Für die einen ist er ein Jahrhundert-Erzähler. Andere sehen in ihm einen Störenfried mit hohem Nervpotenzial. Günter Grass hat seit jeher polarisiert: mit seinem literarischen Werk, vor allem aber mit seinem politischen Engagement. Jetzt wird der Literaturnobelpreisträger 80.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass zeigte politisches Engagement und war deshalb nicht immer beliebt© Michael Bahlo/DPA
Ein Jahrhundert-Erzähler wird 80, der nach Ansicht der Stockholmer Nobelpreis-Akademie "der Menschheit einen Dienst erwiesen" hat. Über seinen ersten Auftritt in der bundesdeutschen Autorenvereinigung "Gruppe 47" und damit in der literarischen Öffentlichkeit schrieb eine Zeitung 1955: "Einen neuen, als "kräftig, vital und bravourös" apostrophierten Ton brachten die Gedichte des Berliner Bildhauers Günter Grass." Ein halbes Jahrhundert später wird ein zwischenzeitlich tief verletzter Literaturnobelpreisträger, der letzte des 20. Jahrhunderts, zu seinem runden Geburtstag vielfach geehrt. Der in Danzig geborene Romanautor, Lyriker, Bildhauer, Zeichner und Dramatiker Grass vollendet am 16. Oktober sein achtes Lebensjahrzehnt.
"In ganz Deutschland wird ein gewaltiger Schnurrbart wachsen", prophezeite eine "Die Welt". Mit Feiern ehren Lübeck, Göttingen (Steidl Verlag) und Hamburg den Jubilar, die Geburtsstadt Danzig zog schon Anfang Oktober vor. Hier wurde er als ein wichtiger Botschafter für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen gewürdigt. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte Grass die dritte Gesamtausgabe seiner Werke vor, zwölf Bände mit 8960 Seiten.
Auf den Nobelpreis als höchste Weihe in der Welt der Literatur hatte Grass lange warten müssen. 1972 war ihm Heinrich Böll vorgezogen worden. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis vor allem, aber nicht nur, für sein Historienepos "Die Blechtrommel", den grotesk- deftigen "Schelmenroman" über die jüngere deutsche Vergangenheit mit dem in einer Nervenklinik Lebensrückblick haltenden, zwergwüchsigen Oskar Matzerath, einem modernen Peer Gynt oder "Säulenheiligen".
Ein "Wilhelm Meister auf Blech getrommelt", wie es Hans Magnus Enzensberger formulierte. "Eine anständige Sauerei war der Roman außerdem", erinnert sich Grass-Biograf Michael Jürgs an seine Jugendlektüre. Vor allem aber: Der Roman werde "zu den bleibenden literarischen Werken des 20. Jahrhunderts gehören", befand das Nobelkomitee.
Als die Stockholmer Akademie ihren Preis 1972 an Böll vergab, meinte der erstaunt: "Warum ich und nicht Grass?" Aber "das Erbe Heinrich Bölls ist in guten Händen", urteilte der Grass-Weggefährte Walter Jens, nicht zuletzt wegen ihres gemeinsamen Lebensinhalts "Glaube Liebe Hoffnung".
Schon in den frühen 60er Jahren engagierte sich Grass für Willy Brandt und die "Es Pe De", zu der er später ein ambivalentes Verhältnis entwickelte nach dem Motto "Nur wer liebt, darf kritisieren", und sogar sein Mitgliedsbuch aus Protest gegen die Verschärfung des Asylrechts wieder zurückgab. Wie weit dieses politische Engagement, für das er von seinen Gegnern auch mal als "Pinscher" beschimpft wurde, seine spätexpressionistische Schreibkunst, die zum Artistischen und zur Verspieltheit neigt, beeinflusst hat, ist unter Literaturexperten umstritten.
Seine Vorbilder sind Grimmelshausen, Cervantes, Jean Paul, Alfred Döblin und Albert Camus, von dem er das "Nie aufgeben!" als Weltsicht bis heute übernahm ("Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen").
Die "Lektion des armen B.B." (Bertolt Brecht) hatte Grass gelernt: Dass man auch als "Großschriftsteller" nicht einfach nur seiner Arbeit nachgehen kann, wenn draußen auf der Straße das Volk ganz andere Sorgen umtreiben. "Innerhalb der hiesigen intellektuellen Schickeria ist politisches Engagement anrüchig geworden, das kriege ich jetzt zu spüren", meinte Grass schon 1986. Und er hat nicht die demütigende Szene vergessen, als in Anwesenheit von Peter Stein unwidersprochen "Grass raus!"-Rufe ertönten, als er 1971 - während der Hoch-Zeit der 68er Studentenrevolte - in der Berliner Schaubühne eine "Peer Gynt"-Aufführung besuchte.
Das Fernseh-Special Zum 80. Geburtstag von Günter Grass wird der Norddeutsche Rundfunk (NDR) den Literaturnobelpreisträger am 16. Oktober mit einer Sondersendung würdigen. Am 20. Oktober findet in der Göttinger Lokhalle die Veranstaltung "Göttingen feiert Günter Grass" statt. Mit dabei sind zahlreiche Weggefährten von Grass wie der Bestsellerautor John Irving oder der Sänger Marius Müller-Westernhagen. Eine Aufzeichnung des Fests wird am 21. Oktober (11.30 Uhr, NDR und 3sat) im Fernsehen gezeigt. Durch den Abend führt die Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga. Zu den weiteren Sendungen anlässlich des runden Geburtstages gehört eine vierstündige Radionacht mit dem Titel "Der optimistische Sisyphos" auf NDR Kultur. Außerdem liest Grass in zehn Folgen auf NDR Kultur sein Werk "Katz und Maus" vor.