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Wenn Gene reisen

In der ausladenden Familiensaga "Middlesex" beschreibt Jeffrey Eugenides das Schicksal eines Hermaphroditen - und ganz nebenbei 50 Jahre US-Geschichte

Als ihn ein Fotograf vor vier Wochen auf einer Lesereise in Prag vor die Linse bat, zog sich Jeffrey Eugenides erst einmal ein neues Hemd an. "Es war halb eins nachts, ich kam aus einer Bar, und das Hemd war kneipenbefleckt. Und wenn er mich schon fotografieren wollte, dann bitte sauber." Immerhin nannte der Fotograf einen guten Grund für seinen Überfall. "Er sagte, ich hätte den Pulitzer-Preis gewonnen", sagt Eugenides. Den bedeutendsten Literaturpreis der USA. "Ich habe ihm natürlich kein Wort geglaubt."

Auch der Erzähler in Eugenides' Roman "Middlesex" gibt eine reichlich unwahrscheinliche Geschichte zum Besten: "Ich wurde zweimal geboren", beginnt das Buch, "zuerst 1960, als Mädchen in Detroit, und dann als Junge, in einer Notfall-Ambulanz im August 1974. Fachleute könnten mir in der Studie "Geschlechtliche Identität bei 5-alpha-Reduktase-Pseudohermaphroditen" begegnet sein - ich bin das Mädchen auf Seite 578. Nackt, neben der Messlatte." Ein zweigeschlechtliches Wesen also. Damit nicht genug: "Ich wollte nicht nur über Hermaphroditen schreiben - viel zu dünn", sagt Eugenides.

Familiengeschichte rund ums Gen

So enstand, was Erzähler/in Calliope (Mädchenname), später Cal (Männername) eine "Achterbahnfahrt eines Gens durch die Zeit" nennt. In anderen Worten: "Ich brauchte eine Familiengeschichte, auch um die Mutation eines Gens zu erklären", sagt Eugenides. So beginnt "Middlesex" im Jahr 1922, mit der türkischen Eroberung der Ägäis-Stadt Smyrna. Desdemona und Lefty Stephanides fliehen per Frachtschiff - und dort geschieht Bedenkliches: Schwester und Bruder verlieben sich - und sind bei der Ankunft in Amerika nicht nur blutsverwandt, sondern rechtmäßig verheiratet. Die Basis ist gelegt für eine Geschichte, die quer durch Amerika, durch sämtliche Verzweigungen der Familie Stephanides und durch 50 Jahre amerikanischer Geschichte führt.

Spätestens jetzt erweist sich Calliope als perfekte Erzählerin, denn ihre Zerrissenheit zwischen weiblicher und männlicher Seite ist nur einer unter vielen Gegensätzen; der mitunter nicht lösbare Konflikt zwischen Altem Europa und Neuer Welt ist ein anderer, der am lustigsten wird, wenn Desdemona das Geschlecht ihres Enkelkinds schon vorgeburtlich zu bestimmen versucht - die Pendelbewegungen eines silbernen Löffels über dem dicken Bauch ihrer Schwiegertochter sagen klar: Junge. Ihr Sohn Milton aber hat schon den Befruchtungsakt mittels neuester Erkenntnisse (männliche Spermien schwimmen langsamer) gesteuert, und zwar in Richtung Mädchen.

Vertrautes in die Geschichte eingebaut

Der 42-jährige Autor hat zahllose Anspielungen auf die schöne alte Welt der Literatur versteckt, und nicht alle sind so eindeutig wie der Name "Calliope" - der bezeichnet in der griechischen Mythologie die Muse der epischen Dichtung. Auch Eugenides Lebenslauf ist in den Orten der Handlung versteckt: Wie Calliope wuchs er im noblen Vorortviertel von Detroit auf, der Titel "Middlesex" steht im Roman für das Haus der Stephanides, Eugenides wohnte in einer Straße gleichen Namens. Calliope wird in New York erstmals medizinisch klassifiziert, er las dort am College zum ersten Mal Tolstoi - und natürlich ist er, wie Calliope, Spross griechischer Einwanderer. Keine Lust, Neues zu erfinden, Herr Eugenides? "Ich brauchte Vertrautes in der Geschichte, um an Calliope glauben zu können. Und an Detroit können Sie Amerika erklären: die Stadt der Fordwerke, die Stadt der schlimmsten Rassenunruhen, die Stadt des steilsten Aufstiegs. Und wenn Sie hinfahren, wissen Sie, dass es auch die Stadt des Niedergangs ist."

Neun Jahre hat Eugenides an seinem Roman gearbeitet, und wohl deshalb finden sich reichlich Absätze, aus denen man ausgewachsene Romane stricken könnte. Und mehr als alles andere hielten merkwürdige Erlebnisse den Schriftsteller auf Trab, und wenn er die erzählt, wird er sehr lebendig, seine Augen schalten von sehr konzentriert auf voll entspannt: "Anekdote 1: Es gibt im Buch ein Mädchen, in das sich Calliope verliebt und zum ersten Mal männliche Gefühle entwickelt - eine zentrale Szene. Ich habe das Mädchen "Objekt" genannt, nach einer Klassenschönheit auf meiner High School, die wir Jungen das "Objekt der Begierde" nannten. Genau an dem Tag, an dem ich mit "Middlesex" fertig bin, gehe ich auf eine Party. Und wen treffe ich dort nach Jahrzehnten wieder: das Objekt." Kichern.

"Anekdote 2: Ich habe das Buch gerade angefangen und muss mit meiner Frau zum Gynäkologen. Und wer ist der Arzt? Der Autor der Studie über das mutierte Gen, das der ganzen Geschichte zugrunde liegt." Lautes Lachen. Und hier in Berlin wohnt er seit 1999 direkt über einem "Zentrum für Sexualforschung". Hihi.

Berlin passt für einen Hermaphroditen

Berlin kommt auch im Roman vor, der zum Mann gewordene Cal kommentiert seine Geschichte von hier und aus der Jetzt-Zeit. Ein Tribut an die Deutschen, die ihn ein paar Jahre mit Stipendien über Wasser hielten? "Vielleicht. Aber Berlin ist auch die Stadt der Vereinigung - genau das Richtige für einen Hermaphroditen." Und warum sind die Passagen aus Berlin so unzeitgemäß hoffnungsvoll, warum findet Cal hier seine erste Liebe? "Ach, ihr Deutschen, ihr seid schnell oben und noch schneller wieder unten", grinst Eugenides, "1999 fandet ihr hier alles prima. Drei Jahre später ist alles Mist. Ich kenne das, ich bin genauso. Aber lasst euch sagen: Die Stadt der Hoffnung ist Berlin."

Stephan Draf/print

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