Der Messias nimmt Heroin, Israel gibt es nicht, und die Juden leben in Alaska. In seinem Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" verdreht Michael Chabon die Wirklichkeit und kommt ihr dadurch ein Stück näher. Ein Gespräch über Ängste, Klischees und das Bedürfnis nach erfundenen Welten.

In seinem Roman "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" malt sich Michael Chabon eine Welt ohne Israel aus© Beth Rooney
Mag sein, dass mein Verlag den Jahrestag im Kopf hatte, aber meine Idee für den Roman entstammt einem antiquarischen Buchladen. Vor Jahren habe ich beim Einkaufen einen Reiseführer aus den 1950er Jahren entdeckt. Der hat den ebenso schönen wie absurden Titel "Sag es auf Jiddisch". Alles steht da drin, das komplette Urlaubsvokabular: "Wie komme ich zum Flughafen?" oder "Wo bekomme ich eine Armbinde?" Mit dem kleinen Unterschied, dass es kein Land gibt, in dem man diesen Reiseführer benutzen könnte. Darum habe ich mir das Land zu dieser Sprache ausgedacht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war man recht kreativ bei der Frage, wo man die Juden aus Europa hinschicken soll. Madagaskar war ein Plan. Alaska ein anderer. Wie viele andere war auch dieser Plan nur als vorübergehende Lösung gedacht. Das Faszinierende für mich ist: Solche Pläne zeigen, dass Geschichte nichts Zwangsläufiges ist. Dass der Zufall eine große Rolle spielt. Wenn ein paar Dinge anders gelaufen wären, hätte es Israel vielleicht nie gegeben. Oder es hätte sich anders entwickelt. Und diese Welt wollte ich mir vorstellen.
Das hatte, denke ich, in erster Linie politische Gründe. Ich unterstütze den Wahlkampf von Barack Obama. Als Jude weiß ich, wie leicht es ist, vor Antisemitismus Angst zu haben. Und ich weigere mich, Angst zu haben. Denn Extremismus, egal, von welcher Seite er kommt, lebt von der Angst, die er schürt. Was die Existenz Israels angeht: Ich fürchte, sie ist notwendig.
Meine Frau ist dort geboren, und ich liebe das Land, aber meine Gefühle sind ambivalent. Israel ist der Platz, an dem die Juden in Sicherheit sein sollen. Das beschwört immer auch das Element des Bedarfs herauf. Für amerikanische Juden, für Juden überall auf der Welt, ist Israel eine Erinnerung an den Ernstfall. Und darüber denken wir lieber nicht nach. Sonst würden wir ja alle dort leben.
Ja. Und?
Ich weiß nicht, was das sein soll: Stereotype. Es gibt nun mal viele geldgierige, hässliche, verbrecherische Menschen - auch unter Juden. Natürlich hat das einigen Kritikern nicht gefallen. Als Jude solle man gegenüber Nichtjuden keine schmutzige Wäsche waschen, lautet ein gängiger Vorwurf. Diese Kritik hat gegenüber jüdisch-amerikanischen Schriftstellern jedoch fast schon Tradition. Philip Roth wurde in ähnlicher Weise beschimpft. Ich befinde mich also in guter Gesellschaft und habe beschlossen, diese Kritik als Kompliment zu nehmen.
Können schon. Aber hätte er das gemacht? Die Motivation für den Roman kommt unmittelbar aus meinem Jüdischsein. Aus der Familie. Ich wuchs mit Großeltern auf, die Jiddisch sprachen. Eine Sprache, die eine unheimliche Präsenz hatte. Unheimlich im Sinne von gruselig: Als Kinder merkten wir, dass unsere älteren Verwandten die jiddische Sprache und Kultur liebten, zugleich aber auch sehr schmerzhafte Erinnerungen damit verbanden. Das ist wie ein Relikt aus alten Zeiten - der Zeit vor dem Holocaust. Wie ein bedrückendes Familiengeheimnis. Und in mir ist der Wunsch gewachsen: Ich möchte diese Kultur kennen, die es nicht mehr gibt. Diesen Wunsch würde ein Nichtjude vermutlich nicht spüren.
Dieser Satz ist, glaube und fürchte ich, immer wahr. Gut, vielleicht ist es immer seltsam, ein Mensch zu sein. Aber für Juden hat das eine besondere Qualität. Juden sind traditionell Fremde, egal, wo sie leben. Es war immer eine prekäre Situation für Juden, auch wenn sie erfolgreich und gut in der Mitte einer Gesellschaft gelebt haben. Wie im Spanien des 11. Jahrhunderts beispielsweise, wie in Deutschland vor dem Zweiten Weltkrieg oder wie jetzt in Amerika. Eine Existenz, die immer auf der Kippe steht.
Der Roman Michael Chabon, "Die Vereinigung jiddischer Polizisten". Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch Verlag 2008, 384 Seiten, 19,85 Euro