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15. März 2008, 10:10 Uhr

"Ich bin der Torero und der Stier"

Mit Goethe plädiert Martin Walser für die Liebe jenseits der 70. Aber warum muss es eigentlich immer eine viel jüngere Frau sein? Der stern sprach mit ihm über Männer, Fantasien und Gefühle.

Martin Walser, 80, zeigt in seinem Roman Goethe als "liebenden Mann". Die Geliebte bleibt leider Nebensache© Jörg Carstensen/DPA

Der Wind weht über den Bodensee, und Martin Walser seufzt. Wegen der Interviews, die er meist nicht mag, wenn er sie nachträglich liest. "Es schmerzt", sagt er mit bedächtig rollendem R. "Diese Fiktion der Sachlichkeit, das schmerzt." Er seufzt wieder. "Das ist natürlich nötig, ich weiß." "Dann fangen wir jetzt trotzdem an?" "Sicher, sicher."

Herr Walser, in Ihrem neuen Roman geht es um Goethe, der sich in Ulrike von Levetzow verliebt und ihr 1823 einen Heiratsantrag macht. Das ist tatsächlich so passiert - Goethe war damals über 70, besagte Ulrike gerade 19.

Wissen Sie, ich habe bis jetzt noch nie einen Romantext gehabt, der die Leute nicht zum Lachen bringt. Dieses Mal ist nichts zum Lachen. Ich habe morgens um fünf Uhr angefangen zu schreiben, und ich hatte sofort diesen Ton, der mich getragen hat. Acht Wochen habe ich geschrieben, und es lief und lief und lief …

Die Liebe zwischen einem alten Mann und einem jungen Mädchen - darüber haben Sie bereits häufiger geschrieben. Machen Sie Goethe jetzt zu Ihrem Gewährsmann?

Da drängt sich mir ein Wort auf, das ich aber nicht so meine: Es war eine Art Schadenfreude, als ich das geschrieben habe. Die vor allem weiblichen Kritiker, die mir die Bücher mit dem großen Altersunterschied übel vermerkt haben …

. . . Ihnen wurde wiederholt "Altersgeilheit" vorgeworfen . . .

… daher meine gewisse Schadenfreude. Die können mir das bei diesem Buch nicht vorwerfen.

Sie können schon. Es ist doch Ihr Roman.

Aber bitte schön, es ist Goethe! Unser größtes Stück! Und der liebt mit 73 eine 19-Jährige. Also schlimmer kann man's doch gar nicht bringen, in den Augen derer, die das angekreidet haben. Die gesagt haben, das sei biologisch, ästhetisch und moralisch verwerflich.

Auf diese Vorwürfe antworten Sie jetzt?

Ich antworte, weil es diese Vorwürfe nicht geben kann. Die haben ja gesagt, das sei peinlich, so ein Altersunterschied. Dabei war das nur denen peinlich. Mir nicht! Ich habe das Buch nicht deswegen geschrieben, aber es ist ein Umstand, von dem ich mir das Schönste erhoffe. Dass endlich Verständnis blüht! Für solche Unterschiede!

Ulrike von Levetzow: Goethe machte der 19-Jährigen mit 73 einen Heiratsantrag© akg-images

Vielleicht geht es gar nicht um Peinlichkeit. Sondern darum, dass sich bei Ihnen junge Frauen mit großer Selbstverständlichkeit in ältere Männer verlieben. Was ist so wichtig daran, für diese Art der Darstellung Verständnis zu bekommen?

Ach, Sie meinen, Unverständnis genügt? Ich liebe alle meine Helden gleichermaßen, und es schmerzt mich, wenn sie in die Welt kommen und da nicht geliebt werden.

Lieben Sie auch Ihre weiblichen Figuren?

Bei Gott, bei Gott. Also diese Frage hätten Sie wirklich nicht stellen dürfen. Ich will sie Ihnen nicht übel nehmen. Es hat mir ja keiner geglaubt, bei meinem Roman "Tod eines Kritikers", dass ich den Kritiker genauso liebe wie alle anderen Figuren. Und da sind natürlich, wenn Sie gestatten, Frauen eingeschlossen.

Aber als Schriftsteller sind Sie derjenige, der die Gefühlswelt dieser jungen Frauen ausmalt. Die wahre Ulrike von Levetzow hat ihr Leben lang abgestritten, dass es eine Liebesbeziehung zu Goethe gab.

Das möchten Sie gern: ein Leben lang! Das ist ganz und gar Ihre Erfindung.

In ihren Erinnerungen schreibt sie es. "Keine Liebe war es nicht", so die wahre Ulrike.

Und da war sie über neunzig, viel mehr ist von ihr nicht überliefert, das heißt, was wir da erfahren, kann für Goethe nicht der Anlass gewesen sein, die "Marienbader Elegie", das gewaltigste Liebesgedicht der deutschen Sprache, zu schreiben. Das heißt, Ulrike muss eine andere gewesen sein ...

. . . davon gehen Sie aus . . .

... und diese Ulrike habe ich aus Goethes Liebe und Goethes Schmerz gebildet.

Was in ihr vorgeht, erfahren wir kaum. Warum sollte sich ein 19-jähriges Mädchen verlieben in den über 70-jährigen Mann? Mich interessiert, wie Sie diese Gefühle begründen.

Er fühlt sich geliebt, nur darauf kommt es an.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 11/2008

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