Für ein Buch hat sich Schauspielerin Minh-Khai Phan-Thi auf Spurensuche in ihre Heimat Vietnam begeben. Im stern.de-Interview erzählt sie von ihrem Kampf zwischen den Kulturen, über ihr Baby-Projekt und warum Jammern Luxus ist.

Hat ihre vietnamesischen Wurzeln erforscht und der Ergebnisse in ein Buch gepackt: die Moderatorin Minh-Khai Phan-Thi© Sören Stache/DPA
Das ist keine Autobiografie. Es hört sich albern an, mit 33 Jahren schon eine Biografie geschrieben zu haben. Eigentlich handelt es sich um ein erzähltes Sachbuch. Natürlich geht es auch um Teile meines Lebens, aber der Fokus liegt auf der Geschichte meiner Eltern: Warum sie hierher gekommen sind, was sie erlebt haben. Im Film hatte ich ja nur 60 Minuten Zeit, um einen kleinen Ausschnitt dessen zu erzählen, was ich erzählen wollte. Außerdem wurde ich während der Dreharbeiten vom Staat kontrolliert und hatte ständig einen Aufpasser neben mir. Außerdem liegt mir das Thema Integration sehr am Herzen. Es geht im Buch um beide Welten und darum, wie sich ein Mensch, der wie ich mit zwei Kulturen lebt, zurechtfindet.
Als Jugendliche haben mich vor allem diese üblichen Behördengänge geärgert. Man ist ja leider nicht automatisch deutsch, wenn man hier geboren ist, sondern man ist das, was die Eltern sind. Und meine hatten damals noch einen vietnamesischen Pass. Aber eigentlich habe ich im Gegensatz zu manch anderen wenig Diskriminierung erfahren. Meine Eltern haben viel Wert darauf gelegt, dass ich gut deutsch spreche und mich in zwei Kulturen zu Hause fühle. Sie haben sich nicht wie viele andere der deutschen Kultur verweigert. Denn das ist ja das eigentliche Problem vieler Einwandererkinder: Sie müssen komplett zwei Leben leben, weil ihre Eltern Angst haben, dass die deutsche Kultur überpräsent ist und die Kinder die Kultur der Eltern verlieren. Meiner Erfahrung nach wenden sich Kinder, wenn sie älter werden, so oder so der Kultur der Eltern zu. Aber gerade in der Pubertät ist Identität ist sehr wichtig und Eltern müssen begreifen, dass es sowohl eine deutsche Identität gibt, als auch eine türkische, vietnamesische oder kroatische.
Wenn man möchte, dass die Menschen sich hier integrieren, dann muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, sich früher einbürgern lassen zu können. Und wenn man hier geboren ist, finde ich das erst recht wichtig. Dieser 100-Fragen-Fragenkatalog zum Beispiel, den Roland Koch vorgeschlagen hat - der ist einfach eine Frechheit! Die Fragen kann nicht einmal ein Deutscher komplett beantworten, warum sollte das dann ein Ausländer können? Aber Einbürgerung ist das eine. Das andere ist, dass Deutschland sich erst sehr spät zur Zuwanderung bekannt hat. Als die Gastarbeiter damals hierher kamen, dachte man wohl, man holt sie jetzt und schickt sie später wieder nach Hause. Dabei hat man übersehen, dass sich die Menschen hier wohl fühlen, Deutschland ihre Heimat geworden ist und ihre Kinder hier geboren sind.
Mit Mitte 20 habe ich gelernt zu sagen, dass ich nicht zwischen sondern mit den Kulturen lebe. Ich habe gemerkt, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss und keiner mir dabei helfen kann. Ich stehe jeden Tag vor der Entscheidung: Handle ich jetzt besonders vietnamesisch oder besonders deutsch? Das merke ich häufig in der Auseinandersetzung mit älteren Menschen. Ich habe einen unglaublichen Respekt vor ihnen, wenn es aber bestimmte Dinge gibt, die mir nicht gefallen, dann kann ich ihnen das ganz schwer sagen. Mir wurde aus der vietnamesischen Kultur mitgegeben: Je älter ein Mensch ist, desto mehr Respekt verdient er. Hinterher ärgere ich mich häufig über mich selbst. In Deutschland sagt man einfach, was man denkt.
Zur Person Minh-Khai Phan-Thi wurde als Kind vietnamesischer Einwanderer in Darmstadt geboren. Bekannt wurde sie 1994 als Moderatorin der Sendung "Hugo" auf Kabel 1. Später wechselte sie zum Musiksender Viva, war aber nach eigenen Angaben nie ganz glücklich damit, nur über Musikvideos und Bands zu sprechen. Nach ihrem Ausstieg bei Viva spielte sie diverse Rollen in Fernsehfilmen, u.a. ermittelt sie als Kommissarin in der ZDF-Reihe "Nachtschicht". 2003 drehte die 33-Jährige einen Dokumentarfilm über Vietnam, das Heimatland ihrer Eltern. Minh-Khai Phan-Thi lebt mit ihrem zweijährigen Sohn Kalani und ihrem Freund in Berlin
Das Buch Nach ihrem Ende als Viva-Girlie hat sich Minh-Khai Phan-Thi auf Spurensuche ihrer Herkunft begeben. Das Buch erzählt vom Leben ihrer Familie in Vietnam und der inneren Zerrissenheit einer Frau, die nicht recht weiß, wohin sie gehört. Darin hat der Vietnamkrieg genauso Platz wie Einblicke in das typische Wohnungsinterieur vietnamesischer Einwanderer in Deutschland. Das liest sich manchmal etwas holprig, ist aber an vielen Stellen erstaunlich persönlich und bewegend.
Minh-Khai Phan-Thi: "Zu Hause sein. Mein Leben in Deutschland und Vietnam", Diana Verlag, 17,95 Euro, 272 Seiten