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Der "Scharlatan" ist tot

Der französische Philosoph Jacques Derrida - für die genialer Erneuerer der Philosophie, für die anderen "enfant terrible", Querdenker oder gar "Scharlatan" - ist im Alter von 74 Jahren gestorben.

Zeit seines Lebens hat Jacques Derrida für Dispute gesorgt. Die einen hielten den in der Nacht zum Samstag im Alter von 74 Jahren gestorbenen Philosophen für einen genialen Erneuerer der Philosophie. Die anderen sahen in ihm einen Blender, der mit unverständlichen Texten die Menschen an der Nase herumführte.

Ein "kleiner englischer Skandal"

In die Schlagzeilen geriet der in Algerien geborene Sohn jüdischer Eltern 1992, als sich vier Professoren der Universität Cambridge weigerten, ihm ein Ehrendoktorat zu verleihen. Sie nannten seine philosophischen Aussagen "Scharlatanerie". Er entziehe der Wissenschaft ihre Grundlage, nämlich die Unterscheidung zwischen richtig und falsch, schäumten die Kollegen. Zwar kam die Ehrung trotz dieses spektakulären Protests noch zu Stande, die Welt der Philosophen aber hatte ein Gesprächsthema. Derrida selbst nannte die Angelegenheit einen "kleinen englischen Skandal".

Nach Überzeugung des Pariser Gelehrten beruht die westliche Philosophie auf der falschen Annahme, dass man sich auf die wahre und unverrückbare Bedeutung von Worten und Begriffen verlassen könne. Mit der als Dekonstruktivismus bekannt gewordenen Methode versuchte Derrida stattdessen nachzuweisen, dass es unmöglich ist, eine definitiv gültige Bedeutung von Texten zu ermitteln. Diesem Ansatz liegt die These zu Grunde, dass kein Gedanke und kein Konzept in Reinform vermittelbar ist. Eine objektiv wahre Deutung von Texten sei deshalb unmöglich.

Nonsens oder Erneuerung der Philosophie?

Entsprechend schwierig gestaltet sich die Lektüre von Derridas eigenen Texten. In einer Biografie heißt es über ihn: "Derridas schriftstellerisches und philosophisches Werk zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er seine textkritische Position nicht nur erläutert, sondern in Gestalt derart unerschließbarer Texte "ausagiert", dass eine nach klassischen Prinzipien der Textanalyse vorgehende Suche nach einem Sinn (...) zwangsläufig scheitern muss." Seine Kritiker werfen Derrida deshalb vor, wie die Vertreter des Dadaismus oder der konkreten Poesie Nonsens zu produzieren - also Unsinn.

Derrida selbst äußerte sich zuletzt, deutlich von seiner Krankheit gezeichnet, in der Zeitung "Le Monde" (19. August 2004) über die Frage des "Überlebens in jedem Augenblick", das ihn angesichts seiner Krankheit noch stärker beschäftige als früher. "Den Frieden werde ich erst in der ewigen Ruhe finden", sagte er damals. "Glücklich sein und gleichzeitig den lauernden Tod beweinen, das ist für mich eins".

Er setzte sich ür ein starkes Europa ein

Politisch engagiert hat sich Derrida für ein starkes Europa, das gegen die Globalisierung gerichtet sein sollte. Dabei sollten Politiker "die Konzepte und Praktiken der Souveränität und des internationalen Rechts verändern". Europa sollte eine "wirkliche Streitmacht unabhängig von der NATO und den USA haben", die "weder offensiv noch defensiv und auch nicht präventiv zur Durchsetzung der Entschließungen einer neuen UN interveniert", "in Israel und anderswo".

Derrida, der sich als Student vor allem mit den Werken der großen Existenzialismus-Philosophen von Kierkegaard über Heidegger bis Camus und Sartre beschäftigte, lehrte an verschiedenen Hochschulen in Paris und im Ausland, überwiegend in den USA. Die meisten seiner Werke sind ins Deutsche übersetzt worden.

Sabine Glaubitz, DPA

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