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17. Mai 2008, 10:47 Uhr

"Man wird doch etwas gegen Walser sagen dürfen!"

Er ist der berühmteste Literaturkritiker der Nation. Seinen naselnd-schleppende Vortragsweise kennt fast jeder. Jetzt hat Marcel Reich-Ranicki den Henri Nannen Preis für sein Lebenswerk bekommen. Von Hellmuth Karasek

Marcel Reich-Ranicki und Bundeskanzlerin Angela Merkel am 9. Mai auf der Bühne des Hamburger Schauspielhauses© Marcus Brandt/DPA

Es war der Glaube an die humanitäre Kraft von Literatur und Kultur, der Marcel Reich-Ranicki immer wieder half, die dunklen Zeiten seines Lebens zu überstehen: in Berlin während der Nazi-Zeit, im jüdischen Ghetto Warschaus, im Versteck vor der SS und später als Häftling der polnischen Kommunisten. Er, der aus Deutschland Vertriebene und Ausgegrenzte, hielt fest an einer kulturellen Kontinuität, die durch die Nazi- und Nachkriegsjahre zerstört war. All das Leid, das Ranicki widerfuhr, hinderte ihn niemals daran, an die Kraft der deutschen Kultur zu glauben und sie enthusiastisch zu fördern. Hellmuth Karasek, Herausgeber des Berliner "Tagesspiegel" und Ranickis Mitstreiter im "Literarischen Quartett", beschreibt Lebensstationen des großen Literaturkritikers und Begegnungen mit ihm.

Es war im Herbst 1987, als mich in Hamburg die beiden verantwortlichen Kulturredakteure des ZDF Dieter Schwarzenau und Johannes Willms besuchten und mir den Vorschlag machten, an einer neuen Sendereihe teilzunehmen. Das ZDF wolle eine Literatur-Reihe veranstalten, zu der vier Kritiker eine Autorin oder einen Autor einladen sollten zu einer Art literarischer Gerichtsverhandlung. Zwei sollten ihn verteidigen, also sein neues Buch (es sollte nur um Belletristik gehen), zwei es "anklagen". Marcel Reich- Ranicki, allgewaltiger Leiter des allmächtigen Literaturteils der "FAZ", hatte seinerzeit schon eine gewisse Fernsehpräsenz. Wir kannten und wir stritten uns seit der Gruppe 47. Reich war der gewaltige, gefürchtete und beneidete Präzeptor, ein leidenschaftlicher, schneidend lauter, ungeheuer urteilsstarker Kritiker, der nie aus seinem Herzen eine Mördergrube machte. Er kannte keine Feigheit vor Freund oder Feind und nahm dafür, wie er selbst bekannte, die Einsamkeit des Kritikers in Kauf.

Fördernde Strenge

Andererseits war er als "FAZ"-Redakteur ungeheuer kooperativ und effizient, er schuf der Zeitung einen Literaturteil, indem er sich hochbegabte junge Redakteure heranzog, zum Beispiel Volker Hage oder Frank Schirrmacher oder Hubert Spiegel und Jochen Hieber. Und indem er, neben Freunden aus den Tagen der Gruppe, einen Stab von wichtigen jungen Hochschullehrern als Rezensenten um sich scharte, die er streng und fürsorglich unter seine Fittiche nahm. Peter von Matt oder den Verleger und Autor Matthias Wegner, Peter Wapnewski oder Walter Jens. Bis heute sind ihm die meisten eng verbunden und rühmen seine fördernde und fordernde Strenge und seine liebevolle Fürsorge. Er, der allen als zwar leidenschaftlicher (zur Sache leidenschaftlicher) Kritiker half, der niemanden schonte, war hier um das Wohl seiner Mitarbeiter und Mitstreiter "väterlich" besorgt.

Die Gerichtsszenerie, die er für das Fernsehen plante, entsprach seinem kritischen Selbstverständnis: Er sah in Kritikern "Anwälte der Literatur", je nachdem Verteidiger oder Ankläger. Nun versuchte er Autoren zu gewinnen, die sich unserem "Fernsehtribunal" stellen sollten. Wohlweislich sagten alle ab, sie wollten nicht vom Regen der gedruckten Kritik in die Traufe der Fernseh-Exekution kommen. Also sagte mir Reich, nachdem er sich Abfuhren bei Enzensberger, Grass und Walser geholt hatte, wir vier vom "Quartett" sollten in absentia der Autoren urteilen. Ich war erschrocken: Waren nicht die Autoren im Kreuzverhör das Salz in der Suppe? Und würde sich jemand für eine Fernsehsendung interessieren, in der vier Kritiker über Bücher nur parlieren würden? Neben ihm war es anfangs Jürgen Busche von der "FAZ", den sich das ZDF als "konservatives" Gegengewicht gegen mich wünschte - ich war ja beim "linken" "Spiegel", der dem Hamburger Medienkartell zugerechnet wurde. Reich, den an der Literatur nur die Literatur und nichts als die Literatur, ihre Autoren und ihre humanistischen Impulse, ihre schonungslosen Enthüllungen der existenziellen Wahrheit interessierten, war das alles recht gleichgültig. Er beschäftigte auch Rezensenten und Autoren wie Peter Rühmkorf und Wolf Biermann, ihm kam es nur auf den Wert der Texte an, er war, wie gesagt, selbst leidenschaftlich, aber als Redakteur leidenschaftslos, was sogenannte Anschauungen, etwa die von Peter Weiss, betraf.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 20/2008

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KOMMENTARE (4 von 4)
 
a.wiechmann (18.05.2008, 21:04 Uhr)
... der heiner II ...
schade, dass die redaktion den kommentar entfernt hat, auf den ich gg. mittag bezug nahm. ich wollte nur nicht seine antisemitischen ausfälle würdigen.
ich stimme 'ritchie' zu.
hallo andreas hofmann: hat marcel reich eine hackordnung aufgestellt? dann wäre es wirklich ein fehler, denn literatur, ob cartland oder th. mann ist noch immer geschmackssache - egal, wes geistes (und IQs) kind man ist.
ich kann feststellen, dass ich fast sämtliche empfehlungen des quartetts recht treffend fand - allerdings waren die verrisse auch sth. ziemlich lesenswert.
ritchie (18.05.2008, 15:19 Uhr)
Walser und Jud Süß
Das M.R.R. ein großer Kritiker ist, ist wohl unumstritten. Daß er sich durch das literarische Quartett selbst in einen Kritikergott verwandeln wollte und daß dies verkehrt war, wird er wohl selber gemerkt haben. Walser hat sich mit seiner Pauluskirchenrede und seinem literarischen Attentat auf M.R.R. keinen gefallen getan; auch mag sich auch noch so eloquent und verquast rausreden wollen. Mich hat es sehr an Jud Süß erinnert.
andhof (18.05.2008, 13:26 Uhr)
Ein wenig hoch gegriffen...
... wäre Karasseks alstersmilder Ranicki-Vergleich mit Tucholsky, der in weiser Voraussicht einmal sagte "Ich will kein Literaturpäpstlein sein." Und der ein weiteres Wort prägte, das ich bei Ranicki bislang vermisste: "Literatur ist kein Wettrennen", was für ihn immer bedeutete: Es gibt Bücher, die er (begründet) gut oder schlecht fand, aber es gab für Tucholsky keine offizielle Rangfolge. Auch wenn er beispielsweise seinen Hamsun verehrte, um später umso enttäuschter zu sein, "als es zum Klappen kam", nämlich mit Hitlerdeutschland.
Nein, diametraler als Tucholsky, den immer offen und wohlbegründet argumetierenden Literatur- Theater- und Polit-Kritiker, der Literatur immer als etwsa Politisches verstand, und Ranicki, der einmal in besagtem Literaturquartett meinte, sein einziges Kriterium sei, ob er sich langweile; einen diametraleren Unterschied zwischen beiden, sehr verehrter Herr Karrassek, kann es nicht geben.
Wenn Literaturkritik ebenfalls kein Wettrennen ist: für mich ist Ranicki ein respektabler, vielleicht urteilsfreudiger, Vielleser, aber sicher kein fundierter Kritiker im germanistisch-wissenschaftlichen Sinne.
Was aber die Verdienste Ranickis, was Literaturförderung und von Ihnen genannte Anstöße, Anthologien und Buchreihen nicht schmälern soll. Denn er hat vermutlich mehr bewegt, in seinem Leben, als manche je überhaupt nur lesen könnten...
Mit freundlichen Grüßen
Andreas Hofmann
a.wiechmann (18.05.2008, 11:48 Uhr)
... der heiner ...
Manchmal ist es so, dass man die Ziffern hinter einem Nutzernamen zusammen zählt - und auf den IQ des Benutzers kommt. Aber 16 ist auch schon beachtlich...
Wer nur in der Lage ist, den Klappentext der Reich'schen Autobiographie zu lesen, wird ein ungleich differenzierteres Bild haben, selbst wenn man seine Kunst der Selbstdarstellung nicht mag.
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