofone zu sich, um aufzusagen: "Genossinnen und Genossen, bitte sprecht mir nach: Yes, we can." Dann sah er hilflos zu, wie die Worte im Saal verebbten - Mister Bean als Generalsekretär.
Finanzminister Peer Steinbrück mag nicht mehr in Talk-Shows gehen. Die seien ja ohnehin nur Tand. Aber er findet es für die Stabilität des Landes am besten, in der Rolle des Juniorpartners einer großen Koalition kommod zu verharren. Dass der Wettbewerb um die Gunst der Wähler, der - ja: auch medial inszenierte - Kampf zum Erwerb der Macht, ein Element von Politik ist und sein sollte, scheint dieser oberste Finanzbeamte vergessen zu haben.
Frank-Walter Steinmeier, vermutlich der Kanzlerkandidat der SPD, hat ohnehin noch nie eine Wahl gewonnen. Natürlich gehört solides Verwalten und stetes Regieren auch zu demokratischer Politik - die Skepsis gegenüber Obama aber zeigt vor allem, dass die meisten deutschen Politiker von seiner Methode bisher nichts verstanden haben.
Mit 1,5 Millionen Menschen kommuniziert Barack Obamas Kampagne regelmäßig. Er kündigt seine Reden an, macht Mut, erklärt die nächsten Schachzüge, nennt seine Unterstützer. Vor allem aber hat er begriffen, dass das Internet nicht einfach ein Instrument der Propaganda ist, sondern ein Organisator. Bis Ende April hatte er 272 Millionen Dollar gesammelt - mit so vielen Kleinspenden wie kein Kandidat zuvor. Der etablierte Clinton-Clan hat es nicht einmal auf ein Viertel dieser Summe geschafft.
Zur Person Bernd Gäbler, geboren 1953 in Velbert/Rheinland, ist Publizist und Dozent für Journalistik. Er studierte Soziologie, Politologie, Geschichte und Pädagogik in Marburg. Bis 1997 arbeitete er beim WDR (u.a. "ZAK"), beim Hessischen Rundfunk ("Dienstags – das starke Stück der Woche"), bei Vox ("Sports-TV"), bei Sat1 ("Schreinemakers live", "No Sports"), beim ARD-Presseclub und in der Fernseh-Chefredaktion des Hessischen Rundfunks. Bis zur Einstellung des Magazins leitete er das Medienressort der "Woche". Von 2001 bis Ende 2004 fungierte er als Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts in Marl.