Radikal war die Autorin Alexa Hennig von Lange schon immer: Ihr Debüt "Relax" schockte durch den authentischen Blick auf die Techno-Drogenszene. Ihr neues Werk "Peace" ist eine satirische Abrechnung mit dem Krieg der Geschlechter. Ein Interview über das Schreckgespenst Mann und ihren Status als konservative Autorin.

Übt Kritik am Geschlechterverhältnis in ihrem aktuellen Buch "Peace": Alexa Hennig von Lange© Sebastian Willnow/DDP
Mir ging es darum zu zeigen, dass es nichts bringt, im Feminismus weiterhin das Feindbild Mann aufrecht zu erhalten. Männer und Frauen sollten sich aufeinander zu bewegen, ohne dass eine Bewertung von weiblichen oder männlichen Eigenschaften stattfindet. Dieses dualistische Denken muss endlich aufhören. Zudem bin ich der Meinung, dass es keine feministische Bewegung mehr braucht. Vielmehr ist heute jeder Einzelne gefordert, sich für sich selbst und die Partnerschaft verantwortlich zu fühlen.
Das ist die Schwierigkeit: Wer heute eine funktionierende Partnerschaft führen möchte, muss seine Bedürfnisse ganz klar formulieren. Vor allem Frauen stellen sich dabei die Frage: Sind meine Bedürfnisse überhaupt angebracht? Sind sie egoistisch oder dienen sie der Gemeinschaft? Mädchen werden ja immer noch so erzogen, dass sie keine Ansprüche stellen und perfekt funktionieren.
Pony möchte wertgeschätzt werden, so wie sie ist, auch mit ihren weiblichen Eigenschaften, die der Freund vielleicht nicht nachvollziehen kann. Männer neigen ja immer noch dazu, ihrer Frau zu sagen: Nun mach doch nicht so einen Stress. Darauf kann eine Frau, die mit Arbeit und Kindern eine enorme Doppelbelastung hat, gut verzichten. Ich glaube, dass sich der Mann mit dieser Formulierung vor einer anderen Feststellung schützen will: Ich weiß, Du hast mehr zu tun als ich. Inzwischen gibt es immerhin die Tendenz, dass sich Männer mehr in die Kindererziehung und die Beziehung einbringen.
Der Mann befindet sich in einer Art Zwischenzone: Er merkt, dass sein Herrschaftsmonopol zunehmend ins Wanken gerät. Vielleicht bäumt er sich noch mal auf und versucht zu retten, was zu retten ist, aber natürlich spürt er, dass ein gefühlsmäßiges Umschwenken notwendig ist.
Überhaupt nicht. Je mehr Ideen gebraucht werden, um die Welt vor dem Untergang zu retten, desto mehr ist natürlich auch das Weibliche, das Intuitive, das Sich-Öffnen von unbedingter Bedeutung. Wir haben erlebt, dass es nicht weiterführt, sich hinter einer Maske zu verstecken. Nun gibt es sicher Männer, die sich vom Weiblichen bedroht fühlen und ihre Söhne erst recht zu Machos erziehen. Aber viele sagen auch: Ich möchte, dass mein Sohn der Welt offen gegenüber tritt, dass er sich ausdrücken und eine vertrauensvolle Beziehung führen kann. Um diese Jungen muss man sich keine Sorgen machen.
Als Mädchen habe ich Biographien von Künstlerinnen verschlungen, von Camille Claudel, Virginia Woolf, Sylvia Plath. Darum war mir sehr früh bewusst, dass es schöpferisch tätige Frauen immer schwer hatten und sehr schnell in die Schublade der Wahnsinnigen abgeschoben wurden. Sie konnten sich nicht frei äußern, wurden in der Rezeption als nichtig abgetan oder von ihren Männern unterdrückt. So kam ich damals zu dem Schluss: Der Mann ist immer schuld. Ich hatte derartige Angst davor, dass mir so etwas passieren könnte, dass ich mir vorgenommen habe: Jetzt tanzen die Männer nach meiner Pfeife. Meinem ersten Freund habe ich jeden Tag mit Selbstmord gedroht, wenn er nicht gemacht hat, was ich wollte. Dieses Ausflippen war natürlich ein Ausdruck meiner Hilflosigkeit. Mit zunehmender innerer Unabhängigkeit bin ich im Umgang mit Männern gelassener geworden.
"Peace" Die Geschichte dreht sich um den 17-jährigen Joshua, der mit einer drogensüchtigen Mutter aufwächst und deren Entwicklung vom Hippie zur Extrem-Feministin er miterlebt. Die Autorin entwirft drastische Bilder: Als kleiner Junge muss Joshua etwa einer Hausgeburt beiwohnen. Der als Junge auf die Welt gekommene Säugling wird von den Feministinnen kurzerhand kastriert. Mit massiven Übertreibungen veranschaulicht Hennig von Lange die Auseinandersetzung zwischen Männern, die zum Feindbild wurden, und Frauen auf der Suche nach sich selbst. Ihr satirischer Stil lässt den Krieg zwischen den Geschlechtern absurd und sinnlos erscheinen.
Dumont Verlag, 270 Seiten, 14,95 Euro
Zur Person Alexa Hennig von Lange 1973 geboren, wurde 1997 mit ihrem Debütroman "Relax" bekannt. Es folgten zahlreiche Bücher, zuletzt der Roman "Risiko" sowie zahlreiche Jugendbücher. Die Schriftstellerin war verheiratet mit dem Autor Joachim Bessing. Inzwischen lebt sie allein mit ihren zwei Kindern in Berlin.