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18. Dezember 2002, 10:27 Uhr

"Meine Frauen hatten Geschmack"

Harry Mulisch findet sich großartig. Der Holländer wünscht sich den Literatur-Nobelpreis und hat doch Angst: "Jeder Satz danach muss genial sein." Nun kommt die Verfilmung seines Bestsellers "Die Entdeckung des Himmels" in die Kinos.

Harry Mulisch, 75, niederländischer Schriftsteller© Volker Hinz

Von Arno Luik und Volker Hinz (Foto)

Herr Mulisch, Sie hielten sich schon als Kind für ein Genie?

Ja, ich war von mir absolut überzeugt, schon immer.

Sie hatten den Drang, groß herauszukommen.

Ich wollte etwas Großes machen, ja. Doch ich hatte nie den Traum, ein weltberühmter Schriftsteller zu werden. Ich war ja gar nichts, ich bin im Mai 1945 aus der Schule geflogen. Die Lehrer hielten mich für dumm. Lernen, Disziplin - das alles gehörte für mich zum Krieg. Am 5. Mai 1945, als Holland befreit wurde, hatte ich das Gefühl: Ich bin frei! Jetzt kann ich machen, was ich will. Ich wollte einfach jeden Morgen lange ausschlafen und war mir dennoch sicher, dass aus mir etwas wird.

Und Sie haben ja Großes erreicht: Sie sind der bekannteste holländische Schriftsteller, ein Weltstar, ein Freund des Königshauses, die Stimme Ihres Landes und...

Das gefällt mir. Ich habe ein Talent für Repräsentation. Es gibt so viele Schriftsteller, die schrecklich bescheiden sind. Und die meisten sind ja fürchterlich depressiv, schlecht gelaunt und auch noch schlampig angezogen.

Ihre Krawatte harmoniert mit den roten Socken, die Sie tragen, und mit dem Tuch Ihres Anzugs, Sie sind sorgsam durchgestylt.

Ja, ich achte auf das Äußere. Meine Mutter hatte einen guten Geschmack, mein Vater war auch immer gut angezogen, er ist da mein Vorbild. Als Künstler ist man doch ein Ästhet. Ich kann doch jetzt nicht zu diesem Anzug grüne Socken anziehen. Vielleicht bin ich eitel. Ja, ich bin es.

Ihrer Eitelkeit würde doch eines unendlich schmeicheln: der Nobelpreis.

Kein Holländer hat bisher den Literatur-Nobelpreis erhalten. Wenn ich ihn bekäme, wäre es hier natürlich ein nationaler Feiertag. Doch jedes Jahr bin ich der Mann, der ihn nicht bekommen hat.

Und das nervt?

Ja, das ist nicht angenehm! Aber es gibt viele große Schriftsteller, die ihn nicht bekommen haben - Tolstoj, Nabokov. Und wenn man ihn gewinnt, verliert man gleichzeitig sehr viel: nämlich diesen Wunsch, den Preis zu erhalten.

Ach, kommen Sie. Das ist doch Unsinn!

Nein. Außerdem lebt man dann ein Jahr lang in einem Hexenkessel. Ich will aber viel lieber, dass das Telefon schweigt. Ich will hier ruhig sitzen, allein sein, aus dem Fenster schauen, lesen, schreiben. Vielleicht verändert einen dieser Preis? Vielleicht quält er sogar? Man sitzt dann irgendwann wieder am Schreibtisch, denkt über den nächsten Satz nach, denkt: Ich habe jetzt den Nobelpreis, also muss ich doch den nächsten Satz wissen, er muss genial sein. Und ich weiß den Satz nicht - da hilft mir der Preis nicht, auch nicht der Gedanke: Ich bin doch der große Mulisch!

Herr Mulisch, die Deutschen haben Ihre Oma und Urgroßmutter vergast und doch: Sie verdanken Adolf Hitler Ihren beruflichen Erfolg.

Das ist ein schrecklicher Gedanke.

Er hat Sie zum Millionär gemacht.

Es stimmt, wenn es Hitler nicht gegeben hätte, würden meine Werke ganz anders aussehen.

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