Er ist der berühmteste Literaturkritiker der Nation. Seinen naselnd-schleppende Vortragsweise kennt fast jeder. Jetzt hat Marcel Reich-Ranicki den Henri Nannen Preis für sein Lebenswerk bekommen. Von Hellmuth Karasek

Marcel Reich-Ranicki und Bundeskanzlerin Angela Merkel am 9. Mai auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses© Marcus Brandt/DPA
Es war der Glaube an die humanitäre Kraft von Literatur und Kultur, der Marcel Reich-Ranicki immer wieder half, die dunklen Zeiten seines Lebens zu überstehen: in Berlin während der Nazi-Zeit, im jüdischen Ghetto Warschaus, im Versteck vor der SS und später als Häftling der polnischen Kommunisten. Er, der aus Deutschland Vertriebene und Ausgegrenzte, hielt fest an einer kulturellen Kontinuität, die durch die Nazi- und Nachkriegsjahre zerstört war. All das Leid, das Ranicki widerfuhr, hinderte ihn niemals daran, an die Kraft der deutschen Kultur zu glauben und sie enthusiastisch zu fördern. Hellmuth Karasek, Herausgeber des Berliner "Tagesspiegel" und Ranickis Mitstreiter im "Literarischen Quartett", beschreibt Lebensstationen des großen Literaturkritikers und Begegnungen mit ihm.
Es war im Herbst 1987, als mich in Hamburg die beiden verantwortlichen Kulturredakteure des ZDF Dieter Schwarzenau und Johannes Willms besuchten und mir den Vorschlag machten, an einer neuen Sendereihe teilzunehmen. Das ZDF wolle eine Literatur-Reihe veranstalten, zu der vier Kritiker eine Autorin oder einen Autor einladen sollten zu einer Art literarischer Gerichtsverhandlung. Zwei sollten ihn verteidigen, also sein neues Buch (es sollte nur um Belletristik gehen), zwei es "anklagen". Marcel Reich- Ranicki, allgewaltiger Leiter des allmächtigen Literaturteils der "FAZ", hatte seinerzeit schon eine gewisse Fernsehpräsenz. Wir kannten und wir stritten uns seit der Gruppe 47. Reich war der gewaltige, gefürchtete und beneidete Präzeptor, ein leidenschaftlicher, schneidend lauter, ungeheuer urteilsstarker Kritiker, der nie aus seinem Herzen eine Mördergrube machte. Er kannte keine Feigheit vor Freund oder Feind und nahm dafür, wie er selbst bekannte, die Einsamkeit des Kritikers in Kauf.
Andererseits war er als "FAZ"-Redakteur ungeheuer kooperativ und effizient, er schuf der Zeitung einen Literaturteil, indem er sich hochbegabte junge Redakteure heranzog, zum Beispiel Volker Hage oder Frank Schirrmacher oder Hubert Spiegel und Jochen Hieber. Und indem er, neben Freunden aus den Tagen der Gruppe, einen Stab von wichtigen jungen Hochschullehrern als Rezensenten um sich scharte, die er streng und fürsorglich unter seine Fittiche nahm. Peter von Matt oder den Verleger und Autor Matthias Wegner, Peter Wapnewski oder Walter Jens. Bis heute sind ihm die meisten eng verbunden und rühmen seine fördernde und fordernde Strenge und seine liebevolle Fürsorge. Er, der allen als zwar leidenschaftlicher (zur Sache leidenschaftlicher) Kritiker half, der niemanden schonte, war hier um das Wohl seiner Mitarbeiter und Mitstreiter "väterlich" besorgt.
Die Gerichtsszenerie, die er für das Fernsehen plante, entsprach seinem kritischen Selbstverständnis: Er sah in Kritikern "Anwälte der Literatur", je nachdem Verteidiger oder Ankläger. Nun versuchte er Autoren zu gewinnen, die sich unserem "Fernsehtribunal" stellen sollten. Wohlweislich sagten alle ab, sie wollten nicht vom Regen der gedruckten Kritik in die Traufe der Fernseh-Exekution kommen. Also sagte mir Reich, nachdem er sich Abfuhren bei Enzensberger, Grass und Walser geholt hatte, wir vier vom "Quartett" sollten in absentia der Autoren urteilen. Ich war erschrocken: Waren nicht die Autoren im Kreuzverhör das Salz in der Suppe? Und würde sich jemand für eine Fernsehsendung interessieren, in der vier Kritiker über Bücher nur parlieren würden? Neben ihm war es anfangs Jürgen Busche von der "FAZ", den sich das ZDF als "konservatives" Gegengewicht gegen mich wünschte - ich war ja beim "linken" "Spiegel", der dem Hamburger Medienkartell zugerechnet wurde. Reich, den an der Literatur nur die Literatur und nichts als die Literatur, ihre Autoren und ihre humanistischen Impulse, ihre schonungslosen Enthüllungen der existenziellen Wahrheit interessierten, war das alles recht gleichgültig. Er beschäftigte auch Rezensenten und Autoren wie Peter Rühmkorf und Wolf Biermann, ihm kam es nur auf den Wert der Texte an, er war, wie gesagt, selbst leidenschaftlich, aber als Redakteur leidenschaftslos, was sogenannte Anschauungen, etwa die von Peter Weiss, betraf.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2008