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14. Dezember 2003, 09:30 Uhr

Magischer Markt

Das Geschäft mit Fantasy-Geschichten boomt. Ob Rollenspiel, Online-Game oder schlichtes Buch - die Sehnsucht nach neuen Welten ist größer denn je.

Alles für den Ring: Viele Jugendliche praktizieren Rollenspiele© Warner Bros.

Die Höhle ist drei mal vier Meter klein, bestückt mit Kerzen, Kiefernmöbeln und Efeuranken. An der Wand blitzt ein Schwert, und auf dem Schreibtisch, neben dem Flachbildschirm von Aldi, stehen drei langstielige Holzpfeifen. Norina raucht nicht, aber die Hobbits mögen Tabak. "Ich kann nicht sagen, dass mir Frodo viel bedeutet. Ich sage immer, ich bin Frodo." Seit drei Jahren lebt die 17-jährige Gymnasiastin aus Ellerau bei Hamburg mit den Figuren aus Tolkiens fantastischer Welt. Die dunkelbraunen Haare hat sie auf Kinnlänge gestutzt, dank neuer Dauerwelle fallen sie in kleinen Locken ums Gesicht. Nun sieht sie auch im Alltag ein wenig aus wie Frodo.

Um ihren Hals baumelt der Ring; den hat sie immer dabei, wenn sie das Haus verlässt. Eigentlich sei sie schüchtern, sagt Norina, aber als Frodo fühle sie irgendwie stärker. "Menschen, die sich so tief in diese Welt hineinversetzen können, sind etwas Besonderes, sie sind künstlerisch und haben Eigenschaften, die sie miteinander verbinden", sagt Norina. Im November war sie auf der "Ring-Con" in Bonn, dem größten europäischen Herr-der-Ringe-Treffen - mehr als 3000 Fans feierten. Norinas blaue Augen leuchten: "Das war der Hammer, aber eigentlich muss es doch noch etwas viel Größeres geben."

Größer? Kein Problem. Denn Tolkiens Mittelerde ist keineswegs das einzige Szenario, in dem sich Freunde des Fantastischen tummeln. Die Freude am Magischen, am Verzauberten, an etwas ganz und gar Anderem treibt vielfältige Blüten: Der Fantasy-Buchmarkt boomt, der Heyne Verlag hat 250 Titel im Angebot und erreicht mit ihnen jedes Jahr eine Millionenauflage. Und Zehntausende wollen es beim Lesen nicht lassen: Junge Männer kaufen blondes Kunsthaar im Beautyshop, um als echter Elbe zu beeindrucken, Tausende laufen als Rollenspieler angetan mit Kettenhemden oder Zauberumhängen durch deutsche Wälder. Oder, bequemer: Sie loggen sich ein in virtuelle "Universen", die größer sind, als sie je ein Mensch gesehen hat.

"Das ist eindeutig eine Flucht aus der Wirklichkeit. Uns fehlen echte Abenteuer, wir sind genetisch nicht mehr ausgelastet. Aber in der Fantasy-Welt kann jeder Drachen besiegen und Orks köpfen", sagt Gimli, ein ziemlich großer Zwerg mit braunem Zopf. Seit drei Jahren leitet Gimli, 25, bürgerlich Alexander Lapeta, unter www.elbenwald.de den erfolgreichsten deutschen Online-Shop in Sachen Fantasy: 18 feste Mitarbeiter, 1000 Produkte, knapp drei Millionen Euro Umsatz - eine fantastische Erfolgsgeschichte. Allein den Ring - aus Edelstahl kostet er 82, aus Platin 1500 Euro - hat er rund 30000-mal verkauft.

"Fantasy ist Eskapismus pur", bestätigt auch Friedel Wahren, seit 25 Jahren in verschiedenen deutschen Verlagen als Lektorin tätig, "und das Rezept ist immer gleich: Sie brauchen eine sehr gut ausgeleuchtete Bühne, eine völlig neu erschaffene Welt, in der die Leser ausgiebig spazieren gehen können." Dabei ist der Schöpfungsakt oft das einzig Neue. "Die Fans wollen lieber eine Geschichte in sechs Bänden als sechs verschiedene Romane", so Wahren, "die neue Welt soll stets die Gleiche bleiben." Die Story darf ruhig kompliziert sein, aber "mit den Figuren muss man sich identifizieren können, sonst verkaufen Sie nichts". Nach wie vor spielen die meisten Romane in einer entschärften mittelalterlichen Welt, und die Handlung ist "häufig auf die König-Artus-Sage zurückzuführen", sagt die Expertin. Schon dort finden sich alle Zutaten für ein Fantasy-Büfett: die Mission - wie die Suche nach dem Heiligem Gral. Die Verschworenheit der Gemeinschaft, ob Hobbits und Elbenkönige oder die Ritter der Tafelrunde. Und eine Welt, in der gut noch gut und böse noch böse ist.

Bücher sind oft nur der Anfang einer märchenhaften Expansion: "Die Leute lesen einen Roman, der ihre Fantasie anregt. Dann gehen sie ins Kino und genießen die schönen Bilder. Danach haben viele das Bedürfnis, selbst in die Geschichte einzugreifen und mit anderen etwas zu gestalten", sagt Jens Uwe Intat, Europachef der Computerspielfirma Electronic Arts, die inzwischen mehr als 200 Millionen Euro mit Fantasy-Spielen umsetzt.

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