Er schreibe vor allem Bücher, keine Krimis, sagt Håkan Nesser. Aber auch im neuen Roman des Bestsellerautors geht es um einen Mord. Da mussten wir nachfragen.

Nehmen Sie die Hände aus den Taschen, aber gaaanz langsam: Håkan Nesser, 55, in seiner schwedischen Heimatstadt Uppsala© Hakkan Lin/DPA
Ich hatte das schon sehr früh beschlossen. Bei Krimis ist es ja so: Weil die Handlung naturgemäß viel Platz braucht, bleibt weniger Raum, um die Charaktere zu entwickeln. Van Veteren benötigte also mehr als zwei, drei Bücher, um zu einem kompletten, lebendigen Menschen zu werden. Das ist geglückt, glaube ich. Jetzt aber, nach 3500 Seiten, gönne ich ihm seine Ruhe. Ich habe einmal mit Minette Walters über das Problem der Charakterentwicklung gesprochen, sie erfindet ja in jedem ihrer Krimis einen neuen Ermittler. Ich habe sie gefragt: "Aber erfinden Sie nicht jedes Mal denselben?" Da hat sie gelacht und "Ja!" gesagt.
Ich schreibe Bücher. Ob dabei Krimis rauskommen, ist mir erst einmal egal. Und ein Mord ist ja auch in diesem Buch zentral. Aber Sie haben Recht: Buchhändler zum Beispiel lieben Kategorien, und bei diesem haben sie in Schweden gefragt, wo sie das Buch denn hinstellen sollen: in die Literatur- oder in die Krimi-Ecke? Ich habe gesagt: in beide. Es gibt ja inzwischen so viele verschiedene Arten von Krimis - da ist es schwer, die Grenzen zu ziehen. Ich habe die hübsche Geschichte eines schwedischen Autors gehört, der im Nebenjob in einer Bibliothek arbeitete. Dort waren alle Krimis mit einem gelben Punkt markiert. Irgendwann hat der Mann begonnen, alle Dostojewski-Romane mit einem gelben Punkt zu bekleben. Und es klappte: Plötzlich begannen die Leute, Dostojewski zu lesen.
Es ist der Tod - das ist nun mal die zentrale Frage der Menschheit. Deshalb sind die Menschen von Krimis fasziniert. Sie lesen über den Tod und stellen sich insgeheim Fragen über das Leben. Ich mag den Tod noch aus einem anderen Grund: Er garantiert eine Geschichte: Da ist jemand umgebracht worden. Warum? Von wem? Und schon ist man mitten im Erzählen: Man fängt mit der Leiche an, geht in der Zeit vor und zurück, um sowohl den Toten als auch den Täter einzuführen... Das ist spannend und macht Spaß: dem Schreiber und dem Leser.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 47/2005