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Sprachrohr der Unsichtbaren

Mit absurden Vorwürfen verfolgt die Justiz in der Türkei den armenischen Journalisten Hrant Dink. Er gibt seinem Volk eine Stimme - dafür bekommt er dieses Jahr den Henri-Nannen-Preis für Pressefreiheit.

Von Stefanie Rosenkranz

Es ist noch nicht sehr lange her, da wurde armenischen Kindern in der Türkei von ihren Eltern eingetrichtert: Sprich nie Armenisch auf der Straße! Versteck dein Kreuz am Hals in der Öffentlichkeit! Halt Abstand und misch dich nicht in türkische Angelegenheiten ein! Dräng dich nie in den Vordergrund! Beschwer dich nicht, wenn du erniedrigt wurdest, weil du Armenier bist, sondern schweig. Mit anderen Worten: Sei unsichtbar!

Und unsichtbar waren die Armenier bis vor kurzem in der türkischen Republik, so geduckt lebten sie.

Verklagt wegen "Beleidigung des Türktums"

Dass sich das geändert hat, ist vor allem einem Menschen zu verdanken: Hrant Dink, dem Herausgeber der zweisprachigen Wochenzeitung "Agos". Dreimal wurde er in den vergangenen Monaten wegen "Beleidigung des Türktums" verklagt, weil er die Mauer des Schweigens und der Angst durchbrochen hat, hinter der die türkischen Armenier bis dahin lebten.

Völkermord der Armenier wird verleugent

Ihre Geschichte wurde verschwiegen, ihre Kultur ignoriert, ihre christliche Religion kaum geduldet, ihr Beitrag zur Blüte des Osmanischen Reichs selten erwähnt. Sie, die Erben einer der ältesten Zivilisationen Anatoliens, wurden im eigenen Land behandelt wie Fremde. Und vor allem: Aus Opfern wurden Täter gemacht. Die Deportation der Armenier 1915-21 im untergehenden Osmanischen Reich, die Todesmärsche, auf die sie damals geschickt wurden, die Massenmorde, die Auslöschung ihrer über 2000-jährigen Präsenz in Anatolien - sie soll es nach offizieller türkischer Geschichtsschreibung nie gegeben haben. Denn die Mörder der Armenier waren ideologische Weggefährten des kultisch verehrten Republikgründers Atatürk. So lernen bis zum heutigen Tag die Kinder und Kindeskinder der wenigen Überlebenden, die in der Türkei geblieben sind, dass ihre Vorfahren Verrat am osmanischen Staat begangen und muslimische Türken massakriert hätten.

Wie es wirklich war, darüber wagten ihre Eltern bis in die jüngste Zeit kaum zu sprechen. Die Erinnerung an das Entsetzen wurde erstickt, aus Furcht.

Großvater überlebte Massaker

Hrant Dink, geboren 1954 in Malatya im Südosten der Türkei und nach der Trennung seiner Eltern in armenischen Waisenhäusern in Istanbul aufgewachsen, ist "ein typisches Produkt dieser Erziehung", wie er sagt. "Zwar bin ich auf armenische Schulen gegangen, aber die unterscheiden sich nur durch die Sprache von türkischen Institutionen. Als Kind wusste ich nichts über unsere Geschichte, und schon gar nichts vom Völkermord. Erst als Erwachsener habe ich erfahren, dass einer meiner Großväter ein Überlebender der Massaker war und dass Mitglieder meiner Familie im Nahen Osten, den USA und in Armenien leben, wohin sie nach der Vertreibung emigrierten."

Für politische Einstellung ins Gefängnis

In seiner Schulzeit und während des Studiums der Zoologie und Philosophie war Dink politisch links engagiert, weswegen er nach dem Putsch von 1980 dreimal verhaftet wurde, mehrere Monate im Gefängnis saß und jahrelang keinen Pass erhielt. "Die Lösung des Problems der Armenier war für mich damals der Sozialismus."

Zerstörung des Paradieses generiert Kämpfer

Der Wendepunkt kam für ihn Mitte der 1980er Jahre, als der türkische Staat das armenische Ferienheim beschlagnahmte, in dem Dink die Sommer seiner Kindheit verbracht hatte und das er damals gemeinsam mit seiner Frau Rakel leitete. "Ich bin mit und an diesem Ort groß geworden. Es war unser Paradies. Als es konfisziert wurde, unter dem Vorwand, die armenische Kirche habe das Grundstück illegal gekauft, wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, was es bedeutet, Armenier in der Türkei zu sein. Ich beschloss, für meine Identität zu kämpfen."

Gewaltiges Echo auf armenische Zeitung

So entstand die Idee zu "Agos", der ersten armenischen Zeitung seit Republikgründung, in der politisch heikle Themen nicht gemieden, sondern offen diskutiert werden - und der einzigen, die zweisprachig erscheint, damit sie auch für Türken zugänglich ist. Die Auflage ist winzig - 6000 Exemplare werden wöchentlich verkauft -, doch das Echo ist gewaltig. Seither hat die Minderheit eine Stimme, und der Mehrheit wird erstmals ein Spiegel vorgehalten.

Tabus angreifen

Was sie dort sieht, ist nicht immer schön. Darum skandieren schon mal nationalistische Demonstranten vor der Redaktion "Du liebst dieses Land - oder du verlässt es". "Agos" berichtet über Enteignungen, über Diskriminierungen, über Gesetze, "geschrieben mit unsichtbarer Tinte", wie Dink sagt. So hat es in der kemalistischen und säkularen Türkei noch nie einen hochrangigen nichtmuslimischen Beamten oder Offizier gegeben; nur an Universitäten können Mitglieder der Minderheiten im Staatsdienst Karriere machen. Und auch vor dem letzten großen Tabu der Türkei macht die Zeitung nicht Halt, nämlich vor dem Völkermord an den Armeniern, wobei der Begriff in Anführungszeichen gesetzt wird; so will es das türkische Gesetz.

Beton-Kemalisten zu Tränen gerührt

Für Dink handelt die Geschichte der Armenier und Türken indes nicht nur von Ermordeten und Mördern, sondern auch vom Zusammenleben der Nachkommen. So findet er Debatten über Zahlen - starben damals "nur" 300 000 oder 1,5 Millionen Armenier? - sowie über den Begriff "Völkermord" nicht so wichtig wie viele Mitglieder der armenischen Diaspora. "Ist ein Wort entscheidend, wenn doch das Ergebnis feststeht: die Vernichtung unserer Existenz in Anatolien?", fragt er. Den Türken wiederum macht er klar, was sie durch den Völkermord verloren haben. Als im September 2005 in Istanbul eine Konferenz über das Massaker stattfand - eine Premiere in der Türkei, die auch ihm zu verdanken ist -, rührte er mit seiner Rede selbst einige Beton-Kemalisten zu Tränen.

An offiziellen Wahrheiten rütteln

Für den türkischen Staat wird es immer schwieriger, an der offiziellen Wahrheit festzuhalten. Und auch für die Justiz. Im Februar befand ein Gericht, er habe das "Türktum" nicht beleidigt, als er einmal sagte, er sei nicht Türke, sondern Armenier und habe immer Schwierigkeiten gehabt, eine Strophe in der Nationalhymne zu singen, in der die Rede von der "heroischen türkischen Rasse" sei, da das Wort Rasse zu Diskriminierung führe. Noch vor wenigen Jahren wäre er dafür im Gefängnis gelandet.

Sechs Monate Haft für "vergiftetes Blut"

Andererseits wurde er im vergangenen Oktober zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er geschrieben hatte, die Diaspora-Armenier sollten sich abwenden von ihrer tragischen Vergangenheit in der Türkei und auf die Zukunft blicken, nämlich auf Armenien. Weil in seinem Artikel auch vom "vergifteten Blut" zwischen Türken und Armeniern die Rede war, kam ein Gericht in Istanbul groteskerweise zu dem Schluss, er habe behauptet, türkisches Blut sei vergiftet, und damit die "Märtyrer" der türkischen Nation verunglimpft. Dink ging in Berufung; das Urteil steht noch aus. Inzwischen wurde er allerdings verklagt, weil er durch seine Kritik an dem Rechtsspruch in erster Instanz "die türkische Justiz" beeinflusst habe.

Ziel: Gleichberechtigung der Armenier

So beißt sich die Katze in den Schwanz. Dink, der bereits mit dem nächsten und übernächsten Rechtsstreit rechnet, ist das egal. Was er will, ist die Gleichberechtigung der Armenier, jetzt. "Aber wenn danach die Probleme der Kurden, der Alewiten, der Frauen und der Homosexuellen weiterhin bestehen bleiben, war alles umsonst."

Für sein Engagement wird Hrant Dink am 12. Mai in Hamburg mit dem Henri Nannen Preis für Verdienste um die Pressefreiheit ausgezeichnet.

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