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2. April 2008, 11:39 Uhr
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"Ich sehe seinem Entschwinden zu"

Er ist berühmt als einer der klügsten Köpfe Deutschlands - Walter Jens. Doch der wortgewaltige Professor versank in eine Welt jenseits der Sprache. Er leidet an Altersdemenz. Gattin Inge Jens sagt im stern über ihn: "Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr". Er befinde sich "in einer Welt, zu der ich keinen Zugang habe".

Seit 57 Jahren verheiratet: Inge und Walter Jens© Volker Hinz

Walter Jens gilt als einer der klügsten Köpfe Deutschlands. Doch der wortgewaltige Tübinger Professor, der vor drei Wochen 85 Jahre alt wurde, leidet an Altersdemenz. In einem Interview im stern erklärte seine Ehefrau Inge Jens: "Ich bin jemand, der seinen Partner verloren hat. Den Mann, den ich liebte, gibt es nicht mehr." Die Krankheit habe ihren Mann "zu einem anderen Menschen gemacht. Er ist nicht mehr mein Mann." Walter Jens sei ihr "nach und nach entglitten" und nun in "einer Welt, zu der ich wenig oder gar keinen Zugang habe".

Vor vier Jahren, so Frau Jens zum stern, habe die Krankheit ihres Mannes begonnen, seine Arbeitskonzentration habe "Tag für Tag nachgelassen". Eine Zeitlang", so Frau Jens, habe ihr Mann "noch Normalität und Arbeit simuliert: Er ging hoch in seine Bibliothek, holte Bücher raus, brachte, ohne, dass er es merkte, alles durcheinander, er saß dann vor einem Stapel Bücher, studierte aufmerksam ein Buch - aber er konnte es gar nicht lesen, denn er hielt es verkehrt herum". Inge Jens: "Er spürte, sein Geist verlässt ihn. Er war von Anfang an verzweifelt. Dann überkam ihn große Traurigkeit."

"Dieses zielsichere Denken - es verschwand"

Und vor Verzweiflung habe er dann um sich geschlagen: "Mein Mann, der nie im Leben irgendwie, irgendwas, irgendwen geschlagen hat! Er fühlte, etwas Unfassbares passiert mit mir. Im Kopf passierte etwas, dass ihm seine Fähigkeit raubte, klar zu denken. Was ihn sein ganzes Leben ausgezeichnet hatte, dieses zielsichere Denken - es verschwand."

Vor fünf Jahren schrieb Frau Jens gemeinsam mit ihrem Mann den Bestseller "Frau Thomas Mann". Dass ihnen das noch gelungen sei, so Frau Jens zum morgen erscheinenden stern, "war eine späte Gnade. Es war eine gemeinsame Freude mit segensreichen Folgen: Ohne diesen kommerziellen Erfolg könnte ich die gute Pflege gar nicht bezahlen, wäre mein Mann vielleicht schon im Heim, vielleicht schon tot."

Walter Jens hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Frage des Sterbens in Würde auseinandergesetzt. In dem mit dem Theologieprofessor Hans Küng geschriebenem Buch "Menschenwürdig sterben" plädierte er für die aktive Sterbehilfe. Auch in seinen letzten Gesprächen hat er beklagt, Tiere würde man einschläfern, Menschen nicht: "Aber den Zeitpunkt", so Inge Jens im stern, "seinem Leben ein Ende zu machen, den hat er im wahrsten Sinne des Wortes verpasst."

Der Geist ist weg, das Gefühl ist da

Obwohl ihr Mann "seinen jetzigen Zustand, wenn er ihn bewusst erleben würde, ihn sicherlich nicht als lebenswert empfände", könne sie ihrem Mann "nicht vom Leben zum Tode verhelfen". Inge Jens: "Er ist ein Mensch, der vor Ihnen steht. Der Geist ist weg, aber das Gefühl ist da." So wie er sich früher über Thomas Mann oder Fontane freute, so genieße er es heute, "wenn er ein Leberkäsweckle kriegt." Gleichwohl fühle sie, dass eine Grundtrauer sein Leben bestimme. Vor ein paar Wochen sei ihr Mann plötzlich aus seiner Welt für eine kurzen Satz aufgetaucht: "Es ist ein so klägliches Leben."

Sie selbst bete, "dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht. Wenn ich einen Wunsch äußern darf, dann den, dass er an einem Infarkt, einem Schlag, was immer es ist, schnell sterben mag, ohne es groß zu merken." Frau Jens ist sich sicher, dass ihr Mann "lebenssatt" sei: Inge Jens: "Schade nur, das er dieses schöne Gefühl nicht mehr denken kann."

Das Interview für den stern führte Arno Luik.

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Ausgabe 15/2008

KOMMENTARE (10 von 12)
 
Antononius (03.04.2008, 09:04 Uhr)
Und Sohn Tilman?
Schade, dass Frau Jens nicht auf die Dummheit ihres Sohnes T. reagierte, der in der FAZ behauptete, die geistige Umnachtung sei ein freiwilliger Rückzug des Vaters wg. der vor fünf Jahren aufgedeckten Aufnahme des jungen Studenten Walter Jens in den NS-Studentenbund, von dem Jens nie was erfuhr und erst im Alter sich damit auseinander setzen konnte.
- Die dumme Rache eines Sohnes, der überall wo er kann, der Generation Jens, Grass, Lenz eins auswischen will.
Medley (02.04.2008, 13:47 Uhr)
Interessant...
...wie herzensfrisch und frohgemut hier "linke" Sternleser über das Thema Euthanasie plaudern. Da hätte selbst der Schicklhuber noch seine Freude daran gehabt.
Medley (02.04.2008, 13:42 Uhr)
Warum.....
..ist der Herr Jenz einer der "kügsten Köpfe Deutschlands"? Weil er ein unbelehrbarer Linker war/ist? Naja, beim Stern arbeiten ja auch nur unbelehrbare Linke, insofern prosten sich die einen Möchtegern-Superhirne den anderen Möchtegern-Superhirn nur selbstgefällig via Online-Lobhuddelei zu.
gheimmusel (02.04.2008, 13:26 Uhr)
"Schade nur, das er"
Hat sie nicht vielmehr gesagt: "Schade nur, dass er..."?? Mannmannmann....
setifis (02.04.2008, 12:26 Uhr)
so ist das Leben
O ihr Menschen, wenn ihr im Zweifel seid über die Auferstehung, so (bedenkt) daß Wir euch aus Erde erschaffen haben, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutgerinnsel, dann aus einem Klumpen Fleisch, teils geformt und teils ungeformt, auf daß Wir es euch deutlich machen. Und Wir lassen in den Mutterschößen ruhen, was Wir wollen, bis zu einer bestimmten Frist; dann bringen Wir euch als Kindchen hervor; dann (ziehen Wir euch groß) daß ihr eure Vollkraft erreicht. Und mancher unter euch wird abberufen, und mancher unter euch wird zu einem hinfälligen Greisenalter zurückgeführt, so daß er, nach dem Wissen, nichts mehr weiß. Und du siehst die Erde leblos, doch wenn Wir Wasser über sie niedersenden, dann regt sie sich und schwillt und läßt alle Arten von entzückenden (Pflanzen) hervorsprießen.
(aus den quran - Die Pilgerfahrt Verse 5)
setifis (02.04.2008, 12:13 Uhr)
so ist das Leben
O ihr Menschen, wenn ihr im Zweifel seid über die Auferstehung, so (bedenkt) daß Wir euch aus Erde erschaffen haben, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutgerinnsel, dann aus einem Klumpen Fleisch, teils geformt und teils ungeformt, auf daß Wir es euch deutlich machen. Und Wir lassen in den Mutterschößen ruhen, was Wir wollen, bis zu einer bestimmten Frist; dann bringen Wir euch als Kindchen hervor; dann (ziehen Wir euch groß) daß ihr eure Vollkraft erreicht. Und mancher unter euch wird abberufen, und mancher unter euch wird zu einem hinfälligen Greisenalter zurückgeführt, so daß er, nach dem Wissen, nichts mehr weiß. Und du siehst die Erde leblos, doch wenn Wir Wasser über sie niedersenden, dann regt sie sich und schwillt und läßt alle Arten von entzückenden (Pflanzen) hervorsprießen.
(aus dem Quran - Die Pilgerfahrt Verse 5)
Euridike (02.04.2008, 11:51 Uhr)
Kreislauf
ist der Grundgedanke von Naturreligionen. Warum sollte man so nicht denken können.
Ich persönlich würde allerdings lieber an ein Leben im Sinne einer Spirale denken. Dann gäbe es an dem Punkt des Todes wenigstens einen Fortschritt - ein qualitatives Umschlagen in etwas Anderes.
Was auch immer das ist, es könnte tröstlich sein...?
Corum (02.04.2008, 11:32 Uhr)
Kreislauf....
...ich bin mir nicht sicher ob man das nicht auch als Teil des Lebenskreislaufes betrachten kann.
Vom zahnlosen Baby, das nicht bewußt denken kann zum zahnlosen Alten, der im Grunde kaum vom zahnlosen Baby zu unterscheiden ist.
Wenn man das als ansteigende und absteigende Kurve betrachtet, vielleicht ist das dann ein natürlicher Weg.
Kann man das so sehen?
Manchmal denke ich, daß die indianische Sitte, die Alten in der Natur zum Sterben auszusetzen, auch etwas hat.
Ziemlich zwiegespalten.
Euridike (02.04.2008, 11:03 Uhr)
Egal, wie man es bezeichnet.
Ich bin der Meinung, wer zu Lebzeiten eine Verfügung gemacht hat, wie er in solchen Fällen (wie z.B. Altersdemenz) behandelt werden möchte, dem ist in jeder Beziehung beizustehen. Und das heißt für mich auch aktive Sterbehilfe.
S.H. (02.04.2008, 11:03 Uhr)
So hart und kalt es auch klingen mag:
das beste was einem Demenzkranken passieren kann ist zu sterben. Ich habe bei meiner Oma miterlebt wie der Mensch sich verändert. Und ich habe Gott gedankt, als sie gestorben ist.
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