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16. Oktober 2007, 06:50 Uhr

Ein "Störenfried" wird 80

Für die einen ist er ein Jahrhundert-Erzähler. Andere sehen in ihm einen Störenfried mit hohem Nervpotenzial. Günter Grass hat seit jeher polarisiert: mit seinem literarischen Werk, vor allem aber mit seinem politischen Engagement. Jetzt wird der Literaturnobelpreisträger 80.

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass zeigte politisches Engagement und war deshalb nicht immer beliebt© Michael Bahlo/DPA

Ein Jahrhundert-Erzähler wird 80, der nach Ansicht der Stockholmer Nobelpreis-Akademie "der Menschheit einen Dienst erwiesen" hat. Über seinen ersten Auftritt in der bundesdeutschen Autorenvereinigung "Gruppe 47" und damit in der literarischen Öffentlichkeit schrieb eine Zeitung 1955: "Einen neuen, als "kräftig, vital und bravourös" apostrophierten Ton brachten die Gedichte des Berliner Bildhauers Günter Grass." Ein halbes Jahrhundert später wird ein zwischenzeitlich tief verletzter Literaturnobelpreisträger, der letzte des 20. Jahrhunderts, zu seinem runden Geburtstag vielfach geehrt. Der in Danzig geborene Romanautor, Lyriker, Bildhauer, Zeichner und Dramatiker Grass vollendet am 16. Oktober sein achtes Lebensjahrzehnt.

"In ganz Deutschland wird ein gewaltiger Schnurrbart wachsen", prophezeite eine "Die Welt". Mit Feiern ehren Lübeck, Göttingen (Steidl Verlag) und Hamburg den Jubilar, die Geburtsstadt Danzig zog schon Anfang Oktober vor. Hier wurde er als ein wichtiger Botschafter für die Versöhnung zwischen Deutschen und Polen gewürdigt. Auf der Frankfurter Buchmesse stellte Grass die dritte Gesamtausgabe seiner Werke vor, zwölf Bände mit 8960 Seiten.

Was Böll und Grass verbindet: "Glaube, Liebe, Hoffnung"

Auf den Nobelpreis als höchste Weihe in der Welt der Literatur hatte Grass lange warten müssen. 1972 war ihm Heinrich Böll vorgezogen worden. 1999 erhielt Grass den Nobelpreis vor allem, aber nicht nur, für sein Historienepos "Die Blechtrommel", den grotesk- deftigen "Schelmenroman" über die jüngere deutsche Vergangenheit mit dem in einer Nervenklinik Lebensrückblick haltenden, zwergwüchsigen Oskar Matzerath, einem modernen Peer Gynt oder "Säulenheiligen".

Ein "Wilhelm Meister auf Blech getrommelt", wie es Hans Magnus Enzensberger formulierte. "Eine anständige Sauerei war der Roman außerdem", erinnert sich Grass-Biograf Michael Jürgs an seine Jugendlektüre. Vor allem aber: Der Roman werde "zu den bleibenden literarischen Werken des 20. Jahrhunderts gehören", befand das Nobelkomitee.

Als die Stockholmer Akademie ihren Preis 1972 an Böll vergab, meinte der erstaunt: "Warum ich und nicht Grass?" Aber "das Erbe Heinrich Bölls ist in guten Händen", urteilte der Grass-Weggefährte Walter Jens, nicht zuletzt wegen ihres gemeinsamen Lebensinhalts "Glaube Liebe Hoffnung".

Grass als Trommler im politische Alltag Doch "warum so viel Hass auf Grass", fragte der Kritiker Fritz. J. Raddatz. Grass sieht sich denn auch in Deutschland nicht ausreichend gewürdigt im Gegensatz zum Ausland, wie er immer wieder betont. "Spannender als alle seine Dramen ist das Drama, das der Schriftsteller Günter Grass selber vorführt", der "vielleicht demokratisch segensreichste Intellektuelle", der nach dem Zweiten Weltkrieg die politische Bühne betreten habe, befand schon vor 30 Jahren der Kritiker Joachim Kaiser. Auch als Trommler im politischen Alltag der Bundesrepublik hat sich Grass immer verstanden, auch wenn der katholisch getaufte Autor, der weder an Gott noch Götter glaubt, nie den Anspruch einer "moralischen Instanz" erhoben hat, die ihm manche zuschrieben.

Schon in den frühen 60er Jahren engagierte sich Grass für Willy Brandt und die "Es Pe De", zu der er später ein ambivalentes Verhältnis entwickelte nach dem Motto "Nur wer liebt, darf kritisieren", und sogar sein Mitgliedsbuch aus Protest gegen die Verschärfung des Asylrechts wieder zurückgab. Wie weit dieses politische Engagement, für das er von seinen Gegnern auch mal als "Pinscher" beschimpft wurde, seine spätexpressionistische Schreibkunst, die zum Artistischen und zur Verspieltheit neigt, beeinflusst hat, ist unter Literaturexperten umstritten.

Seine Vorbilder sind Grimmelshausen, Cervantes, Jean Paul, Alfred Döblin und Albert Camus, von dem er das "Nie aufgeben!" als Weltsicht bis heute übernahm ("Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen").

Seine SS-Vergangenheit: ein Kainsmal

Die "Lektion des armen B.B." (Bertolt Brecht) hatte Grass gelernt: Dass man auch als "Großschriftsteller" nicht einfach nur seiner Arbeit nachgehen kann, wenn draußen auf der Straße das Volk ganz andere Sorgen umtreiben. "Innerhalb der hiesigen intellektuellen Schickeria ist politisches Engagement anrüchig geworden, das kriege ich jetzt zu spüren", meinte Grass schon 1986. Und er hat nicht die demütigende Szene vergessen, als in Anwesenheit von Peter Stein unwidersprochen "Grass raus!"-Rufe ertönten, als er 1971 - während der Hoch-Zeit der 68er Studentenrevolte - in der Berliner Schaubühne eine "Peer Gynt"-Aufführung besuchte.

Das Fernseh-Special Zum 80. Geburtstag von Günter Grass wird der Norddeutsche Rundfunk (NDR) den Literaturnobelpreisträger am 16. Oktober mit einer Sondersendung würdigen. Am 20. Oktober findet in der Göttinger Lokhalle die Veranstaltung "Göttingen feiert Günter Grass" statt. Mit dabei sind zahlreiche Weggefährten von Grass wie der Bestsellerautor John Irving oder der Sänger Marius Müller-Westernhagen. Eine Aufzeichnung des Fests wird am 21. Oktober (11.30 Uhr, NDR und 3sat) im Fernsehen gezeigt. Durch den Abend führt die Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga. Zu den weiteren Sendungen anlässlich des runden Geburtstages gehört eine vierstündige Radionacht mit dem Titel "Der optimistische Sisyphos" auf NDR Kultur. Außerdem liest Grass in zehn Folgen auf NDR Kultur sein Werk "Katz und Maus" vor.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
Dewerth (17.10.2007, 14:17 Uhr)
Hier wird Geschichte geklittert....
...was das Zeug hält. Filbinger wurde also wegen kleinerer Vergehen geschasst, holzt hier entweder ein dummer oder heimtückischer Kommentator. Filbinger hat schlie0lich noch bei Kriegsende exekutieren lassen. Nichts weniger! Und Grass, zu dem ich keine besonders gute Meinung habe, hat also jahrzehntelang geleugnet. Blöder geht’s nicht! Leugnen kann man nur etwas, wonach man gefragt wurde. Dem war aber nicht so. Sicher hätte er sich früher bekennen können, halte ich jedoch für vernachlässigbar und total aufgebauscht von den Medien. Setzen, sechs!
js110010 (16.10.2007, 13:02 Uhr)
was juckt es den Baum, wenn sich die Eber schubbern
alles nur kleinbürgerliche Neider ohne Elan und Esprit.
Ich bin mehrmals an seinem Werk gescheitert. Vielleicht schaffe ich es ja eines Tages doch noch. Ich würde mich freuen
belzebub99 (16.10.2007, 09:48 Uhr)
G. Grass,
das Märchen von dem der auszog, das Gewissen anderer zu erforschen, weil er selbst keines hat.
Oder : Wer einmal lügt...
scherbengericht (16.10.2007, 09:41 Uhr)
windhund
Kann dem Vorkommentator nur zustimmen. Grass hängt sich seit Jahrzehnten an jeden billigen Zeitgist-Mist, plärrt rum, daß man ihn nicht verstehe und suhlt sich in seiner Selbstgerechtigkeit und "Unbequemheit", die billiger an jeder Pommes-Bude zu bekommen ist. Kaum hat er wieder mal -unverdientermaßen- einen Literaturpreis abgegriffen, nörgelt er nachher rum, daß er den Preis eigentlich gar nicht wollte. Prämie wird natürlich mitgenommen. Der Mann ist einfach nur peinlich.
undjetztnochder (16.10.2007, 08:14 Uhr)
Opportunist...
... ein anderes Wort fällt mir bei Grass nicht ein. Ich verstehe daher auch diese Lobhudelei in allen Medien nicht, die Zugehörigkeit zur Waffen-SS und - was viel, viel schlimmer ist - das jahrzehntelange Leugnen derselbigen machen Grass in meinen Augen zum unglaubwürdigen Opportunisten. Jemand, der sich selbst immer als das nationale Gewissen aufgespielt hat und dabei auch kräftig ausgeteilt hat, dem kommen nun dennoch alle Ehrungen und Würdigungen zu - widerlich. Aber er gilt ja als Linker, und dann darf man das. Erinnert sei bei der Gelegenheit, wie in Deutschland mit Konservativen mit einer ähnlichen Vergangenheit umgegangen wurde. Aber auf dem linken Auge sind wir in Deutschland weiterhin blind, bei Linken gilt das als Bagatelle. Traurig, dass sich auch der stern, der bei Kardinälen, Filbingers und Eva Hermanns wegen z.T. viel kleinerer Vergehen als der Zugehörigkeit zur Waffen-SS immer kräftig draufgehauen hat, sich bei einem Alt-Linken so tolerant und unkritisch gibt. Aber - das habe ich eigentlich auch nicht wirklich anders erwartet. Schade.
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