Das Herzstück des deutschen Literaturbetriebs liegt zwischen zwei Wohnzimmern: dem des Kleinverlegers Joachim Unseld und dem seiner Stiefmutter Ulla Berkéwicz - die Frankfurter Buchmesse 2007 wurzelte im Spannungsfeld eines ausgewachsenen Ödipus-Konflikts. Eine Bilanz von Stephan Maus

391.653 Titel, 283.293 Besucher: die Bilanz Frankfurter Buchmesse 2007 in nackten Zahlen© DDP
7.448 Aussteller aus 108 Ländern, 391.653 Titel, 283.293 Besucher, davon 154.269 Fachbesucher: Das sagt das Rechenzentrum der Frankfurter Buchmesse. Doch nicht das Rechenzentrum beherrscht die Messe, sondern andere Räume. Es sind vor allem zwei Wohnzimmer, die während der Buchmesse das Herzstück des deutschen Literaturbetriebs bilden. Eines gehört Ulla Berkéwicz, der Witwe des verstorbenen Siegfried Unseld, die den Platz ihres Mannes eingenommen hat und heute den Suhrkamp-Verlag führt. In der Unseld-Villa im Frankfurter Nordend kommt man am Mittwochabend zum traditionellen Kritikerempfang zusammen.
Tags drauf empfängt dann Unselds Sohn Joachim, der ursprünglich den Suhrkamp Verlag führen sollte, aber von Ulla Berkéwicz entthront wurde. Suhrkamp Junior hat nicht lange gefackelt, sondern die feine Frankfurter Verlagsanstalt übernommen, die er heute mit sicherem literarischen Urteil leitet. In seiner geschmackvoll eingerichteten Villa voller moderner Kunst trifft sich zu später Stunde alles, was Rang und Namen im Buchgeschäft hat. So scheint der Literaturbetrieb seine Energie aus dem Spannungsfeld eines ausgewachsenen Ödipus-Konflikts zu schöpfen. Die Frankfurter Buchmesse wurzelt im Mythischen.
Der Kritiker-Empfang bei Ulla Berkéwicz ist eine feierliche Angelegenheit vor Büsten und Bücherregalen. In einem überfüllten Erdgeschoss liest pünktlich ab 17 Uhr jener Autor, auf den der Verlag in der kommenden Saison besonders setzt. Diese Ehre wurde dieses Jahr Marcel Beyer zuteil. Dass diese Veranstaltung nicht allzu sehr nach Weihrauch duftete, war dem Schriftsteller Robert Menasse zu verdanken, der an diesem Abend mit unerschöpflicher Energie den schwefligen Satansbraten gab. Verständlich, denn schließlich hat der Wiener ein Image zu verteidigen. Sein in diesem Herbst erschienener Roman "Don Juan de la Mancha" weist den schärfsten ersten Satz der letzten zehn Jahre auf: "Die Schönheit und Weisheit des Zölibats verstand ich zum ersten Mal, als Christa Chili-Schoten zwischen den Händen zerrieb, mich danach masturbierte und schließlich wünschte, dass ich sie - um es mit ihren Worten zu sagen - in den Arsch ficke."
Gut, danach kann man sich nicht bei Frau Berkéwicz in den Ohrensessel setzen und Pfefferminztee trinken. Menasse klopfte markige Sprüche, polemisierte wild fuchtelnd gegen den ewigen Nobelpreisfavoriten Thomas Pynchon und arbeitete mit knetenden Händen an fremden Frauen und an dem Ruf eines Wiener Don Juans. Kam man ihm frech, schaute er einem tief in die Augen und kehrte den Dorfgockel heraus: "Junger Mann, Sie riskieren ihr Nasenbein." Für Kritikerblut auf Frau Berkéwiczs Wohnzimmerteppich hätte man schon einmal ein Nasenbein geopfert.
Ist der klassische Suhrkamp-Empfang von je her eine eher geschlossene Veranstaltung, von der unliebsame Kritiker auch schon einmal ausgeschlossen werden, erwies sich Joachim Unseld auch dieses Jahr wieder als unkomplizierter Gastgeber. Rauchen Sie noch eine, rauchen Sie!" ermunterte er seine Gäste. Zu später Stunde wurde der Gastgeber dann anatomisch: "Ich muss Sie unbedingt einer meiner Autorinnen vorstellen. Sie werden sich verstehen. Sie haben nämlich dieselbe Augenstellung." Weit nach Mitternacht fielen dann alle Schranken, und ein Kleinverleger pinkelte enthemmt in den Verlegergarten. Insgesamt herrschte hier eine Atmosphäre wie wohl in jenem Werk, das sich in diesem Jahr zum größten Messedeal entwickelte: Die Memoiren des Rolling Stones-Gitarristen Keith Richards waren der Hype der Saison.
Neben den beiden verfeindeten Unseld-Wohnzimmern sind es vor allem drei Preise, die der formlos durch die stickigen Messehallen wabernden Zeit ein wenig Struktur geben. Am Messemontag wurde der deutsche Buchpreis verliehen. Dieses Jahr bekam ihn Julia Frank für "Die Mittagsfrau", ein Familienroman über zwei Weltkriege hinweg, dessen literarische Kraft wohl nicht ganz an die Memoiren von Keith Richards heranreicht. Jedenfalls war sich das Fachpersonal in Wohnzimmern und gut gedüngten Verlegerrabatten einig, wem der Preis in Wahrheit gebührte: Niemand hätte dieses Jahr die Auszeichnung mehr verdient als Ulrich Peltzer für seinen grandiosen Roman "Teil der Lösung."
Solange solche Bücher nicht einmal auf der Longlist stehen, wird niemand diesen Preis so recht ernst nehmen wollen. Und was ist eigentlich mit der Lyrik? Aber vielleicht sind krasse Fehlentscheidung ja genau dazu gut: zu verhindern, dass irgendjemand auch nur eine Sekunde glaubt, solche Preise hätten irgendetwas mit echter Literatur zu tun. Ökonomisch sind sie natürlich äußerst reizvoll: Julia Franks Roman verkaufte sich gleich am ersten halben Tag nach der Preisvergabe 35.000 Mal. Das macht bei den üblichen zehn Prozent vom Ladenpreis für die Autorin 70.000 Euro.