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24. Juli 2009, 11:41 Uhr

"Männer sind in einer Zwischenzone"

Radikal war die Autorin Alexa Hennig von Lange schon immer: Ihr Debüt "Relax" schockte durch den authentischen Blick auf die Techno-Drogenszene. Ihr neues Werk "Peace" ist eine satirische Abrechnung mit dem Krieg der Geschlechter. Ein Interview über das Schreckgespenst Mann und ihren Status als konservative Autorin.

Alexa Hennig von Lange,

Übt Kritik am Geschlechterverhältnis in ihrem aktuellen Buch "Peace": Alexa Hennig von Lange© Sebastian Willnow/DDP

Der Dumont-Verlag bewirbt Ihren Roman "Peace" als neuen Beitrag zur Feminismus-Debatte. Was brannte Ihnen denn zu dem Thema unter den Nägeln?

Mir ging es darum zu zeigen, dass es nichts bringt, im Feminismus weiterhin das Feindbild Mann aufrecht zu erhalten. Männer und Frauen sollten sich aufeinander zu bewegen, ohne dass eine Bewertung von weiblichen oder männlichen Eigenschaften stattfindet. Dieses dualistische Denken muss endlich aufhören. Zudem bin ich der Meinung, dass es keine feministische Bewegung mehr braucht. Vielmehr ist heute jeder Einzelne gefordert, sich für sich selbst und die Partnerschaft verantwortlich zu fühlen.

Ist das nicht eine gefährliche These? Wenn jeder für sich selber kämpft, fehlt den Frauen dann nicht die gemeinsame Linie, um etwas zu bewegen?

Das ist die Schwierigkeit: Wer heute eine funktionierende Partnerschaft führen möchte, muss seine Bedürfnisse ganz klar formulieren. Vor allem Frauen stellen sich dabei die Frage: Sind meine Bedürfnisse überhaupt angebracht? Sind sie egoistisch oder dienen sie der Gemeinschaft? Mädchen werden ja immer noch so erzogen, dass sie keine Ansprüche stellen und perfekt funktionieren.

In "Peace" erklärt die junge Pony, unter welchen Bedingungen sie heiraten würde. So soll der Mann etwa sagen, wann er abends nach Hause kommt und sie nicht auslachen, wenn sie sich scheinbar unbegründet Sorgen macht. Im Gegenzug wäre sie bereit, die gesamte Familienarbeit zu übernehmen. Muss ein Mann sich also nur wie ein normaler Mensch benehmen und die Frau schmeißt aus lauter Dankbarkeit dafür den Laden?

Pony möchte wertgeschätzt werden, so wie sie ist, auch mit ihren weiblichen Eigenschaften, die der Freund vielleicht nicht nachvollziehen kann. Männer neigen ja immer noch dazu, ihrer Frau zu sagen: Nun mach doch nicht so einen Stress. Darauf kann eine Frau, die mit Arbeit und Kindern eine enorme Doppelbelastung hat, gut verzichten. Ich glaube, dass sich der Mann mit dieser Formulierung vor einer anderen Feststellung schützen will: Ich weiß, Du hast mehr zu tun als ich. Inzwischen gibt es immerhin die Tendenz, dass sich Männer mehr in die Kindererziehung und die Beziehung einbringen.

Mit Barry haben Sie im Buch eine Männerfigur kreiert, die mit Küchenschürze durchs Haus rennt und ganz selbstverständlich die Verantwortung für den Haushalt übernimmt. Haben Sie den Eindruck, dass Männer versuchen, eine neue Orientierung für sich zu finden?

Der Mann befindet sich in einer Art Zwischenzone: Er merkt, dass sein Herrschaftsmonopol zunehmend ins Wanken gerät. Vielleicht bäumt er sich noch mal auf und versucht zu retten, was zu retten ist, aber natürlich spürt er, dass ein gefühlsmäßiges Umschwenken notwendig ist.

Es gibt die Theorie, Jungen hätten es heute in der Schule schwerer als Mädchen, weil weibliche Verhaltensweisen höher bewertet würden als männliche. Machen Sie sich Sorgen um Ihren Sohn?

Überhaupt nicht. Je mehr Ideen gebraucht werden, um die Welt vor dem Untergang zu retten, desto mehr ist natürlich auch das Weibliche, das Intuitive, das Sich-Öffnen von unbedingter Bedeutung. Wir haben erlebt, dass es nicht weiterführt, sich hinter einer Maske zu verstecken. Nun gibt es sicher Männer, die sich vom Weiblichen bedroht fühlen und ihre Söhne erst recht zu Machos erziehen. Aber viele sagen auch: Ich möchte, dass mein Sohn der Welt offen gegenüber tritt, dass er sich ausdrücken und eine vertrauensvolle Beziehung führen kann. Um diese Jungen muss man sich keine Sorgen machen.

Sie haben mal gesagt, Sie seien aufgewachsen mit der Vorstellung vom Mann als Schreckgespenst. Wann haben Sie sich von dieser Vorstellung verabschiedet?

Als Mädchen habe ich Biographien von Künstlerinnen verschlungen, von Camille Claudel, Virginia Woolf, Sylvia Plath. Darum war mir sehr früh bewusst, dass es schöpferisch tätige Frauen immer schwer hatten und sehr schnell in die Schublade der Wahnsinnigen abgeschoben wurden. Sie konnten sich nicht frei äußern, wurden in der Rezeption als nichtig abgetan oder von ihren Männern unterdrückt. So kam ich damals zu dem Schluss: Der Mann ist immer schuld. Ich hatte derartige Angst davor, dass mir so etwas passieren könnte, dass ich mir vorgenommen habe: Jetzt tanzen die Männer nach meiner Pfeife. Meinem ersten Freund habe ich jeden Tag mit Selbstmord gedroht, wenn er nicht gemacht hat, was ich wollte. Dieses Ausflippen war natürlich ein Ausdruck meiner Hilflosigkeit. Mit zunehmender innerer Unabhängigkeit bin ich im Umgang mit Männern gelassener geworden.

"Peace"

"Peace" Die Geschichte dreht sich um den 17-jährigen Joshua, der mit einer drogensüchtigen Mutter aufwächst und deren Entwicklung vom Hippie zur Extrem-Feministin er miterlebt. Die Autorin entwirft drastische Bilder: Als kleiner Junge muss Joshua etwa einer Hausgeburt beiwohnen. Der als Junge auf die Welt gekommene Säugling wird von den Feministinnen kurzerhand kastriert. Mit massiven Übertreibungen veranschaulicht Hennig von Lange die Auseinandersetzung zwischen Männern, die zum Feindbild wurden, und Frauen auf der Suche nach sich selbst. Ihr satirischer Stil lässt den Krieg zwischen den Geschlechtern absurd und sinnlos erscheinen.
Dumont Verlag, 270 Seiten, 14,95 Euro

Zur Person Alexa Hennig von Lange 1973 geboren, wurde 1997 mit ihrem Debütroman "Relax" bekannt. Es folgten zahlreiche Bücher, zuletzt der Roman "Risiko" sowie zahlreiche Jugendbücher. Die Schriftstellerin war verheiratet mit dem Autor Joachim Bessing. Inzwischen lebt sie allein mit ihren zwei Kindern in Berlin.

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
Henning100 (25.07.2009, 09:14 Uhr)
Die Gleichberechtigung ist ausschlaggebend
In meiner Ehe bestimmt meine Frau die unwichtigen und ich die wichtigen Dinge im Leben. Das sieht foldermassen aus: meine Frau bestimmt die Kinder-Erziehung, die naechste Urlaubs-Reise, den Auto-Kauf, Hauskauf, Kleidung, Restaurant, Essen, Geldausgabe etc. Ich bestimme die grossen und wichtigen Dinge: wer z.B. naechster Praesident der USA wird.......
vegefranz (24.07.2009, 17:56 Uhr)
nörgelnde Emanze im Sommerloch

fast so schlimm wie die Perle mit dem Ekelbuch
rvoelsch (24.07.2009, 14:45 Uhr)
Guter Artikel, auch wenn
damit das Sommerloch gefüllt werden soll ;-).
Zum Artikel/Interview selber:
Die ersten drei Sätze von Frau Hennig von Lange sind die Entscheidenen.
Obwohl noch ab und zu einseitges und konseratives hervorkommt, komme ich nicht drum herum von einer Zustimmung von 80 bis 90 % zu sprechen.
Also liebe Leute: Miteinander statt gegeneinander!
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