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22. Dezember 2005, 15:53 Uhr

Der Verwunderte

Sieben Jahre lang hat er geschrieben, gestrichen, gelitten. Mit "Neue Leben" ist Ingo Schulze nun der grosse Roman zur Wiedervereinigung gelungen. Der stern begleitete den Schriftsteller auf seiner Lesereise - und traf einen Mann, der ganz genau hinschaut.

Schulze liest aus "Neue Leben" in der Berliner "Georg Büchner Buchhandlung"© Hardy Müller

"Es gibt Dinge", sagt seine Mutter, "die kann man nicht übers Knie brechen. Dazu gehört die Liebe. Die Erziehung. Und das Schreiben." Ihr Schriftstellersohn eilt in der Wohnung umher und packt den Koffer. Es geht auf Lesereise. Sieben Jahre und ein halbes hat er das Publikum auf sein neues Buch warten lassen. Was lange währte, wurde es auch gut?

Ingo Schulze stand ziemlich unter Druck. Seine "Simple Storys" waren 1998 überschwänglich gefeiert worden, als exakte Beobachtungen aus dem Alltag der DDR-Provinz. Sie wurden Schullektüre in Deutschland und in 23 Sprachen übersetzt. Seitdem nahm er sich jedes Silvester vor, mit dem neuen Buch fertig zu werden. Jetzt ist "Neue Leben" auf dem Markt. 800 Seiten, schwer wie ein Ziegelstein. Und?

Der meistbesprochene Roman der Saison begeistert, verstört, fasziniert. Er skizziert Illusionen und Selbsttäuschungen und das Staunen vor und nach dem Umbruch 1989/90. Er dokumentiert, wie eine Welt zusammenbricht. Was richtig schien, war plötzlich falsch. Und umgekehrt. Ingo Schulze zwang sich zu einer präzisen Sprache, der man die Arbeit der vergangenen Jahre anmerkt: Jeder Satz sitzt. Das Buch bewegt, lässt einen nicht in Ruhe. Schulze hält dem Leser einen Spiegel vor. Und man stellt, ob man will oder nicht, die eigene Wirklichkeit infrage.

Ingo Schulze erzählt die Wandlung eines verhinderten Schriftstellers im Osten zu einem erfolgreichen Geschäftsmann im Westen. Beschreibt den Wechsel aus der Welt der Worte in die Welt der Zahlen. In Briefen erstattet dieser Enrico Türmer drei Freunden Bericht über die unübersichtliche Revolutionszeit 89/90 im thüringischen Altenburg, Briefe, die er zwischen Januar und Juli 1990 verschickt. Eine Zeit, in der er in einer Woche so viele und seltsame Begegnungen hat wie früher nicht in einem Jahr. Und sich fortlaufend wundert, "auf welche Art und Weise der Westen in meinen Kopf kommt".

© Hardy Müller

Enrico Türmer, von der Geschichte überrumpelt, dokumentiert den Weltenwechsel in ausführlichen Sendschreiben. Ausdauernd exakt, unterhaltsam, in einem altmodischen, gediegenen Tonfall und mit dem sicheren Gespür für das Absurde: allein eine Seite darüber, wie Champagner schmeckt. Seine Briefe werden 15 Jahre später von jemandem, der sich Ingo Schulze nennt, gefunden und als Buch veröffentlicht, akribisch kommentiert mit einem Wust von Fußnoten. Dieser Schulze versucht zu ordnen, was nicht zu ordnen ist. "Ich wollte keinen Fixpunkt schaffen", sagt der echte Ingo Schulze. Weil heute auf nichts mehr Verlass sei.

Ingo Schulze steht am Berliner Ostbahnhof, Gleis zwei. Schwarzer Mantel, schwarzer Koffer. Schulze findet, seine Statur sei ein bisschen zu breit, ein wenig zu kurz geraten. Irgendwie erinnert sein Lockenkopf an einen Engel auf Raphaels Sixtinischer Madonna. Das Bild hängt bei den Alten Meistern in Dresden. Schulze wurde 1962 dort geboren. Der Vater Physiker, die Mutter Ärztin. Der Opa ersetzte den Vater, als sich die Eltern trennten. Ingo Schulze wurde groß in einer Bürgerwelt. Berghänge mit Villenbewuchs. Klassische Musik und Kreuzschule.

Er hat viel Lob erhalten in den vergangenen Jahren. Wurde mit Preisen gefüttert, seine Texte wurden im renommierten "New Yorker" abgedruckt. Mit dem Erfolg seiner einfachen Geschichten war er über Nacht zu einem der wichtigsten deutschen Erzähler der Gegenwart geworden.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 52/2005

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