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19. September 2013, 20:22 Uhr

Sein Debüt "Drachenläufer" war ein Welterfolg. Auch in seinem dritten Roman beschäftigt sich Khaled Hosseini mit Afghanistan. Im stern.de-Interview spricht er über seine alte und neue Heimat. Von Christine Kruttschnitt

Khaled Hosseini, "Traumsammler"

Bestsellerautor Khaled Hosseini©

Burkas, Trümmer und nichts als Selbstmordattentäter? Nicht so schnell mit den Vorurteilen, sagt der Bestsellerautor Khaled Hosseini, der 1965 in Kabul geboren wurde und seit rund 30 Jahren in Kalifornien lebt. Sein großes, vielleicht sein einziges Thema: seine alte Heimat Afghanistan. In seinen Büchern und Artikeln schreibt er liebevoll, zornig, wehmütig und kritisch über das Land - und immer im Bemühen, dem Westen das wahre Afghanistan zu zeigen.

Sein Debütroman "Drachenläufer" - erschienen 2003 und eine unverhohlene Reminiszenz an seine Kindheit - wurde in 42 Sprachen übersetzt und von Hollywood verfilmt. Auch in seinem dritten Roman, der diese Woche in die deutschen Buchhandlungen kommt, kehrt Hosseini in sein Vaterland zurück und erzählt die Geschichte zweier Geschwister, die Armut und der Krieg auseinanderreißen: In den USA steht die Generationen und Kontinente umspannende Saga "Traumsammler" bereits seit Wochen in den Bestsellerlisten. stern.de traf den Schriftsteller und UN-Sonderbotschafter während dessen Lesereise im kalifornischen Pasadena bei Los Angeles und sprach mit ihm über sein Leben in Amerika und seine Hoffnungen für Afghanistan.

In Ihrem neuen Roman "Traumsammler" gibt es einen Arzt in Kalifornien, der sich gerade eine schweineteure Stereoanlage einbauen lässt und sich dabei schuldig fühlt, weil er an seine afghanischen Landsleute denken muss, die weiß Gott andere Sorgen haben. Ist das ein Selbstbildnis?
"Survivors' guilt" - das schlechte Gewissen derer, die davongekommen sind. Ganz klar. Auf gewisse Weise profitiere ich ja sogar vom Leid meiner Landsleute, weil ich über sie schreibe und damit Geld verdiene. Alle meine Roman-Alter-Egos quälen sich mit diesen Selbstvorwürfen.

Haben Sie in diesem Sinne auch vom 11. September profitiert?
Aber ja: Wer weiß, ob "Drachenläufer" unter anderen Umständen überhaupt veröffentlicht worden wäre. Ich hatte angefangen, das Buch zu schreiben - einfach so, ohne Absicht, es zu veröffentlichen übrigens -, als die Anschläge aufs World Trade Center stattfanden. Meine Frau sagte damals zu mir: Du musst das jetzt fertig machen - die Leute denken ab jetzt bei Afghanistan nur noch an Terroristen, Mörder, Drogen. Du musst das andere Afghanistan zeigen.

Das Kabul vor den Taliban?
Das Kabul meiner Kindheit war tatsächlich eine liberale Oase in einem ansonsten religiösen und konservativen Land. Meine Familie war sehr westlich orientiert, die Frauen sagten ihre Meinung, zogen an, was sie wollten, tranken Alkohol und gingen tanzen, fuhren Auto und lehrten an Universitäten. Die Extremisten haben Kabul in einen völlig fremden Ort verwandelt. Meine Eltern hatten glücklicherweise die Chance - und das Geld -, das Land zu verlassen.

Empfinden Sie Heimatgefühle?
Eher unwillkürlich. Ich bin viel zu lange raus. Und wie froh ich darüber bin: Mir ist so viel erspart geblieben. Afghanistan musste 30 Jahre Krieg durchstehen, ich habe nicht eine einzige Minute davon abbekommen. Wir waren in Paris, als es losging, dann zogen wir nach Amerika, wo ich Karriere machen konnte als Arzt und als Autor. Ich kann nicht oft genug betonen, wie viel Glück ich hatte.

Sie waren 15, als Sie in Kalifornien landeten. Fühlten Sie sich da schon als Glückspilz?
Nein, ich empfand einen tiefen Kulturschock. Ich konnte kein Englisch, und meine Mitschüler auf der High School haben mich komplett ignoriert. Für meine Eltern war die Ankunft in der Fremde noch härter. Meine Mutter war Lehrerin, aber sie fand nur einen Job als Kellnerin in einem Billigrestaurant, und mein Vater, ein Diplomat, gab Fahrstunden. Nicht, dass an diesen Jobs etwas Ehrenrühriges wäre. Aber meine Eltern waren so vernetzt in Kabul, hatten so viele Freunde und Einfluss - und in den USA waren sie unsichtbar, niemand scherte sich um sie.

Fühlen Sie sich immer noch als Außenseiter?
Das werde ich fast nur noch auf Lesereisen gefragt, wenn die Leute meine Ich-Doppelgänger in den Romanen erkennen und deren schlechtes Gewissen gegenüber den armen Verwandten in Afghanistan als innere Zerrissenheit und Heimatlosigkeit interpretieren. Dabei fühle ich mich seit über 30 Jahren heimisch in den USA. Lustig übrigens, dass sowohl Leser meiner Bücher wie auch Journalisten immer wieder überrascht sind, wenn ich mich als Fan von "Game of Thrones" oder anderen Phänomenen der Popkultur zu erkennen gebe - als dürften afghanische Einwanderer sich nur in die Schriften persischer Poeten vertiefen.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie berühmt sind?
Als mein Name die Antwort auf eine Frage in der Fernseh-Rateshow "Jeopardy" war. Die entferntesten Familienmitglieder riefen mich an: Khaled! Schalte auf Kanal 7! Sie haben deinen Namen gesagt! Meine Patienten wollten fortan Autogramme.

Bedauern Sie es, Ihren Beruf als Internist an den Nagel gehängt zu haben?
Überhaupt nicht. Ich war nicht gern Arzt. Ein toller Beruf, aber nicht für mich. Ich mochte meine Patienten, nicht aber die Tatsache, dass sie krank waren. Im Ernst: Mich haben ihre Krankengeschichten viel zu sehr mitgenommen, ich war immer ein bisschen deprimiert.

Waren Ihre Eltern stolz auf Ihren Doktortitel?
Klar! Das Traumziel aller Einwanderer: Das Kind wird Doktor oder Ingenieur oder Jurist. Ich wollte schon als Kind Schriftsteller werden, aber es kam mir frevelhaft vor, dies als Berufswunsch zu äußern. Meinen ersten Roman habe ich wirklich nur nebenher geschrieben, fast heimlich - frühmorgens, ehe die Praxis aufgemacht hat.

Hatte niemand in Ihrer Familie eine künstlerische Ader?
Doch, aber niemand hat sie verfolgt. Mein Vater konnte malen und interessierte sich für Poesie, aber Kunst galt nicht als Broterwerb. So waren er und meine Mutter begeistert, als ich Medizin zu studieren begann. Nichts ist sicherer als Arzt, krank werden die Leute immer.

Wann haben Sie dennoch Ihre Praxis dicht gemacht?
Erst anderthalb Jahre nach dem Erscheinen von "Drachenläufer". Früher hätte ich prätentiös gefunden.

Buchtipp

Buchtipp "Traumsammler" von Khaled Hosseini ist im Fischer Verlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

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