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5. September 2006, 10:01 Uhr

"Das ist mir an die Nieren gegangen"

Es war sein erster öffentlicher Auftritt nach dem Skandal vor leibhaftigem Publikum: Im ausverkauften Berliner Ensemble stellte Günter Grass am Montagabend seine Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" vor. Von Gerda-Marie Schönfeld

"Ich war ziemlich betroffen. Dann kamen vermehrt Zuschriften, die mich doch wieder stabilisiert haben" sagt Grass© Andreas Rentz/Getty Images

Die Vorstellung war komplett ausverkauft, steht das nagelneue Werk doch seit dem Erscheinen auf der Bestseller-Liste. Zur Erinnerung: Als der Literaturnobelpreisträger Günter Grass, Jahrgang 1927, in der FAZ Mitte August mit der Enthüllung aufwartete, er sei als 17jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen, verfiel das deutsche Feuilleton in eine lautstarke Schockstarre. Allgemeiner Tenor: Niemand würde heute einem damals glühenden Hitlerjungen seinen Ausflug in die Waffen-SS übel nehmen. Aber hätte Grass, unser schönster Moraletti, das nicht eher sagen können?

Ausgerechnet er, der keine Gelegenheit verstreichen ließ, seinen Deutschen das beharrliche Verschweigen der Vergangenheit um die Ohren zu knallen - auch er also ein "Wahrheitströpfler", wie der Historiker Michael Wolffsohn schrieb. Es war nicht nur ein Coup, es war ein Tiefschlag für seine weltweite Fangemeinde, besonders in Polen. Grass, der als moralische Instanz galt und sich in dieser Rolle durchaus gefiel, war plötzlich vom Sockel gefallen.

Grass wollte das letzte Wort haben

Nun saßen sie also auf dem "Blauen Sofa" des gastgebenden Club Bertelsmann, der ZDF-aspekte-Moderator Wolfgang Herles und sein Dichter. Grass wie üblich in brauner Cordhose und einem blauen Hemd, das sich hübsch ins blaue Sofa fügte. Er habe das Buch geschrieben "weil ich das letzte Wort haben wollte", sagte Grass. Dann musste er feststellen, dass ihm noch viele letzte Worte auf den Kopf gehauen wurden, und zwar derart, dass "mir die Debatte an die Nieren gegangen ist. Ich war ziemlich betroffen. Dann kamen vermehrt Zuschriften, die mich doch wieder stabilisiert haben".

Ein Werbegag? will Moderator Herles wissen. Da wird Grass unwirsch und brummt, man könne für alles werben - nur für sich selber offenbar nicht. Auf die seit Wochen ewige Frage: Warum die Veröffentlichung erst jetzt? gab Grass die wiederholte Antwort, die Zeit sei eben erst jetzt in ihm reif gewesen.

"Literaturkritiker argumentieren unter ihrem Niveau"

Kein Grass natürlich ohne Journalistenschelte. Er hätte nicht gedacht, "dass Literaturkritiker so unter ihrem Niveau argumentieren". Beifall im Publikum. Und schnüffeln tun sie, die Journalisten. Erst in der Zeitung habe er seinen Entlassungsschein aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1946 gesehen, "und dass ich damals 65 Kilo gewogen habe". Das ist erstaunlich. Da schreibt einer drei ganze lange Jahre an seinen Erinnerungen, bekundet mehrfach Gedächtnislücken in Sachen Waffen-SS - und geht aber in kein einziges Archiv.

Der Moderator will ein bisschen mehr über den jugendlichen Grass in seiner Heimatstadt Danzig erfahren. Der antwortet, Konzentrationslager wie Stutthof nahe Danzig seien ihm, dem begeisterten Hitlerjungen, "als Straflager erschienen, die schon ihre Ordnung hatten". Erst nach dem Krieg sei ihm das Ausmaß des Schreckens bewusst geworden. "Muss man Ihre Bücher nun anders lesen?" will Herles wissen. "Es lohnt sich immer wieder, meine Bücher zu lesen", kontert Grass. Deutlich freundlicher Beifall des Publikums, meist in fortgeschrittenen Jahren. Es ist, als wolle sich sein mit ihm alt gewordener Fanclub versöhnen und den Störfall Waffen-SS plus spätes coming-out milde beiseite schieben. Am Ende hatten sie ihn alle wieder irgendwie lieb. Er bleibt halt unser schönster Moraletti.

Zum Schluss fügt Grass eine Eloge auf die einzige Geliebte an, der er lebenslänglich mit zwei Fingern treu geblieben ist: seinem Fräulein Olivetti Lettera. Ein guter Grund für die Firma Olivetti, den Grass-Text a) in die hauseigene Werbung aufzunehmen und b) unseren Nobelpreisträger auf ewig mit seiner mechanischen Geliebten zu versorgen: seiner Schreibmaschine.

Von Gerda-Marie Schönfeld
 
 
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