Vir Sanghvi ist Herausgeber der Hindustan Times, Fernsehmoderator und Buchautor. Mit stern.de sprach er über die Hintergründe des indischen Wirtschaftswunders und über die Eigenarten seines Landes. Von Andrea Ritter

Vir Sanghvi ist einer der bekanntesten Publizisten Indiens© Frederking & Thaler Verlag
Indien hatte den großen Vorteil, eine funktionierende Demokratie etablieren zu können - was in den meisten afrikanischen Staaten leider noch nicht gelungen ist. Anfangs gab es große Schwierigkeiten, aber etwa seit den 1980er Jahren erkannten besonders die Menschen am Rande der Gesellschaft, dass das demokratische System ihnen entgegen kommt - und die breite Masse begann, die Demokratie zu unterstützen. Bis vor wenigen Jahren konnte man zwar immer noch Stammtischforderungen nach einem starken Herrscher hören, aber inzwischen ist das vorbei. Es ist also eine Kombination aus Demokratie, Wirtschaftswachstum durch freie Marktwirtschaft und dem starken Streben danach, eins mit der Welt zu sein - das hat den Wandel für Indien beeinflusst.
Darüber habe ich lange nachgedacht. Weil man sagen könnte: Wir wurden von den Briten kolonisiert, die ein demokratisches System haben, deshalb hat es bei uns funktioniert. Aber in Afrika gab es auch britische Kolonien - und da funktionierte es nicht so reibungslos. Pakistan und Bangladesh gehörten früher auch zu Indien - aber ein demokratisches System hat trotzdem nicht funktioniert und nun herrscht dort quasi eine Militärdiktatur. Es muss also andere Gründe geben, und die liegen auch in der indischen Armee. Sie hat nie politische Macht ergriffen. Selbst wenn es Unruhen gab, hat das Militär nie die Führung übernommen. Warum das allerdings so ist - ich weiß es nicht. Das ist eines der großen Rätsel.
Zu einem großen Teil basiert er natürlich auf dem wirtschaftlichen Aufschwung, der wiederum die soziale Gerechtigkeit beeinflusst hat. Indien ist eines der kompliziertesten Länder was Minderheiten, Kasten und soziale Unterschiede angeht. Früher war die soziale Ordnung vorbestimmt: Wenn man in einer Kaste geboren wurde, folgte man dem Lebenslauf, der durch diese Kaste vorbestimmt war. Jetzt ist das nicht mehr so. Das soziale System ist beweglicher geworden, und das ist natürlich ein Verdienst der Demokratie. Bei den Wahlen ist die Stimme eines Millionärs genauso viel wert wie die Stimme eines Schuhputzers - und das ist gut. Allerdings gab es in den vergangenen zehn Jahren eine explosionsartige Bildung kastengebundener Parteien, was wiederum ein großes Problem ist. Wenn jede Kaste eine Partei hat, die sich um ihre jeweiligen Belange kümmern will, hindert das die indische Demokratie letztlich daran, sich voll zu entfalten, weil es zu kleinteilig wird.
Nun, er ist immer noch ausbaufähig. Indien ist Rekordmeister darin, sich sehr schnell an wechselnde Verhältnisse anzupassen. Wir sind sicher noch nicht so stark wie die Chinesen, wenn es darum geht, ausländische Investoren in das Land zu holen. Aber wenn man jetzt mal von China absieht, hat kaum ein anderes Land ein so großes wirtschaftliches Potenzial wie Indien. Und eigentlich ist Indien auch ganz zufrieden damit, hinter China zu liegen, denn immerhin respektieren wir demokratische Rechte, wir unterdrücken keine Kulturen und schlachten keine Menschen ab. Der Optimismus ist gerechtfertigt, weil er auf zwei Pfeilern ruht: Der verbesserten Wirtschaftslage und der sozialen Gerechtigkeit.
Nein. China ist beispielsweise komplett abhängig von ausländischen Investoren. Dass es in Indien nicht so viel ausländische Investoren gibt, ist so gesehen sogar ein Vorteil, weil das Land sich um wirtschaftliche Unabhängigkeit von ausländischen Märkten bemühen musste.
Der Outsourcing-Bereich wächst in der Tat sehr schnell. Aber prozentual macht er nur einen sehr geringen Teil der Gesamtwirtschaft aus. Dieser Bereich bekommt mehr Aufmerksamkeit, als er verdient hat. Wenn morgen alle Call Center schlössen und es auch sonst kein Outsourcing mehr gäbe, wäre das in einigen Städten ein Problem. Auf die indische Wirtschaft insgesamt hätte das jedoch keine Auswirkungen. Im Moment ist das eher ein Medien-Phänomen als ein wirtschaftliches.