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"Ideologien sind Zeitverschwendung"

Frank Schätzing kommt zum Hamburger Literaturfestival "Lesen ohne Atomstrom", um sich für die Energiewende einzusetzen. Im Interview wendet er sich gegen "Feindbilder" und "Weltverbessererpathos".

  Im März las Frank Schätzing beim Literaturfestival Lit.Cologne aus seinem neuen Roman "Breaking News". Nun tritt er in Hamburg bei "Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage" auf.

Im März las Frank Schätzing beim Literaturfestival Lit.Cologne aus seinem neuen Roman "Breaking News". Nun tritt er in Hamburg bei "Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage" auf.

Herr Schätzing, warum machen Sie mit bei "Lesen ohne Atomstrom"?
Um klar zu sagen: Energiewende ist machbar. Aber dann macht auch!

Das klingt, als wollte ein Schriftsteller der Politik Beine machen. Soll Literatur politisch sein? Soll sie sich in aktuelle gesellschaftliche Konflikte einmischen?


Sie soll und muss gar nichts. Literatur, die um jeden Preis politisch und gesellschaftlich relevant sein will, ist so lästig wie allergisches Jucken. Aber sie kann.

"Lesen ohne Atomstrom" ist gezielt gegen die Vattenfall-Lesetagen angetreten. Nun hat der Energieriese, dem Kulturmissbrauch zur Imagepflege vorgeworfen wurde, aufgegeben. Was war eigentlich schlimm daran, dass der Konzern Literatur gesponsert hat?


Nichts. Die Verbissenheit, mit der Vattenfall zum Buhmann erklärt wurde, hat mich eher gestört. Kulturförderung durch Großunternehmen ist sogar wünschenswert. Viele Künstler und Festivals könnten ohne solche Zuwendungen gar nicht überleben. Ginge es bei Lesen ohne Atomstrom einzig darum, Feindbilder zu pflegen, wäre ich schon nicht mehr dabei. Mich interessiert ausschließlich der Blick nach vorne: Wie kann man die Energiewende beschleunigen? Ohne Weltverbessererpathos und Konzernschelte, sondern mit handfesten Initiativen.

Gibt es eine politische Strömung oder Idee, der Sie nahestehen? Sind Sie "grün"? Womöglich klammheimlicher Greenpeace-Sympathisant?


Oh, Sie suchen nach einem Etikett? Sorry. Ich bin Pragmatiker. Mal haben die Grünen die cooleren Ideen, mal kommen sie aus der CSU. Ideologien sind Zeitverschwendung. Es geht um Lösungen, um den Schulterschluss verantwortlich denkender Köpfe. Egal, welchem Verein die angehören.

Wäre der ungebremste Klimawandel, wie er gerade wieder vom Weltklimarat beklagt wurde, nicht ein Stoff für Ihren nächsten Thriller?


Und wissen Sie, wie der heißen würde? Nature's way. Klar müssen wir alles daransetzen, unseren Einfluss so gering wie möglich zu halten. Ich bin nur überzeugt, dass er ohnehin äußerst gering ist. Die Erde ist ein veränderliches System. Das war sie schon, bevor Homo sapiens aufkreuzte. So oder so wandelt sich das Klima, mit oder ohne uns. Wir sind lediglich eine von ungezählten Spezies, die seit drei Milliarden Jahren mit der Ökosphäre wechselwirken und sie dadurch verändern. In grauer Vorzeit erfanden Einzeller die Photosynthese, setzten massenhaft Sauerstoff frei - zack, starben eben mal 80 Prozent aller damaligen Lebensformen. Wir können die Menschheit nicht komplett aus dem Programm nehmen, also werden wir den Planeten weiter verändern, und er wird uns verändern. Sich gegen die Natur zu stemmen, ist lächerlich. Wir sollten weniger lamentieren als vielmehr Konzepte entwickeln, wie wir mit dem Wandel leben können.

Frank Schätzing präsentiert seinen neuen Thriller "Breaking News" um den Israel-Palästina-Konflikt exklusiv mit dem israelischen Schriftsteller Uri Avnery am Freitag, 25. April, in der Hamburger Laeiszhalle. Das Festival "Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage", das zum vierten Mal in Hamburg stattfindet, startet am 22. April und geht bis zum 27. April. Über 40 Künstler und Autoren treten in teils ungewöhnlichen Spielstätten wie dem St. Pauli-Stadion ohne Gage auf - unter ihnen Thomas Quasthoff, Feridun Zaimoglu, Katharina Hagena, Miroslav Nemec, Werner Schneyder und Paul Maar. Der Eintritt ist frei. Programm und Informationen der Veranstalter unter www.lesen-ohne-atomstrom.de

Interview: Wolfgang Metzner
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