6. Februar 2007, 14:36 Uhr

"Wenn ich kein Weichei wäre, hätte ich weniger zu erzählen"

Mit Romanen über seinen Schwiegervater Antonio hat Jan Weiler Millionen erreicht. Mit dem stern reiste er zu seiner italienischen Sippe. Von Stephan Maus

Kitsch inspiriert Jan Weiler nicht zu Häme, sondern rührt ihn: Campobasso und Spaghetti in Öl©

Bremslichter leuchten auf. Stau auf dem römischen Stadtautobahnring. Nur noch wenig Zeit bis zum Check-in am Flughafen. Jan Weiler bremst den Alfa Romeo ab - "Super Bremsen, der Wagen!" -, biegt scharf in eine Tankstelle ein, beschleunigt, rauscht an den Zapfsäulen vorbei und fädelt sich 20 Wagen weiter vorn wieder in die Schlange ein.

So fährt also der Mann, der in seinen autobiografischen Romanen schüchtern und unbeholfen um die Hand seiner halbitalienischen Geliebten anhält, als Karikatur des braven deutschen Schwiegersohns auftritt und Jahr für Jahr seinen Urlaub nur noch in Süditalien verbringt, um Ärger mit der Familie seines Schwiegervaters zu vermeiden. "Maria - ihm schmeckt's nicht" heißt Weilers Debüt - ein Überraschungserfolg. Weit über eine Million Exemplare hat er davon verkauft. Das Erfolgsgeheimnis: Er beschreibt seine neue italienische Verwandtschaft - allen voran seinen Schwiegervater Antonio - mit viel Witz, aber er denunziert sie nie.

Freundlich-energisches Temperament

"Italiener reisen nicht, sie irrlichtern", liest man in Weilers Debüt. Nicht von einem Irrlicht lässt sich der Erfolgsautor leiten, sondern von einem GPS-Satelliten, der uns sicher den Weg nach Campobasso und zurück weist. Weiler führt uns in seine italienische Sippe ein und zeigt uns jene süditalienische Stadt, die sein Schwiegervater in den 60ern verließ, um als Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. Mit dabei ist seine Frau Sandra, Journalistin für den Kinderfunk, die die Texte ihres Mannes auch bei der leisesten Kritik leidenschaftlich verteidigt. Ihr freundlich-energisches Temperament muss aus ihrer süditalienischen Familie stammen, während ihr Äußeres wohl eher vom Rheinufer kommt, so ungefähr aus der Gegend des Loreley-Felsens.

Wir hatten uns diese Italienreise etwas beschaulicher vorgestellt: Wäre nicht eine Bummelzugfahrt von Rom ins Hinterland ein wunderbarer Weg gewesen, zusammen Land und Leute zu erkunden? Verschlafene Provinzbahnhöfe, ein Plausch mit dem Schaffner, Palaver im Abteil? Weiler wehrt ab: Züge dauerten hier ewig, hielten an jeder Station, eine hässlicher als die andere. Er sagt das mit der weichen, aber entschiedenen Stimme einer sizilianischen Führungskraft. Widerspruch zwecklos.

Ebenso zwecklos wie der Versuch, gegen sein Verbot Einspruch zu erheben, niemanden außer ihn selbst zu fotografieren. Weiler scheint einen Schwur abgelegt zu haben, seine ehrenwerte Famiglia vor der Öffentlichkeit zu schützen: Omertà! Nur einen sprachlichen Schnappschuss gestattet er: "Antonio sieht aus wie Joe Pesci in "Goodfellas"."

Weiler hat klare Prinzipien und Ziele vor Augen und setzt sie durch. Mit wollüstigem Schaudern fährt er an Bauruinen vorüber: "Diese unfassbaren Häuser, die so im Geröll stehen. Das macht einen fassungslos." Sorglos Unvollendetes bleibt ihm unbegreiflich.

Hohes Schreibpensum

Seine amüsanten Romane über die lockere italienische Lebensart und den skurrilen Reihenhausanarchisten Antonio hat er mit deutscher Disziplin geschrieben. "Maria, ihm schmeckt's nicht" war binnen zehn Tagen fertig. Für die Fortsetzung "Antonio im Wunderland" brauchte er drei Monate. Der ehemalige Chefredakteur des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" hat sich das hohe Schreibpensum des Journalisten bewahrt. Seine Schreibleistung kann er auf den Anschlag genau beziffern: 30.000 Zeichen pro Tag bereiten ihm keine Mühe. Das laufende Jahr ist schon verplant: Im ersten Semester - er sagt tatsächlich Semester - müssen ein Hörspiel und ein Kinderbuch geschrieben werden. Im zweiten Semester ist der dritte Roman dran.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 06/2007

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