Liao Yiwu erhält Friedenspreis des deutschen Buchhandels

13. Oktober 2012, 10:00 Uhr

Die diesjährige Verleihung des Literaturnobelpreis an den Chinesen Mo Yan löste teils heftige Reaktionen. Nun zeichnete der deutsche Buchhandel mit seinem Landsmann Liao Yiwu einen Regimekritiker aus.

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Liao Yiwu, Friedenspreis des deutschen Buchhandels, Frankfurter Buchmesse

Der chinesische Autor Liao Yiwu ist für seine regimekritischen Werke bekannt©

Der Literatur-Nobelpreis für seinen Landsmann Mo Yan hat ihn vor allem wütend gemacht: Ein "Staatsautor" sei der Preisträger, die Auszeichnung erzeuge in der chinesischen Gesellschaft "nichts als Wut", schimpfte Liao Yiwu am Freitag. Im Gegensatz zu Mo, der den Konflikt mit Chinas Behörden sorgfältig gemieden hat, musste der 54-Jährige für seine kritischen Gedichte und Reportagen von den Rändern der Gesellschaft Haft, Folter und Repressalien ertragen. Am Sonntag erhält der im deutschen Exil lebende Liao mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels nun selbst eine hohe Auszeichnung.

Schon Liaos Kindheit ist nicht einfach: Geboren wird der Lehrersohn 1958 in Chengdu in der westchinesischen Provinz Sichuan. Beide Eltern geraten in die Säuberungen der Kulturrevolution. Die Mutter wird bei dem Versuch festgenommen, Stoff auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, weil sie Geld für Essen braucht. Vor tausenden Menschen wird sie mit anderen "Kriminellen" öffentlich gedemütigt. "Als meine Klassenkameraden mir davon berichteten, war ich am Boden zerstört", erzählt Liao einmal.

Nach der Schule schlägt sich der junge Mann mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitet als Küchenhilfe und Lastwagenfahrer. Er liest westliche Autoren wie den britischen Romantiker John Keats und den französischen Dichter Charles Baudelaire - und beginnt selbst zu schreiben. Gehandelt als talentierter Avantgarde-Dichter veröffentlicht Liao sogar in offiziellen Zeitschriften. "Ich war ein Propaganda-Autor wie alle anderen auch", sagt er 2010 in einem Interview zu dieser Phase.

Auf prophetische Gedichte folgt Haft und Folter

Damit ist Schluss, als Liao 1987 wegen seines Epos "Stadt des Todes" und kritischer Lyrik über den großen chinesischen Steuermann Mao auf eine schwarze Liste unliebsamer kritischer Autoren gerät. Am Vorabend der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Tiananmenplatz nimmt Liao in dem Gedicht "Massaker" fast prophetisch das brutale Geschehen vorweg. Das düstere Poem wird - auf Tonband-Kopien verteilt - im ganzen Land bekannt. Anfang 1990 wird er wegen "Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda" zur vier Jahren Haft verurteilt.

Die Haft wird zum Horrortrip: Weil Liao gegen die strengen Gefängnisregeln rebelliert, wird er mit Elektroschocks gequält. In der Einzelhaft muss er einmal 23 Tage mit hinter dem Rücken gefesselten Händen ausharren, wie er seinem Übersetzer Wen Huang erzählt.

Nach mehreren Selbstmordversuchen und Zusammenbrüchen wird Liao schließlich 1994 aus der Haft entlassen, doch sein Leben scheint zerstört: Die Frau hat ihn mit samt dem gemeinsamen Kind verlassen, ehemalige Schriftstellerfreunde, darunter auch Literaturnobelpreisträger Mo Yan, brechen den Kontakt ab. Liao schlägt sich durch, verdingt sich als Straßenmusiker. Er schreibt weiter, sein Reportagezyklus "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser" über Chinesen in den unteren Gesellschaftsschichten, die er auf der Straße und im Gefängnis kennenlernte, macht ihn mit einem Schlag im Westen berühmt.

Berlin, die Stadt der Zuflucht

Der Mann mit der markanten Glatze bekommt Preise im Ausland, doch seine Bücher sind in der Heimat bis heute verboten. Zu Buchmessen und Literaturfestivals darf er nicht ausreisen, erst im September 2010 schafft er es einmal nach Deutschland, nachdem er Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einem Brief um Hilfe gebeten hat. Wegen der anhaltenden Repressalien setzt er sich im Juli 2011 endgültig nach Deutschland ab, lebt derzeit mit einem Künstlerstipendium in Berlin.

Liao selbst will sich nicht als Dissident sehen. "Ich interessiere mich nicht besonders für Politik, sondern für meine Geschichten", sagt er einmal. Dauerhaft im Ausland zu leben, kann er sich nicht vorstellen. Der Boden für seine schriftstellerische Arbeit sei "mitten unter dem Ameisenvolk der Chinesen", schrieb er damals an Merkel. Bald erscheint in Deutschland Liaos neues Buch - über die Ereignisse am Platz des himmlischen Friedens. Die Chancen auf eine Rückkehr nach China dürfte das nicht erhöhen.

ono/AFP
 
 
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