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Vergesst Kehlmann, vergesst Roth

In der zweiten Folge ihrer Kolumne "Weiterlesen!" ruft Elke Heidenreich zur Entschleunigung im Kulturbetrieb auf und stößt Daniel Kehlmann vom Genie-Sockel.

Von Elke Heidenreich

Zwanzig? Vierzig? Ach, sagen wir großzügig: sechzig Kulturredakteure haben mich ungefähr um den 16. Januar herum angerufen, ich solle doch sagen, wie ich den neuen Kehlmann fände. Der "Spiegel" hatte es da bereits gesagt und soll dafür nun Strafe zahlen, denn da galt noch die Sperrfrist für Rezensionen - nicht vor dem 16.1.! Aber sowas hält ein "Spiegel" natürlich nicht ein in Zeiten, in denen schon ein vier Wochen altes Buch als Ladenhüter gilt, wenn noch niemand darüber berichtet hat. Ein Kritiker sagte neulich über "Spiegel" und "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", ein Buch, das schon erschienen sei, würde dort erst gar nicht mehr besprochen. Man ist der Erste oder man ist nicht. Literatur als Schnellschuss.

Strafandrohung bei Überschreitung der Sperrfrist, alles sehr werbewirksam und letztlich total wurscht. Die Halbwertzeit für Bücher wird kürzer. Kehlmann wollen alle und möglichst in den ersten drei Tagen, andere Bücher liegen und liegen, sind unter Umständen viel besser, und dann liegen sie ein wenig zu lange und ab damit, allenfalls in die Spalte "Vom Nachttisch geräumt". Die Arbeit vieler Monate, hui, vom Nachttisch geräumt. Warum kann man kein Buch mehr besprechen, das acht, neun Monate alt ist? Gar ein Jahr? Weil die nächsten nachdrängen, weil die Frühjahrskataloge im November und die Weihnachtskataloge im Juni kommen, wie der Christstollen und die Marzipankartoffeln im August. Kann man nicht mal irgendwo einen Entschleuniger einbauen? Die Kultur wird irrtümlich im selben Tempo verhandelt wie die Politik, das ist aber grundfalsch.

"So ein dünnes Hündchen"

Daniel Kehlmann wird geradezu hysterisch beweihräuchert wie Harry Potter, und auch die Meinungen über seine Qualität gehen trotz des Kritikerhype auseinander. Jaja, eine Seite jeweils in "FAZ" und "SZ" und "Zeit", ein Genie ist unter uns, ein Jahrhundertstreich wurde geschrieben, wir kriegen kaum noch Luft vor lauter Lobhudeln, und dann ach: So ein dünnes Hündchen. ("Dünnes Hündchen" habe ich von Harald Schmidt, der hat mir vor Jahren mal gestanden, dass Kay Lorentz vom Kom(m)ödchen zu seinen ersten Kabarettversuchen auf der Bühne gesagt hat: "Reichlich dünne Hündchen, Harald.")

Klar kann dieser Kehlmann schreiben, wir bei "Lesen!" wussten das schon im Juni 2003, als wir "Ich und Kaminski" vorgestellt haben, und "Die Vermessung der Welt" war auch bei uns so gut wie zuerst, im Oktober 2005, unter großzügigster Einhaltung der Sperrfristen, es interessierte sich einfach noch niemand. Also, mir muss man den Mann nicht erklären. Der kann was, der ist gescheit, der hat Phantasie, aber GENIE? WELTMEISTER? Das neue Buch heißt "Ruhm", schöner Schachzug, aber es ist reine Germanisten- und Kritikerprosa, wird sich natürlich reißend verkaufen, doch spätestens in der Mitte bleibt der Normalleser auf der Strecke und fragt sich: was denn nun? Sind die echt? Sind die fiktiv? Was ist echt, was ist ausgedacht? Das soll doch so sein! werden die Kritiker höhnen, aber Zwölftonmusik will ja auch keiner mehr hören, nur weil Adorno das sagt.

Vergesst Kehlmann, erst mal. Vergesst auch den neuen Philip Roth, der wie die alten ist, eher ein bisschen schlechter, vergesst leider den so sympathischen John Griesemer, der uns mit "Rausch" einen fabelhaften Roman hingelegt hat und jetzt mit "Herzschlag" ziellos herummäandert und sein Thema nicht findet. Schlaganfall? 11. September? Theater? Kindheit? Oder doch verfeindete Schwestern? Man weiß es nicht und legt das wirre Buch enttäuscht weg.

Einblick in die Arbeitswelt "ekelhafter Kontrolleure"

Was es derzeit gibt: richtig gute Unterhaltungsliteratur, gute Geschichten gut erzählt - zum Beispiel Annegret Held mit "Fliegende Koffer" bei Eichborn, ein Blick in die Arbeitswelt dieser ekelhaften Kontrolleure am Flughafen, die uns zwischen die Beine greifen und uns unsere Nagelscheren wegnehmen. Wie kommt man zu so einem Job und wie sieht der hinter den Kulissen aus? Hier stehts, flüssig erzählt! Oder TomMcNabs großer Roman über einen transamerikanischen Marathon ("Trans Amerika", Aufbau) in den unserer Zeit so ähnlichen Depressionsjahren um 1930. Schmöker für die Seele.

"Nirgends habe ich mehr Ruhe gefunden als in Wäldern und Büchern", hat der niederrheinische Mystiker Thomas von Kempen vor mehr als einem halben Jahrtausend gesagt. Heute findet man diese Ruhe in abstürzenden Flugzeugen: "Still wie in einer Bibliothek war es!", beschreiben Überlebende die Notlandung des Flugzeugs auf dem Hudson River. Wie schön, dass man noch weiß, wie es in einer Bibliothek ist, hätte ich diesen Vielfliegern gar nicht zugetraut, und auch der Kapitän ist noch gute alte Schule - als die Passagiere sich nach der Rettung bei ihm bedankten, soll er gesagt haben: "Gern geschehen." So gutes Benehmen lernt man nur aus Büchern! Und das in Amerika. Aber da wird ja auch bei der Vereidigung des Präsidenten tatsächlich ein langes GEDICHT verlesen, das Gedicht zur Amtseinführung, und ausgerechnet das ZDF lässt das lange Poem tatsächlich einfach so für sich stehen, während Peter Klöppel es zuquasselt, ein Gedicht! Wer will denn sowas, brauchen wir nicht, bringt nichts. (Später entschuldigt sich natürlich das ZDF dafür, NICHT reingequatscht zu haben, das war nicht etwa kluger Respekt, sondern technische Übersetzerpanne…)

Grässliche Titelpannen

Warum der neue Roman von Stewart O'Nan "Alle, alle lieben dich" heißt, weiß kein Mensch, "Songs for the Missing" wäre doch auch übersetzbar gewesen, oder? Aber wir haben ja schon "Alles Glück kommt nie" bei Anna Gavalda nicht begriffen, die Titelpannen werden immer grässlicher. Und die Bücherberge immer höher. Ach, die Kultur. Braucht das noch jemand? Krise! Kein Geld! Sparen! Die Sponsoren springen ab, überall, und die Museen können keine Ausstellungen mehr planen und zeigen ihre eigenen Bestände. "Rückkehr zur Kernkompetenz", heißt das vornehm, bedeutet aber: olle Kamellen statt Mut zum Neuen. Ein Museum in New York verkaufte diesen Winter Kunstwerke, um heizen zu können. Das ist ja wie bei den öffentlich-rechtlichen Sendern: das Museum ist eines Tages leer, aber schön geheizt, und das Fernsehen sendet irgendwann höchst spannend: Verwaltung. Macht nichts. Die Kultur kommt eben auf anderen leisen Pfoten. Die Gewerkschaft heißt ja schon Verdi und die Gasleitung, die über die Türkei Gas aus Zentralasien an Russland vorbei bringt, heißt Nabucco. Geht doch.

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