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Hausverbot fürs iPhone

Rauchen und lärmen darf man im Hause von Deutschlands bekanntester Literaturkritikerin. Aber iPhones erteilt Elke Heidenreich Hausverbot. Der Tristesse sagt sie ebenfalls Adieu und bekennt, welches Buch sie zum Weinen bringt.

Von Elke Heidenreich

Auch schön: mein Verleger wettert (und wie ich finde: zu Recht) in Interviews gegen das E-Book. Wie fühlt sich das denn an! Wie sieht das denn aus! Was soll das denn für ein Buch sein, ist das noch ein Buch? Natürlich nicht, pah!

Ich schreibe an einem neuen Buch, und im Vertrag wird über die Rechte fürs E-Book verhandelt. Nanu? Ich frage den Verleger, und er seufzt sehr und sagt, das sei alles sehr widersprüchlich, ja, und sehr gruselig, ja, aber man könne nun mal das Rad der Zeit nicht aufhalten. Und ich denke an die Leute, die damals gegen die ersten Eisenbahnen waren - viel zu schnell! Schneller als ein Mensch laufen kann! Das geht gar nicht! Da wird das Hirn krank! Ja, es dreht sich, das berühmte Rad der Zeit, ich sah schon erste E-Book-Leser im Zug, ich habe ihnen verächtliche Blicke zugeworfen und beklommen an meinen Vertrag gedacht.

Was soll ich tun, gegen das Rad der Zeit antreten, wie schon so oft? Ich hab ja damals nicht mal das Faxgerät aufhalten können oder das unsägliche iPhone, das all meine Freunde haben. Bei mir: Hausverbot dafür! Bei mir dürfen sie rauchen und lärmen, aber mit dem iPhone spielen ist verboten. Blöde Glasplatte, blöde. Leute, die so was haben, lesen auch nicht mehr. Sollten sie aber.

Johanna Adorjáns Roman über "Eine exklusive Liebe" ihrer Großeltern ist zum Beispiel noch viel besser und bewegender als alle schreiben. Wie sie das macht, sich da an zwei Leben vorsichtig heranzutasten, zu verstehen, Lücken der Information mit Phantasie und Liebe zu füllen, das lässt uns alle in letzter Zeit auf dem Speicher plötzlich gefundenen und quälend nacherzählten Familiengeschichten über Opas Geheimnis, Omas Verschwinden, Mutters heimliche Liebe und sonstigen Kram so in die Tonne hauen wie sonst Denis Scheck das mit Bestsellern tut. Adorjáns Buch verdient jedes nur denkbare Lob.

Ich lobe ja angeblich immer zuviel, ach ja, ich kann Ihnen gern auch mal sagen, was Sie um Himmels willen NICHT lesen sollen, aber wer hat was davon? Niemand. Aber, bitte, wenn Sie wollen: Lassen Sie es sein mit "Bonjour Tristesse" von Francoise Sagan, neu aufgelegt nach nun genau 55 Jahren. In den 60ern las ich es als Teenager, trug schwarze Pullover und wollte auch mit meinem Vater und seiner Geliebten verreisen, aber mein Vater war kein großer schöner Mann und die Geliebte eine ekelhafte Schnepfe, und eine weiße Villa in Nizza hatten wir auch nicht, und ich habe mich zersehnt mit diesem Buch. Kann man das heute in der schön gemachten Neuausgabe beim Verlag Schirmer & Mosel immer noch lesen? Nein, kann man nicht. Ganz alter kalter Kaffee, unsäglich.

Schreibt Jorge Volpi besser als Gabriel Garcia Marquez?

Nicht nur ich lobe, Gabriel Garcia Marquez sagt: Dieser Jorge Volpi, der schreibt besser als ich. Und das sagt immerhin ein Nobelpreisträger. Gut, Grass ist auch Nobelpreisträger, und ich wüsste auf Anhieb hundert, die besser schreiben als er, aber in Lateinamerika ist das nach Garcia Marquez nicht so einfach. Prüfen wir: Ist es Jorge Volpi mit "Zeit der Asche" gelungen? Ja und nein. So magisch poetisch wie der Kolumbianer ist der Mexikaner nicht, aber er ist verdammt gescheit und überblickt Dinge in dieser Welt, die ich nicht mal ansatzweise begreife: das Humangenom, Tschernobyl, den Bankencrash, und darüber schreibt er, und guck mal an: ich verstehe es.

Es unterhält mich, ich staune, ich werde klüger, und ganz nebenbei krieg ich auch noch einen Krimi mit reichlich Toten geliefert und drei spannende Frauenschicksale, die sich nach Untergang des Kommunismus und Wackeln des Kapitalismus von Moskau über Washington und Budapest plötzlich miteinander verknüpfen. Da ist alles drin, Mauerfall, Gorbatschow, Craig Venter, Sex and Crime, Palästinenserlager, Mord und Liebe. Besser als Garcia Marquez? Ach nein, nicht wirklich. Aber lange konnte man nicht so kluge 500 Seiten am Stück weg lesen. Muss ein Buch "klug" sein? Kann ja wohl nicht schaden im augenblicklichen Meer der Dummheit.

"Im Tal des Jammers breite deine Flügel aus"

Wenn man zu emphatisch ist, gibt es ja immer tüchtig Häme. Ich weiß, wovon ich rede. Für alle, die zuviel Gefühl immer ekelhaft finden, setze ich jetzt gern noch einen drauf, denn wo keine Emphase, da kein Brennen, wo kein Brennen, da keine Wärme, wo keine Wärme, da keine Menschen. Zur Sache: David Rieff hat in "Tod einer Untröstlichen" über das Sterben seiner Mutter Susan Sontag geschrieben, nein, nicht

so

, eben ganz anders. Ratlos. Beklommen. Wie zornig sie war, wie absolut untröstlich, dass es wirklich zu Ende ging, nach all den Kämpfen, und wo sie doch noch soviel leben und erleben wollte. Und da schreibt sie in ihr Tagebuch: "Im Tal des Jammers breite deine Flügel aus."

Der letzte Satz des Buches: Im Tal des Jammers breite deine Flügel aus. Und ich sitze da und weine und breite meine Flügel aus in diesem ganzen Jammertal und danke den Büchern, solchen Büchern, solchen Menschen und Autoren, dass es sie gibt oder gab.

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