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Beutekunst verschimmelt im Keller

In einem Betonbau im georgischen Tiflis befinden sich haufenweise wertvolle Büchern aus deutschen Bibliotheken. Einst als Beutekunst verschleppt, verschimmeln die Kostbarkeiten in feuchten Kellerräumen. Die Bundesregierung bemüht sich um die Herausgabe. stern.de schildert in zwei Teilen die spannende Odyssee der Bücher.

Von Nico Wingert, Tiflis

"Bis 2006 wussten wir selbst nichts von der Existenz dieses Geheimarchivs", sagt die leitende Bibliothekarin Tamar Nemsicverdize fast entschuldigend. Es ist ihr peinlich, über die alten Bücher zu sprechen, die auch die Bibliotheksstempel von Bremen, Berlin, Halle, Leipzig, Magdeburg, Jena, Meiningen oder Boizenburg tragen. Schuld daran sei Direktor Schota Apakiolze, der "dieses Geheimnis" bis zu seinem Tod bewahrte. Erst seine Stellvertreterin Mzia Razmonde entdeckt dann den wertvollen Schatz, der in einem bunkerähnlichen Gebäude des Magazins der Universität "Giavachischwil" seit 1986 versteckt ist - gesichert durch dicke Betonwände, eine Stahltür und zusätzlich ein erschlossenes Stahlgitter.

Die alten Konvulate von 1477 bis hin zu 1949 befinden sich indes in einem erbärmlichen Zustand: Dicker gelblich-weißer Schimmel überzieht die Kostbarkeiten. Zusammengeschnürt erinnern die Päckchen in den Stahlbücherregalen eher an eine Altpapiersammlung als an die vermissten Bücher und Schriften von Kopernikus oder Paracelsius. Die Luft in dem Betonkeller riecht muffig und verschlägt einem fast den Atem, der Boden ist mit feuchten Schlamm bedeckt - auch hier liegen vereinzelt Bücher herum.

Doch es gibt noch ein zweites Archiv in dem so genannten Maglivi-Gebäude, das sich unweit des anderen Archivs befindet. Es ist etwas sauberer und in den Holzregalen stehen ausgewählte Bücher, die etwas besser erhalten sind. Sie sollen für eine eventuelle Rückgabe vorgesehen sein. Seit knapp sechs Monaten verhandelt das Bundesaußenministerium mit den verantwortlichen Stellen in Georgien. Als "Zeichen des guten Willens" überreichte die Präsidentin des georgischen Parlaments, Nino Burjanadze, am 27. Mai in Berlin ein symbolisches Buch an Bundestagspräsident Norbert Lammert.

Angeblich soll die Nationalbibliothek Georgiens und Vertreter der Kulturabteilung des Auswärtigen Amts ein Übergabeprotokoll zur Rückführung von Büchern unterzeichnet haben. Die bisherige Geheimhaltung darüber begründet Olaf Hamann von den deutschen Staatsbibliotheken mit den "negativen Erfahrungen mit Russland in den 90er Jahren". So seien mediale Veröffentlichungen ein "zweischneidiges Schwert", so lange die Übergabe nicht perfekt sei.

Widerstand in Georgien

Doch ganz offensichtlich regt sich Widerstand in Georgien gegen die Herausgabe der Bücher, die in Kühlkisten nach Deutschland transportiert werden sollen, um hier mit Gamma-Strahlen restauriert zu werden. "Wir wollen die Bücher in Georgien aufarbeiten, aber uns fehlen die Mittel", sagt Bibliothekarin Tamar Nemsicverdize entschlossen. Erst dann könne man weiter sehen.

Unter den zahlreichen alten Büchern in Tiflis befinden sich auch einige der Leopoldina, Deutschlands ältester Akademie der Naturwissenschaften in Halle an der Saale. Zumindest die Verschleppung der wertvollen Bestände der Leopoldina 1946 lässt sich rekonstruieren.

Die große Odysee der Bücher

Aus Angst vor Bombardierungen der alliierten Streitkräfte ließ der Leiter der halleschen Akademie, Emil Abderhalden, die Bücher 1943 in einem stillgelegten Salzstock in Wansleben bei Halle einlagern. Es waren mehr als 20.000 Bücher, darunter einzigartige Handschriften, Goethe-Briefe, wissenschaftliche Tagebücher und mehrere Privatarchive von Gelehrten. Auch Ölgemälde der Leopoldina wurden in dem Salzstock aufgebewahrt. Versteckt in den Salzstöcken, in denen günstiges Klima und Luftfeuchtigkeitsverhältnisse herrschten, waren die Bücher und die Ölgemälde sicher. Doch nur für wenige Monate. Inzwischen interessierte sich die SS-Führung für die strategisch günstige unterirdische Lage. Wegen der alliierten Bombenangriffe auf Peenemünde (V2-Waffen) wurden Schwerpunkte der NS-Kriegsproduktion unterirdisch nach Mitteldeutschland verlegt. Im April 1944 verlegte Himmler den SS-Führungsstab "A6" nach Wansleben.

Hunderte KZ-Häftlinge aus Buchenwald, Auschwitz und anderen KZ-Lagern wurden nach Wansleben deportiert. Hier sollen sie Raketenteile für die V2 und hydraulisches Zubehör für die "Ju 52" hergestellt und mindestens 60 unterirdische Produktionshallen in den Salzstock geschlagen haben. Wegen der kriegsbedingten Rüstungsproduktion interessierte sich niemand mehr für die Bücher. Geoffrey de Clerq, ein hoher französischer General im Ruhestand, überlebte als KZ-Häftling und erinnert sich, dass die Bücher und Zeitschriften achtlos in dem "Georgi-Schacht" in Wansleben herumlagen.

Schon kurz nach Kriegsende bemüht sich der Chef der Leopoldina um die Rückgabe der Bücher. Doch trotz der Zustimmung der Amerikaner scheitert das Vorhaben daran, dass der Förderkorb des Bergwerks "nicht betriebsfähig" ist. Auch Vereinbarungen mit der Roten Armee scheitern später. Im März 1946 rollen Waggons voll mit Büchern und Kunstschätzen zunächst nach Leningrad.

Wegen des dortigen Platzmangels wird ein Teil der Bücher der Leopoldina nach Tallin in Estland und wird zunächst nach Tiflis in Georgien verfrachtet - bis die Odyssee weitergeht.

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