Mit Goethe plädiert Martin Walser für die Liebe jenseits der 70. Aber warum muss es eigentlich immer eine viel jüngere Frau sein? Der stern sprach mit ihm über Männer, Fantasien und Gefühle.

Martin Walser, 80, zeigt in seinem Roman Goethe als "liebenden Mann". Die Geliebte bleibt leider Nebensache© Jörg Carstensen/DPA
Der Wind weht über den Bodensee, und Martin Walser seufzt. Wegen der Interviews, die er meist nicht mag, wenn er sie nachträglich liest. "Es schmerzt", sagt er mit bedächtig rollendem R. "Diese Fiktion der Sachlichkeit, das schmerzt." Er seufzt wieder. "Das ist natürlich nötig, ich weiß." "Dann fangen wir jetzt trotzdem an?" "Sicher, sicher."
Wissen Sie, ich habe bis jetzt noch nie einen Romantext gehabt, der die Leute nicht zum Lachen bringt. Dieses Mal ist nichts zum Lachen. Ich habe morgens um fünf Uhr angefangen zu schreiben, und ich hatte sofort diesen Ton, der mich getragen hat. Acht Wochen habe ich geschrieben, und es lief und lief und lief …
Da drängt sich mir ein Wort auf, das ich aber nicht so meine: Es war eine Art Schadenfreude, als ich das geschrieben habe. Die vor allem weiblichen Kritiker, die mir die Bücher mit dem großen Altersunterschied übel vermerkt haben …
… daher meine gewisse Schadenfreude. Die können mir das bei diesem Buch nicht vorwerfen.
Aber bitte schön, es ist Goethe! Unser größtes Stück! Und der liebt mit 73 eine 19-Jährige. Also schlimmer kann man's doch gar nicht bringen, in den Augen derer, die das angekreidet haben. Die gesagt haben, das sei biologisch, ästhetisch und moralisch verwerflich.
Ich antworte, weil es diese Vorwürfe nicht geben kann. Die haben ja gesagt, das sei peinlich, so ein Altersunterschied. Dabei war das nur denen peinlich. Mir nicht! Ich habe das Buch nicht deswegen geschrieben, aber es ist ein Umstand, von dem ich mir das Schönste erhoffe. Dass endlich Verständnis blüht! Für solche Unterschiede!

Ulrike von Levetzow: Goethe machte der 19-Jährigen mit 73 einen Heiratsantrag© akg-images
Ach, Sie meinen, Unverständnis genügt? Ich liebe alle meine Helden gleichermaßen, und es schmerzt mich, wenn sie in die Welt kommen und da nicht geliebt werden.
Bei Gott, bei Gott. Also diese Frage hätten Sie wirklich nicht stellen dürfen. Ich will sie Ihnen nicht übel nehmen. Es hat mir ja keiner geglaubt, bei meinem Roman "Tod eines Kritikers", dass ich den Kritiker genauso liebe wie alle anderen Figuren. Und da sind natürlich, wenn Sie gestatten, Frauen eingeschlossen.
Das möchten Sie gern: ein Leben lang! Das ist ganz und gar Ihre Erfindung.
Und da war sie über neunzig, viel mehr ist von ihr nicht überliefert, das heißt, was wir da erfahren, kann für Goethe nicht der Anlass gewesen sein, die "Marienbader Elegie", das gewaltigste Liebesgedicht der deutschen Sprache, zu schreiben. Das heißt, Ulrike muss eine andere gewesen sein ...
... und diese Ulrike habe ich aus Goethes Liebe und Goethes Schmerz gebildet.
Er fühlt sich geliebt, nur darauf kommt es an.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2008