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30. Juni 2004, 16:29 Uhr

Sieg der Guten

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist bei der EM in Portugal bereits in der Vorrunde ausgeschieden. Das macht aber nichts. Dafür sind die Deutschen Spitzenreiter im Schreiben von Fußballbüchern. Eine Übersicht.

Anstand, Freundschaft, Fairness, der Sieg der Guten am Ende: schön altmodisch und wunderbar warm© Amazon.de

Volker Finke ist vieles. Trainer des Bundesligisten SC Freiburg zum Beispiel. Ein sehr kluger Mann auch, ausgebildeter Lehrer und so. Ein Anachronismus zudem. Der gebürtige Niedersachse steigt mit seinen Jungs auf und ab, steht oben in der Tabelle oder unten – nur eines steht er nie: Zur Disposition, wie jeder andere Übungsleiter seiner Zunft bei anhaltender Erfolglosigkeit.

Finke verlängert seinen Vertrag stets mit Handschlag und ist in Freiburg ein Heiligtum, weil er für etwas steht, dass dem Fußball bei all seiner verdammten Professionalität und Schnelllebigkeit überall sonst verloren gegangen ist: Für die Seele des Spiels. Deshalb ist Volker Finke der Lieblingstrainer aller Sportjournalisten und Fußballromantiker, was meist das gleiche ist. Sie lieben ihn dafür, dass er Sachen sagt wie: "Fußball kommt von innen heraus. Viel Bauch, viel Gefühl, viel Leidenschaft".

Ein Gleichnis für das Leben an sich

Wahrscheinlich wurden nie so viele Bücher über des Deutschen, ach was, der Welt liebsten Sport geschrieben. Und alle jonglieren mit Bauch, Gefühl, Leidenschaft, ganz in Finke’scher Diktion. Für manche ist die Sache ein Gleichnis für das Leben an sich. "Tor zur Welt" nennt Klaus Theweleit seine Gedanken über Sport und Leben, und weil der 62-Jährige ein anerkannter Soziologe ist, steht "Fußball als Realtätsmodell" als Untertitel auf dem Cover.

Tatsächlich geht es bei ihm um die Verstrickung von Fußball mit Politik und Wirtschaft, das aber erzählt Theweleit äußert unterhaltsam. Er kramt in seinen Erinnerungen: Wie er, dass Flüchtlingskind aus Ostpreußen, sich ein Deutschlandbild aus den Fußballberichten im Radio zusammen schusterte. Wie sein Traum von einer eigenen Karriere samt seines Knies von einem Dorfkicker zertrümmert wurde. Und schließlich weist der Karlsruher Professor für Kunst und Theorie nach, dass nicht Ollie Kahn und Ronaldo, sondern David Beckham und Pierluigi Collina uns 2002 den WM-Titel versaut haben.

Darauf wäre nicht mal Christoph Biermann gekommen, und dem fällt zum Fußball so einiges ein. Denn Biermann, Jahrgang 1960, ist nicht nur Journalist, sondern auch ein echter Fußballverrückter. Und schreibt ständig Bücher über seinen Sport, die man schon wegen ihrer Titel lieben muss, "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen" zum Beispiel.

Sieger sind langweilig

Biermann sieht übrigens aus wie der Bundesliga-Torwart Thomas Ernst, eine ewige Verwechslungskomödie, die er extrem lustig in seinem neuen Werk beschreibt, das seine gesammelten Kolumnen aus der taz enthält. "Meine Tage als Spitzenreiter" heißt es, und zwar deshalb, weil der von Biermann favorisierte Club VfL Bochum mal zwei Spieltage lang auf Platz 1 der Bundesliga stand. Ein seltsames Gefühl für einen, der Sieger langweiliger findet "als jene, die interessant zu scheitern wissen". Außerdem trifft Biermann auf Ewald Lienen und Hans Meyer, erzählt von trostlosen Auswärtsfahrten und besucht Westfalia Herne, den Club seiner Kindheit – ein wunderbar anrührendes, humorvolles Buch, soviel steht mal fest.

Das trifft übrigens auch auf "Die 10" zu. Geschrieben haben es Rüdiger Barth und Giuseppe di Grazia, hauptberuflich Sportredakteure bei einem deutschen Wochenmagazin. Die beiden nähern sich in ihrem Buch mit spätpubertärer Begeisterung den Ikonen des Fußballs – jenen sagenumwobenen Spielmachern mit der Nummer 10, von Fritz Walter (bei der WM 54 übrigens mit der 16 am Start) über Pelé (sie finden: der Größte überhaupt) zu Platini und Zidane.

Mit Wärme und Bewunderung nähern sich die Journalisten ihren Helden, zeichnen ein großartiges Gespräch zwischen Günther Netzer und Wolfgang Overath auf und vergessen auch Marco Rösch nicht – den Spielmacher eines Bremer Landesligisten, der ein bisschen so ist wie wir, wie alle, die glauben, es wäre mehr für sie drin gewesen.

Fußball-Bücher Klaus Theweleit: Tor zur Welt, KiWi, 8,90 Euro
Christoph Biermann: Meine Tage als Spitzenreiter, Verlag Die Werkstatt, 9,90 Euro
Giuseppe di Grazia/Rüdiger Barth: Die 10, Piper, 16,90 Euro
Helmut Rahn: Mein Hobby: Tore schießen, DVA, 15,90 Euro
Guido Knopp/Sebastian Dehnhardt: Das Wunder von Bern – die wahre Geschichte, Heyne, 18 Euro
Marcel Reif: Aus spitzem Winkel, KiWi, 18,90 Euro
Joachim Masannek: Die wilden Fußballkerle, Band 1-12, Baumhaus, je 8,90 Euro

Hörbücher
Das Endspiel von Bern, Hoffmann & Campe, 14,95 Euro
11 Freunde müsst ihr sein, Hörcompany, 24,90 Euro

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