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Popstar aus Arkadien

Sein Leben ist so spannend wie seine Dramen. Vor 250 Jahren kam Friedrich Schiller als Sohn eines Offiziers im Marbach am Neckar auf die Welt. Birgit Lahann hat lange für den stern gearbeitet und ein Buch über Schiller geschrieben. Sie folgte den Spuren des Dichters zu den Schauplätzen seines wilden Lebens.

Schiller steigt aus dem engen Feldbett, steht da in seiner dürftigen Bude, die ewig nach kaltem Rauch riecht, sucht zwischen leeren Flaschen, Büchern und Socken seine Sachen zusammen, schwingt sich dann mit Degen und Dreispitz in den Sattel und galoppiert auf Befehl nach Schloss Hohenheim.

Dort staucht ihn Württembergs Herzog Karl Eugen zusammen. Er weiß alles. Weiß, dass Schiller seine aufrührerischen "Räuber" nach Mannheim geschmuggelt hat, weiß, dass die Uraufführung ein Triumph war, fürchtet um Gehorsam und Disziplin und verbietet seinem rebellischen Regimentsmedikus, der da so stolz vor ihm steht, weiterhin Dramen zu schreiben. Ein für alle Mal. Und obendrein gibt's vierzehn Tage Haft.

Da sitzt der 21-Jährige nun eingesperrt in der Stuttgarter Hauptwache und könnte verzweifeln. Wie damals im Gefängnis seiner Jugend. Mit 14 wurde er vom Herzog gegen den Willen der Eltern einkassiert - in die militärische Pflanzschule, diese Sklavengaleere für künftige Führungskräfte. Todtraurig und mit wunder Seele unterwirft der Junge sich sieben Jahre lang dem Drill. Muss sich die Haare pudern, weil der Herzog rote Haare hasst. Und dauernd soll er sich waschen und seine Kleider sauber halten. Er will sich aber nicht waschen. Sollen sie ihn doch Schweinpelz nennen. Ist ihm so egal.

Damals erwacht in Schiller der Dichter mit Sturm und Drang. Nachts schreibt er an seiner Revolte, den "Räubern", und entlädt seine sturmgepeitschte Fantasie. Nachts ist es ruhiger. Und die Aufseher kontrollieren nur in Abständen. Er schmuggelt Kerzen in den Schlafsaal, legt Lehrbücher zum Überdecken seiner Räuber-Szenen bereit und schreibt wild und wolllüstig: Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, und stampft dazu im Rhythmus seiner Worte. Fritz, was ist? Was machst du da? Und schon sitzt Schiller am Bett des Kameraden mit kleckernder Kerze und liest flüsternd die frische Szene vor.

Als Schiller die Schule hinter sich hat und glaubt, endlich frei zu sein, steckt der Herzog den Medizinstudenten ins Regiment von General Augé. Das ist nun wirklich das Allerletzte. Augé ist das Krüppelregiment, sind Invaliden, in Schlachten zusammengeschossen und notdürftig geflickt, verwilderte Gestalten in zerlumpten Uniformen.

Nach dem Dienst schreibt Schiller an seinem neuen Stück, an "Fiesko", oder er trifft sich mit alten Schulfreunden im "Ochsen". Da wird gequatscht, gekegelt und vorgelesen, Schach und Karten gespielt. Und natürlich haben die Kerls, die jahrelang nur mit Männern zusammenlebten, nun Lust auf das andere Geschlecht. Aber auch Manschetten vor dem, auf das sie niemand vorbereitet hat. So gehen sie denn erst mal ins Bordell - en companie. Und alle Lust, alles Verlangen, alle Sehnsucht entlädt sich nun in Schillers Lyrik: Deine Blicke - wenn sie Liebe lächeln,/ Könnten Leben durch den Marmor fächeln.

Je tiefer er in den Sog des Schreibens gerät, desto klarer wird ihm, dass er der Schikane des Herzogs entrinnen muss. Er muss weg aus Württemberg. Weiht seinen Freund Andreas Streicher ein, den Pianisten, der verlässlich ist und ihn begleiten wird. Als Streicher ihn am Tag der Flucht abholt, sitzt Schiller versunken zwischen Büchern und Manuskripten, sitzt auf der Erde und schreibt. Wir müssen packen!, sagt Streicher. Die Zeit drängt! Hör zu, sagt Schiller und liest ihm erst mal seine Ode vor.

Als hoch über Stuttgart auf des Herzogs Schloss Solitude für ein rauschendes Fest tausend Kerzen flackern, rollt unten durch die Stadt eine mit zwei Koffern, einem Klavier und der "Verschwörung des Fiesko zu Genua" beladene Kutsche in die Freiheit.

Sie fliehen nach Mannheim, nach Frankfurt, nach Oggersheim. Oft zu Fuß, meist knapp bei Kasse, immer in Angst vor den Spitzeln des Herzogs. Und doch arbeitet Schiller in billigen Gasthöfen lustvoll weiter an "Kabale und Liebe", seiner Luise Millerin. Sie ist seine Rachegöttin, die noch einmal mit dem Herzog abrechnet. Abrechnet mit Korruption, Willkür und zerstörten Lebensläufen. Das Trauerspiel ist die Wirklichkeit.

Abends legt er die Feder aus der Hand, denn er kann nichts mehr sehen, und für Kerzen haben die beiden kein Geld. Doch die Gedanken müssen in Bewegung bleiben, und das geht bei Schiller am besten mit Musik. Wenn es dunkel wird, setzt sich der Freund ans Klavier und improvisiert, und der Mond leuchtet durchs Fenster, und Schiller geht in der Kammer auf und ab und stößt, angefeuert von Streichers Spiel, unvernehmliche, begeisterte Laute aus. Erschöpft und hungrig schlafen sie dann im gemeinsamen Bett ein.

Als Schillers Angst vor des Herzogs Schergen zu groß wird, bittet er Henriette von Wolzogen um Asyl. Sie ist die Mutter eines Schulfreundes und besitzt ein kleines Gutshaus in Thüringen. Dorthin reist er nun mit der Postchaise. Es ist Dezember, es zieht durch alle Ritzen, und Schiller hat nur diesen leichten Überrock. Nach elenden sieben Tagen kommt er im tief verschneiten Bauerbach an. Seine Gönnerin hat alles vorbereiten lassen: zwei Zimmer, der Ofen glüht, und das Bett ist frisch bezogen. Hier nun will er schreiben, schreiben, schreiben.

Und zwischen Rausch und Melancholie beginnt er sein viertes Stück, dessen Titelheld seine große Liebe ist: Don Carlos, der Infant von Spanien, der Kronprinz eines Weltreichs, der müde Idealist, der zusammen mit Freund Posa, einem Malteserritter, das von Spanien gedemütigte Flandern befreien will: Arm in Arm mit dir, So fordr ich mein Jahrhundert in die Schranken.

Mit Carlos verbringt er seine Tage. Mit Carlos spricht der 23-jährige Dichter: Dreiundzwanzig Jahre, Und nichts für die Unsterblichkeit getan! Nie wieder hat Schiller eine Figur auf so hohem Seil tanzen lassen: Die Seele, sagt er, hat Carlos von Shakespeares Hamlet und den Puls von mir.

So gehen die Wochen, die Monate dahin. Schiller atmet die Freiheit und schluckt schwer an der Liebe. Denn im Mai 1783 reist seine Gönnerin Henriette von Wolzogen mal wieder mit ihrem Töchterchen an, der hübschen Charlotte, die der Dichter anbetet.

Ja, er will sie heiraten,

die kokette Aristokratin, er, der Bürgerliche ohne Geld. Doch Henriette von Wolzogen hat andere Pläne mit ihrer Tochter. Auf einem langen Spaziergang sagt sie ihm, dass alles doch nur Schwärmerei ist. Und wo will er hier in diesem Dorf denn Anregungen herkriegen?

Und in Mannheim hat sich herumgesprochen, dass Schiller "Kabale und Liebe" abgeschlossen hat. Ein Sittendrama. Wenn das nichts ist fürs Publikum! Also Heribert von Dalberg, der Intendant, bietet ihm einen Posten als Theaterdichter an. 300 Gulden für ein Jahr und drei Stücke. Ein schäbiges Angebot, aber Schiller ist selig.

Die Hitze der Sommerwochen ist unerträglich. Festungsgräben faulen, Brunnen sind vergiftet, jeder dritte Mannheimer ist krank, und die Todesfälle häufen sich. Auch Schiller hat die Seuche. Er sitzt mit Fieber am Schreibtisch, Überarbeitet seinen "Fiesko" und therapiert sich mal wieder selbst. Wassersuppe heute, Wassersuppe morgen. Und Fieberrinde eß ich wie Brot.

Eines Morgens schaut der besorgte Verleger Christian Friedrich Schwan bei Schiller vorbei. Er glaubt, der Patient liegt brav im Bett. Aber was für ein Getöse ist das! Und was für ein Anblick! Die Fensterläden sind runtergelassen. Zwei Kerzen brennen auf dem Tisch, eine Flasche Burgunder steht zwischen Manuskripten, und der Dichter rennt wie ein Verrückter im Zimmer hin und her. Gestikulierte und krakeelte ganz barbarisch. Schwan ist entsetzt. Aber, lieber Schiller, sagt er, was treiben Sie denn, daß sie hausen wie ein Türke. Schiller hört auf zu schnaufen und sagt, dass er gerade den Mohren am Kragen gepackt habe, der Fiesko ermorden wollte. So eine Szene, sagt Schiller zu Schwan, kann er nicht bei Tageslicht schreiben.

Doch sein "Fiesko" wird amputiert: keine Vergewaltigung durch den Tyrannen, kein Mord am Fürsten. Wird alles gestrichen. Die Leute sollen doch einen netten Abend verleben. Dafür geht dann die ganze Ideologie zum Teufel. Ach, da denkt er manchmal schon daran, alles hinzuwerfen und wieder Arzt zu werden. Wer will denn schon seine Menschheitsgedanken hören, seine kühnen politischen Ideen? Doch immer wieder löst sich die Schwermutskruste, und die Flamme lodert erneut, lodert für Posa, der vor dem spanischen König kniet und sagt, was über zwei Jahrhunderte hinweg ein gefürchteter Satz für alle totalitären Regime wird: Geben Sie Gedankenfreiheit.

In der Liebe

hatte Schiller bisher wenig Glück. Doch dann lernt der 23-Jährige die ein Jahr jüngere Charlotte von Kalb kennen. Eine Romantikerin mit üppigem blondem Haar, pompös, schön, exaltiert, verheiratet. Schiller und Charlotte werden unzertrennlich. Er liest ihr vor, und sie bringt ihm höfische Manieren bei, schleift den Diamanten, zähmt den Widerspenstigen. Und oft bleibt der bis in die Nacht hinein, während ihr Ehemann auf Reisen ist.

In dieser Zeit trägt er seine große Rede über "Die Schaubühne als eine moralische Anstalt" vor. Es ist dieser stolze und unnachahmliche Schillerton, der durch den ganzen Text weht - leidenschaftlich, fordernd, verführerisch. Und am Ende, sagt er, wird der empfindsame Weichling zum Manne, und der rohe Unmensch fängt an zu empfinden. Das sei der Triumph des Theaters, wenn alle nur noch eine Empfindung haben: ein Mensch zu sein.

So viel sprudelnde Sprache, so viel lodernder Idealismus schreckt die Herren. Und warum läuft der Mensch auch so unordentlich rum, und die Haare sind immer irgendwie schlecht onduliert. Und dann leiht er sich ja wohl auch Überall Geld. Und diese albernen Liebeleien. Und kann er sich nicht endlich mal das Schwäbeln abgewöhnen?

Der Vertrag wird nicht verlängert. Schiller steht da ohne Geld und mit Schulden. Charlotte umklammert ihn und wird zur Fessel. Da flieht er mal wieder, flieht nach Leipzig zu vier Verehrern, die ihn eingeladen haben: Gottfried Körner und seine Braut Minna Stock und Ferdinand Huber mit seiner Braut Dorothea Stock, Minnas Schwester.

Die neuen Freunde erwarten ihn mit Herzklopfen. Wie mag er wohl aussehen? Na, wie sein Räuberhauptmann Karl Moor natürlich, sagt Minna, mit Kanonenstiefeln und dem rasselnden Schleppsäbel an der Seite. Und dann sind sie doch sehr überrascht. Steht da ein langer, rotblonder, blauäugiger, schüchterner Mensch vor ihnen. Überhaupt nicht zum Fürchten. Körner wird der wichtigste Mann in Schillers Leben. Der drei Jahre Ältere ist vermögend und hat diese schwärmerische Liebe zur Literatur: Wir sind Brüder durch Wahl, hatte er Schiller geschrieben, mehr als wir es durch Geburt sein könnten. - Ich wünsche dir Glück, Freund.

Das Glück der ersten Tage ist Erholung. Huber zeigt Schiller die Stadt, und sie landen am Ende immer im Kaffeehaus. Und Schiller, der berühmte Räuber-Dichter, ist umschwärmter Mittelpunkt, wird angehimmelt, ist der Popstar seiner Zeit, ist Kult in ganz Deutschland. Und Körner, der inzwischen Schillers miserable finanzielle Lage kennt, möchte, dass er fr ein Jahr sein Gast ist, mšchte, dass Schiller frei leben, wohnen und schreiben kann. Ohne Druck. Schiller kann es nicht glauben. Wie berauscht schreibt er die Hymne, die seinen Namen in alle Welt tragen wird: Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium...

Die Freunde ziehen nach Dresden, und Schiller fühlt sich wohl wie nie. Hat eine Familie. Aber ruhelos ist er noch immer. Wenn der Schreibschub kommt, sitzt er Tage und Nächte an Prosa und Jamben. Und die Freunde sind schon besorgt, wenn er nach dem Essen auf dem Sofa einfach so wegsackt und einnickt. Sie läsen ihm dann vorsichtig die eng anliegenden KniegÜrtel und lassen ihn schlafen.

Doch wehe, wenn Körner auf Reisen und Schiller allein ist, dann legt sich das Gespenst der Melancholie Über ihn. Dann möchte er am liebsten nicht mehr leben, wenn es der Mühe verlohnte, zu sterben. Doch dann steigt am Horizont seines Schreibtisches "Der Geisterseher" auf, ein Roman, der ihn noch populärer machen wird als die "Räuber": Es ist Karneval in Venedig. Es ist spät am Abend. Die letzten Masken huschen über den Markusplatz. Bald sind nur noch der Prinz und der Erzähler unterwegs, und die beiden haben längst bemerkt, dass sie von einer armenischen Maske verfolgt werden.

Schiller peitscht

die Leser nur so durch seine Spukgeschichte und gerät dann selbst in einen Maskenball. Der so schnell Entflammbare brennt lichterloh, als eine Schöne, als Zigeunerin verkleidet, ihm aus der Hand liest. Es ist Henriette von Arnim. Minna Körner ist entsetzt und klärt den Verliebten auf: Die Mutter ist eine Kupplerin und Schiller nicht der einzige Freier. Aber der Verliebte rennt Abend für Abend mit Geschenken zur Angebeteten, bis Frau von Arnim dem armen Poeten einschärft, dass er bitte nicht anklingeln möchte, wenn ein Licht im Fenster brennt. Dann sei ihre Tochter beschäftigt. Und der GedemÜtigte schleicht nach Hause und verkriecht sich.

So endet die Liaison langsam, und beendet ist auch das Leben der seligen fünf. Schiller braucht eine Luftveränderung für den Geist. Der Rabenvogel, der schwarze Genius meiner Hypochondrie, ist davongeflogen.

Nun fliegt auch der Dichter fort - nach Weimar. Dort lebt inzwischen Charlotte von Kalb, die Geliebte von einst. Warum sollte er sie nicht wiedersehen? Die kleine Stadt döst in der Julisonne vor sich hin, als Schiller 1787 dort eintrifft. Sie ist Deutschlands Musenhof. Und auf dem ist Goethe Jupiter, Herder Oberpriester, Wieland Weltmann. Und Schiller fühlt sich wohl, ist häufiger Gast bei der Herzogin-Mutter, macht auch kein Geheimnis aus seiner Liaison. Mein Verhältnis mit Charlotte fängt an, hier ziemlich laut zu werden und wird mit sehr viel Achtung für uns beide behandelt. Was will er mehr.

Und dann gibt es im Dezember 1787

einen Abend bei der Familie von Lengefeld in Rudolstadt, der Schillers Leben verändern wird. Mit seinem alten Schulfreund Wilhelm von Wolzogen war er bei Eiseskälte durch ThÜringen galoppiert, um dessen Cousinen Caroline und Charlotte zu besuchen. Sie sind nicht schön, wird Schiller gleich den Dresdener Freunden berichten, aber sie sind anziehend und gefallen mir.

Zurück in Weimar, legt sich dann die Melancholie wieder wie Mehltau auf sein Gemüt. Du glaubst nicht, wie sehr ich seit 4 oder 5 Jahren aus dem natürliche Geleise menschlicher Empfindungen gewichen bin; schreibt er an seinen Freund Huber, diese Verrenkung meines Wesens macht mein Unglück, weil Unnatur nie glücklich machen kann. Er spricht von der großen Verwüstung seines Gemüts. Von der fatalen Kette von Spannung und Ermattung, Opiumschlummer und Champagnerrausch.

In dieser Stimmung trifft er die schüchterne Charlotte von Lengefeld auf einem Maskenball wieder. Sie soll hier in Weimar an allen Redouten teilnehmen, denn sie ist zwanzig und muss langsam an eine standesgemäße Heirat denken. Als sie ohne Eroberung nach Hause aufbricht, fragt sie Schiller, ob er den Sommer nicht bei ihnen verbringen möchte. Und ob er möchte! Und von nun an erwarten ihn die Schwestern täglich mit rauschenden Röcken an der Brücke unterm Schloss.

Es sind unvergessliche Stunden in ihrem gemütlichen Landhaus. Zärtliche Briefe gehen hin und her, und das Wetter ist schön, und Schiller badet in der Saale, lebt gesund wie selten, braucht nur manchmal ein bisschen Opium zum Einschlafen.

Im Dezember 1788

kommt die Anfrage, ob Schiller Geschichtsprofessor in Jena werden will. Als er zusagt, sorgt Minister Goethe - der lieber ohne Konkurrenz in Weimar ist - dafür, dass alles schnell Über die Bühne geht. Anfang Mai 1789 schwingt der Professor sich aufs Pferd, reitet nach Jena und mietet bei den Jungfern Schramm eine gemütlich eingerichtete Wohnung. Seine Antrittsvorlesung, "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?", ist abends um sechs Uhr. Und die Jenaer Studenten strömen nur so in die Universität. Um halb sechs platzt der Hörsaal bereits, und dreihundert Leute stehen noch draußen dicht gedrängt im Flur und auf den Treppen. Also alle raus und rüber ins andere Gebäude am Ende der Straße, ins Auditorium Maximum. Der Lärm ist so gewaltig, dass die Leute an den Fenstern hängen und glauben, irgendwo sei ein Feuer ausgebrochen. Sogar die Wache am Schloss wird unruhig. Was ist? Wo brennt's? Nichts brennt. Alle wollen den berühmten Schiller sehen.

Und da steht er nun, der 29-jährige Dichter, wie immer etwas nachlässig gekleidet und die Haare etwas wirr, was ein paar strenge Gelehrte mit Befremden registrieren, aber die Studenten sind neugierig und gespannt. Und Schiller spricht mit Schwung. Er hat nichts mehr vom Räuberhauptmann, der das tintenklecksende Säkulum beklagt. Selbst von seiner stets so besungenen Antike löst er sich und singt das Hohe Lied der Gegenwart, preist dieses bröckelige Deutsch-Römische Kaiserreich, das mehr wert sei als sein schreckhaftes Urbild im alten Rom. Und er lobt die europäischen Staaten, die eine große Familie sein sollten. Die Hausgenossen können einander anfeinden, aber hoffentlich nicht mehr zerfleischen. Das sagt er am 26. Mai 1789. Am 14. Juli stürmen die Franzosen die Bastille.

Die Zeitungen sind bald voll vom Sturm auf das Staatsgefängnis, und Schiller, der Idealist, glaubt sogar an einen Vernunftstaat, wie Kant ihn fordert. In Diskussionen aber hält er sich zurück. Abschaffung des Adels ist kein Thema für Hofgesellschaften, in denen Schiller sich ja immer wieder bewegt, wenn er zu den Freundinnen nach Rudolstadt reitet.

Er hatte das ganze Jahr

über an seine beiden Lieblingsfrauen geschrieben. Mal an Lotte, mal an Caroline, meist an beide. Und immer endet er schwärmend: Ich küsse euch hunderttausendmal. Ja, er liebt beide. Wie hatte Charlotte von Kalb abfällig und eifersüchtig gesagt? Schillers Doppelliebe. Und dieses Verhältnis zu zwei Frauen ist der Stoff für den allerschönsten Klatsch.

Als Schiller sich dann doch entscheidet und sich mit Lotte verlobt, ist die Braut eher unglücklich. Sie fühlt sich dem Dichter nicht gewachsen. Wenn er nach Rudolstadt kommt, ist es die Schwester, die überquillt von Geschichten. Und wie glänzend sie erzählen kann. Und alle sehen, dass Schiller in innigen Augenblicken Caroline feuriger küsst als sie. Und so überlegt Lotte denn schon, ihn an die Schwester abzutreten. Da schreibt Schiller ihr: Was Caroline vor dir voraushat, musst Du von mir empfangen; Deine Seele muss sich in meiner Liebe entfalten, und mein Geschöpf mußt Du sein. Schiller als Pygmalion.

Am 22. Februar 1790 heiraten die beiden still, fast heimlich. Das junge Paar will erst mal in der Schrammei bleiben, auch wenn sie kein Zimmer dazumieten können. Und so platzt denn Schillers Wunsch, seine Schwägerin mit in die Mänage zu nehmen. Doch die Schšne mit dem vollen Busen bezieht ein Logis ganz in der Nähe und kommt dauernd zu Besuch. Wenn ich Caroline ansah, Über ihn gelehnt, das Auge schimmernd in Tränen, den Ausdruck der höchsten Liebe in jedem Zuge - ach ich kanns Dir nicht schildern, schreibt Wilhelm von Humboldt, mit dem Schiller sich in Jena angefreundet hat, an seine Verlobte.

Doch langsam gewinnt die sanfte Lotte das Spiel. Sie fordert nicht, sie nervt nicht, sie hört zu, spielt Klavier, liest, ist die Ruhe, die Schiller für seine Arbeit braucht. Sie ist sein Ehe-Ideal aus der "Glocke": Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau... Das ist nicht die Rolle einer Caroline. Die kehrt enttäuscht nach Rudolstadt zurück und wirft sich in eine neue Liaison.

Schiller macht bald eine Reise - beinahe in den Tod. Er bricht jeden Bissen aus - auf dem ersten und dem zweiten Wege. Wenn er Luft holt, glaubt er, die Lunge zerplatzt ihm. Wenn sie ihn aus dem Bett heben und zum Nachtstuhl tragen, füllt er von einer Ohnmacht in die nächste. Er wird purgiert und vomiert, bekommt Blutegel, Brechmittel, Klystiere und Opium in hohen Dosen.

Der Herzog von Weimar lässt sechs Flaschen Madeira liefern - zum Aufpäppeln. Frau von Stein schickt das gute Selterwasser. Und nachts, wenn Charlotte Schiller erschöpft ins Bett fällt, bewachen Studenten ihren Professor. Sie lösen einander ab, kühlen den Fieberkopf, unterhalten ihn, wenn er zu sich kommt, heben ihn hoch, schütteln das Kissen auf. Einer von ihnen ist der junge Baron von Hardenberg. Unter dem Namen Novalis wird sein Held Heinrich von Ofterdingen bald die blaue Blume der Romantik suchen. Schiller zu gefallen, schreibt Novalis, hätte er alles getan. Sein Wort hätte Funken zu Heldentaten in mir geschlagen.

Die Krankheit samt Erholung in Karlsbad kostet 1400 Taler. Das ist mehr, als Schiller sonst in einem Jahr verbraucht. Woher soll er das Geld nehmen? Die Rettung kommt aus Kopenhagen. Der dänische Erbprinz Friedrich Christian ist entsetzt, dass der berühmte Dichter bis zum Umfallen arbeiten muss, um leben zu können. Und so etwas kommt vor im Zeitalter der Aufklärung! Schiller erhält aus der Dänischen Staatsschatulle von 1792 bis 1794 jährlich 1000 Taler.

Ich erhalte endlich die so lange und so heiß gewünschte Freiheit des Geistes, schreibt er, öffnet seine philosophische Bude und beginnt mit der Lektüre der "Kritik der reinen Vernunft" von Immanuel Kant. Bei ihm sucht Schiller Antworten auf die Fragen: Was ist Schönheit? Warum empfinde ich etwas als anmutig? Und was ist das Überhaupt - dichten?

Doch Schiller sitzt nicht nur am Schreibtisch. Er braucht zum Gedanken das Gespräch. Trifft sich abends in der Küche der Schramm-Fräuleins mit ein paar Bewohnern aus dem Haus. Auch Wilhelm von Humboldt kommt oft vorbei, und Lotte kocht, und Schiller sitzt meist im Schlafrock am Tisch. Schiller, sagt Wilhelm von Humboldt, war für das Gespräch ganz eigentlich geboren. Und nie sucht er krampfhaft nach einem Stoff, er überließ es mehr dem Zufall, den Gegenstand herbeizuführen. Aus Frankreich kommt in jenen Tagen eine merkwürdige Ehrung. Monsieur Gille, was Schiller heißen soll, Autor der "Räuber", erhält die französische Staatsbürgerschaft - unterzeichnet vom Revolutionseinpeitscher Danton. Weimars Adel ist pikiert. Für ihn ist französisches Bürgerrecht Banditengesetz!

Das ist es für Schiller natürlich nicht.

Oder noch nicht. Noch hat er nur Probleme mit der großen Parole Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Gleichheit? Kann er sich nicht recht vorstellen. Freiheit ja. Die galt für ihn immer. Und alle Menschen werden Brüder ... ja. Aber nicht gleich. Und seine Sympathie für die Revolution endet, als Ludwig XVI. unter der Guillotine sterben soll.

Da will Schiller sich einmischen. Will den König verteidigen. Fragt seinen Freund Humboldt, ob der ihn nicht begleiten kann. Ja, nach Paris. Er möchte seine Verteidigungsrede im Konvent halten. Im Nationalkonvent? Schiller? Vielleicht noch mit der blau-weiß-roten Kokarde am Hut? Sieht er sich tatsächlich im dampfenden Kessel Paris neben Danton, Robespierre und Saint Just, den Schlächtern der Revolution, Ludwig XVI. verteidigen? Er, der in Jena kaum sein Zimmer verlässt, weil er nicht weiß, wann die nächste Kolik kommt?

Der König wird am 21. Januar 1793 auf dem Schafott enthauptet. Da schreibt Schiller an Körner: Ich kann seit 14 Tagen keine französischen Zeitungen mehr lesen, so ekeln diese elenden Schinderknechte mich an.

Lotte Schiller ist schwanger. Ein Sohn wird geboren. Jubelbriefe werden verschickt. Der muntere Knabe, schreibt Schiller, soll ein Federheld werden, damit er den zweiten Theil zu den Werken schreiben kann, die sein Vater anfieng, und, wenn Gott will, noch anfangen wird. Der Knabe wird aber einmal Oberförster in Lorch. Eines Abends im Hochsommer hören Goethe und Schiller einen Vortrag in Jena. Es ergibt sich, dass sie zusammen rausgehen. Man grüßt sich, obwohl Goethe den Schreiber der "Räuber" nicht mag: Schiller war mir verhaßt. Und Schiller mag den arroganten Goethe, der stocksteif wie ein Gott durch Weimar wandert, auch nicht: Ich betrachte ihn wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muß, um sie vor der Welt zu demütigen.

Nun spazieren sie gemeinsam ein Stück Über den Marktplatz, vertieft in Goethes Lieblingsthema: die Metamorphosen der Pflanzen. Und als Schiller ihn sanft kritisiert, hat Goethe eigentlich die Nase schon wieder voll. Aber dann ist er doch gefangen, denn Schiller ist so charmant, so liebenswürdig und so klug, dass er ihm lange zuhört. Und so ist denn dieser 20. Juli 1794 der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft.

Schiller weiss, dass Goethe

seit 15 Jahren nur noch ein Denkmal ist, dass er einen Antreiber braucht, und Goethe ist beglückt, als der Feuerkopf ihm sagt: Es ist hohe Zeit, daß ich für eine Weile die philosophische Bude schließe. Er lädt Schiller nach Weimar ein. Der nimmt mit Vergnügen an, hat nur eine Bitte: Er muss unabhängig sein. Niemand darf mit ihm zu bestimmten Zeiten rechnen. Wegen seiner Krämpfe, die ihm nachts keine Ruhe lassen, braucht er den ganzen Morgen zum Schlafen. Er möchte wie ein Fremder behandelt werden, auf den keiner achtet. Die Ordnung, schreibt er, die jedem andern Menschen wohl macht, ist mein gefährlichster Feind. Und dann kommt der Satz: Ich bitte bloß um die leidige Freyheit, bey Ihnen krank seyn zu dürfen.

Goethe antwortet: Eine völlige Freiheit nach ihrer Weise zu leben werden Sie finden. Das muss man sich mal vorstellen: Goethe, der alle Unordnung hasst, der um jeden Leidenden einen Bogen macht, der ewig Angst hat, sich anzustecken, stimmt zu, dass ein Kranker seinen Tagesablauf durcheinander bringt.

So zieht Schiller denn ins prachtvolle Haus am Frauenplan, das im Saft der Antike steht. Salve für Juno, Nike, Zeus und Schiller. Die beiden Dichter speisen und plaudern zusammen, Goethe erzählt von seiner Farbenlehre, Schiller vom angefangenen "Wallenstein". Dann besprechen sie das Horen-Projekt, ein Literaturmagazin, das Schiller herausgeben wird. Was könnte da von Goethe gedruckt werden? Der holt gleich die "Römischen Elegien" und liest Schiller daraus vor: Uns ergötzen die Freuden des echten nacketen Amors/ Und des geschaukelten Betts lieblicher knarrender Ton...

Da schreibt Schiller an Lotte, seine Maus: Er las mir seine Elegien, die zwar schlüpfrig und nicht sehr decent sind, aber zu den beßten Sachen gehören, die er gemacht hat. Zwei Wochen leben die beiden aufs Engste zusammen, und ihr Verhältnis nimmt fast intime Formen an: ich bin Ihnen nahe mit allem, was in mir lebt und denkt, schreibt Schiller. Und Goethe antwortet: Leben Sie wohl und lieben Sie mich, es ist nicht einseitig.

Goethe zieht nun für Monate nach Jena. Er will Schiller nah sein und besucht ihn jeden Nachmittag gegen vier. Tritt schweigend ein und setzt sich. Manchmal krabbelt der Goldjunge ein wenig auf dem Olympier herum, aber Lotte nimmt den Sohn mit, wenn Tee und Punsch auf dem Tisch stehen und das Gespräch mit Schiller beginnt. Der ist ein unruhiger Geist. Läuft meist im Zimmer herum, denn wenn er sich setzt, sind seine Krämpfe nicht zu ertragen, und wenn er keine Luft mehr bekommt, geht er raus und nimmt ein Medikament. Wenn aber ein Gedanke zu Ende gedacht werden muss, zwingt er sich unter Schmerzen zum Durchhalten.

Ja, Schiller und Goethe sind ein Paar. Und sie beginnen nun, eine Schlacht mit Xenien zu schlagen. Xenie heißt Gastgeschenk, doch was die beiden produzieren, sind verbale Bomben gegen schlechte Autoren, politische Schwärmer, bigotte Geistliche, Kritiker und den Zeitgeist. Und die Beschimpften nennen Schiller und Goethe die Sudelküche von Jena und Weimar, den einen Kants Affen, den anderen einen stößigen Bock. Und als Schiller auch noch Goethes "Römische Elegien" drucken lässt, geht ein Aufschrei durchs Land, und Weimar steht Kopf. Was für ein Niedergang der Sitten. Da wird ja geküsst und geliebt, und Frauen geben sich einfach so hin. Herder meint, die "Horen" müssten nun mit "u" geschrieben werden.

Schiller schreibt seinen "Wallenstein". Steigt Abend für Abend nach dem Essen ins Arbeitszimmer hoch. Sein Bursche hat im Eisenofen Feuer gemacht, hat zwei, drei Äpfel in die Bratröhre gelegt, einen Likör oder Wein bereitgestellt, Kerzen angezündet, und nun stürzt Schiller sich in eine neue Nacht der Unruhe, in seinen widerspenstigsten Stoff, in die hochexplosive Stimmung von Pilsen. Nie hat er mit einem Text so gewütet wie mit diesem. Läuft Über die knarrenden Dielen, denkt nach, liest nach, streicht durch, schreibt neu. Wie will ich dem Himmel danken, wenn dieser Wallenstein von meinem Schreibtisch verschwunden ist.

Im April 1799 ist die Uraufführung in Weimar. Der ganze Hof ist anwesend, und Goethe, der inszeniert hat, kommt während der Vorstellung ein paarmal hochbeglückt in Schillers Loge. Ja, es wird ein Erfolg, die Leute gehen mit, Weimar erwacht zu neuer Kultur, und gefeiert wird im "Elefanten".

Nach hymnischen Kritiken, Glückwünschen des Herzogs, Einladungen bei Hofe, nach Geselligkeiten, Tees und täglichen Besuchen bei Goethe kehrt Schiller im Triumph nach Weimar zurück, und der Herzog erhöht sein Gehalt um 200 Taler.

Goethe ist ganz beglückt. Zusammen werden sie das Hoftheater schmeißen. Er als Direktor, Schiller als Dramaturg. Wie gern gibt er sich wieder ganz in des Freundes Arme. Schiller hat ihn doch gerade erst angetrieben, seinen "Faust" aus der Versenkung zu holen. Und die beiden, die in den letzten Jahren ihr Jahrhundert in die Schranken gefordert haben, beenden es nun gemeinsam.

Goethe bittet Schiller, Silvester 1799 auf 1800 mit ihm zu verbringen. Nur sie beide. Allein. Ein Gläschen Punsch soll der warmen Stube zur Hilfe kommen, ein frugales Abendessen steht nachher zu Befehl. Und Schiller, der schon wieder am nächsten Stück sitzt, schreibt zurück, dass er nach sechs Uhr kommen wird. Bis dahin will ich suchen, einen meiner Helden noch unter die Erde zu bringen. Es ist der arme Mortimer, der Maria Stuart liebt, verraten wird und sich bei seiner Verhaftung ersticht. Und Goethe antwortet, Schiller soll sich in einer Sänfte zu ihm tragen lassen, damit er sich nicht erkältet.

Und da sitzen sie nun, die zwei größten Dichter der Deutschen, Freunde, die sich immer gesiezt haben. Goethe leger im Hausrock und Schiller auch recht zwanglos, sitzen zu zweit und ins Gespräch vertieft. Nach Mitternacht trennen die beiden sich herzlich an der Haustür, und Goethe schreibt dem Freund am 1. Januar, wie froh er gewesen sei, mit Schiller das Jahrhundert zu schließen.

Schiller schreibt nun im Akkord.

Nachts vergräbt er sich und arbeitet bis in die frühen Morgenstunden gegen seine Lebensuhr an, beendet "Maria Stuart", beginnt "Die Jungfrau von Orleans": Kriegsgebrüll, Trompeten, Fahnen, Blut und Leichen - wie ein Orkan fegt seine Johanna übers Schlachtfeld.

Und Herzog Carl August jubelt: Die betrübte deutsche Sprache ist in die schönste Melodie gezwungen. Und doch wird das Stück nicht in Weimar uraufgeführt, sondern in Leipzig. Warum? Weil nur Karoline Jagemann, die Geliebte des Herzogs, die Rolle hätte spielen können. Aber sie - eine Jungfrau? Das Publikum hätte sich totgelacht und aus dem romantischen Trauerspiel eine Komödie gemacht.

Für die nächsten Wochen und Monate stockt die Produktion, denn Schiller hat ein Haus an der Esplanade gefunden. Er ist jetzt 42 und gibt sich noch acht Lebensjahre. Bis 50 will er durchhalten für all die Theaterpläne, die in seiner Schublade liegen. Wenn Lotte mit den Kindern bei der Mutter ist, kümmert Schiller sich um alles. Lässt neue Dielen legen, das harte Sofa mit Pferdehaar polstern und die alten Tische frisch furnieren.

Eines Tages klingelt ein Bote des Herzogs an der Tür und Überreicht dem Dichter eine Schatulle: den Adelsbrief, auf den seine Frau seit Jahren hofft. Lolo ist jetzt recht in ihrem Element, da sie mit ihrer Schleppe am Hofe herumschwänzelt, schreibt Schiller an Humboldt.

Für sein nächstes Stück, für "Wilhelm Tell", setzt Schiller auf Massenszenen und wildromantische Natur. Er fing damit an, alle Wände seines Zimmers mit Specialkarten der Schweiz zu bekleben, schreibt Goethe, der ihm den Stoff geschenkt hatte. Und Schiller ist sicher, dass sein Stück Über freie Bürger und den Mut des Einzelnen gegen seine Unterdrücker, den Apfelschuss und die Bestrafung in der hohlen Gasse - es führt kein andrer Weg nach Küßnacht -, dass dieses Stück ein mächtiges Ding wird.

Einmal kommt Goethe zu Schiller,

als der nicht im Haus ist. Er wartet an dessen Schreibtisch, um mir dieses und jenes zu notieren. Nach kurzer Zeit wird ihm übel, so übel, daß ich endlich einer Ohnmacht nahe war. Der Geruch kommt aus der Schublade. Als Goethe sie öffnet, fand ich zu meinen Erstaunen, daß sie voll fauler Äpfel war. Er kann sich gerade noch ans Fenster schleppen, es öffnen und nach Luft schnappen. Da kommt Charlotte Schiller ins Zimmer und sagt zu Goethe, ihr Mann brauche diesen Geruch, ohne ihn könne er nicht arbeiten.

Die Tell-Premiere 1804 ist ein Succeß, wie noch keins meiner Stücke, schreibt Schiller. Und aus keinem seiner Stücke werden so viele Sätze zu geflügelten Worten: Der kluge Mann baut vor - Früh übt sich, was ein Meister werden will - Die Axt im Haus erspart den Zimmermann - Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. Goethe hat es so gesagt: Es ist bei Schillern jedes Wort praktisch, und man kann ihn im Leben Überall anwenden.

Schiller quälen Todesgedanken. Er fühlt doch längst, dass er nicht mehr viel Zeit hat. Und der Winter ist so ein düstrer Gast und enget einem das Herz. Dabei will er doch noch so viel schaffen. Hat sich eine lange Liste gemacht mit lauter ungeschriebenen Stücken: Themistokles und Agrippina, Charlotte Corday, die Französin, die Marat erstach, Heinrich der Löwe und Rudolf von Habsburg - Kabale, Mord und Liebe in Frankreich, England, Russland, Zypern, Venedig. Schiller hat die ganze Welt in der Schublade. Als Lotte am 25. Juli 1804 ihr viertes Kind zur Welt bringt, Emilie, liegt Schiller im Nebenzimmer und kämpft mit dem Tod. Die Krämpfe und Koliken sind so schrecklich, dass er vor Schmerzen schreit: Wenn es nur schon aus wäre! In langen Fiebernächten sitzt Heinrich Voß, Sohn des Homer-Übersetzers, an Schillers Bett und reist mit ihm Übers Meer und in südliche Sehnsuchtsländer. Die Adria wird mir zu teuer, sagt Schiller, und Voß erzählt dem Kranken von Cuxhaven, wo es auch schön ist.

Süden, Sonne, Wärme. Er soll wieder nach Italien gehen, lässt er dem ebenfalls schwer kranken Goethe ausrichten. Der hat doch nie glücklicher erzählt als von diesem Land. Und Goethe schickt ihm ein Bündel Reisebeschreibungen und Literatur.

Da ist es wieder, das seltsame Paar. Die Dioskuren, die Sühne des Zeus, die himmlischen Zwillinge vom Olymp. Nicht mehr wie einst stürmische Helden, eher sanft und besorgt. Am 1. März begleitet Voß Schiller von der Esplanade zum Frauenplan, zu Goethe. Wie lange haben sie sich nicht gesehen. Und wie nah sind sie beide dem Tod gewesen. Nun gehen sie langsam aufeinander zu, und beide, so berichtet Voß, beide fielen sich um den Hals und küßten sich mit einem langen herzlichen Kusse, bevor sie ein Wort sagen konnten.

Am 1. Mai geht Schiller ins Theater

. Vor der Haustür trifft er Goethe. Sie verabschieden sich nach ein paar freundlichen Worten. Sie werden sich nicht wiedersehen. Als der besorgte Voß den Dichter am Ende der Vorstellung abholen will, sitzt der in seiner Loge mit Schüttelfrost und klappernden Zähnen. Zu Hause trägt man sein Bett ins Arbeitszimmer, stopft ihm Kissen in den Rücken, damit er besser atmen kann.

Und Schiller dämmert dahin, fantasiert, ruft plötzlich: Ist das euer Himmel, ist das eure Hölle? Er möchte die kleine Emilie sehen, seine Jüngste, küsst sie, weint in die Kissen hinein und verliert das Bewusstsein.

Als er erwacht, flößt der Doktor ihm ein Glas Champagner ein, er hat ja kaum noch einen Puls. Lotte kniet an seinem Bett. Schiller sucht ihre Hand. Und sie wird schreiben, dass er sie noch einmal geküsst hat. Ach Gott! Dieß war das letzte Zeichen seines Gefühls für mich. Um halb sechs Uhr abends geht ein Schlag durch Schillers Körper. Sie reiben ihn mit Moschus ein. Es hilft für eine Viertelstunde. Dann folgt der zweite Schlag. Und Schiller stirbt. Es ist er 9. Mai 1805.

Die beiden Ärzte, die den Toten am nächsten Tag obduzieren, sind sprachlos, dass ein Mensch so Überhaupt noch hat leben können. Der linke Lungenflügel ist völlig zerstört, Galle und Milz sind vergrößert, der Darm deformiert, die Nieren fast aufgelöst, das Herz zu einem muskellosen Rest geschrumpft. Doch die Totenmaske zeigt Schiller lebendig, stark, entschlossen - unbesiegbar.

Der Text ist 2005 anlässlich des 200. Todestages von Friedrich Schiller im stern erschienen

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