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Ein Leben nach Harry Potter ist möglich

Wie macht man denn bitte nach dem größtmöglichen Erfolg als Romanautorin weiter? "Harry Potter"-Schöpferin JK Rowling zuckt mit den Schultern und schreibt eine beeindruckende Gesellschaftskritik.

Von Sophie Albers

  JK Rowling, die reichste Romanautorin der Welt, heute und vor 15 Jahren

JK Rowling, die reichste Romanautorin der Welt, heute und vor 15 Jahren

Sind wir bereit für einen JK-Rowling-Roman, in dem benutzte Kondome im Gras vor einem Sozialwohnungsbau vorkommen? Heroinsucht? Prostitution? Standesdünkel? Fettgefressene Gleichgültigkeit? Am 27. September erscheint zeitgleich in den USA, Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland und Deutschland der Roman "Plötzlicher Todesfall", und die Öffentlichkeit wiegt eifrig die eigene Erwartung mit der Bringschuld der reichsten Romanautorin der Welt auf.

Die sieben Bände "Harry Potter" haben eine alleinerziehende Mutter, die von Sozialhilfe lebte, reicher gemacht als die Queen. 900 Millionen Dollar schwer soll Rowling heute sein - nach 450 Millionen verkauften Potter-Büchern und deren Verfilmung, die knapp acht Milliarden eingespielt haben. Rowling besitzt allein drei Heime in London und Edinburgh und habe in letzterem gerade ein modernes 1,6-Millionen-Dollar-Haus abreißen lassen, um das eigene Grundstück zu vergrößern, wie "The New Yorker" berichtet.

Depression und Armut

Kein Teil von ihr habe das Gefühl, sich dem Publikum je als Babysitter oder Lehrer für dessen Kindern vorgestellt zu haben, räumt Rowling die Frage nach der Erwartung mit einem Wisch vom edlen Tisch, den sie in den vergangenen 15 Jahren als Mutter des Hogwarts-Universums gezimmert hat. Sie sei "ganz und gar ehrlich", zitiert "The New Yorker" die mittlerweile 47-Jährige. "Ich bin Schriftstellerin, und ich schreibe, was ich schreiben will."

Das war in den vergangenen fünf Jahren ein Roman über eine aufgrund eines Todesfalls nötig gewordene Kommunalwahl in einem kleinen englischen Kaff. In Pagford regiert in aller Selbstherrlichkeit die Mittelschicht. Und weil der, der die Menschen im sozialen Wohnungsbau an der Stadtgrenze bisher beschützt hat, nun tot ist, legt Rowlings Geschichte in Form einer "komischen Tragödie", wie sie es selbst nennt, den Abgrund frei zwischen den Schichten, zwischen Menschen, die einander nicht verstehen und das auch gar nicht wollen. "In meinem Kopf war der Arbeitstitel lange 'verantwortlich', denn in dem Buch geht es um Verantwortung", sagt Rowling. Und damit meine sie nicht nur die Verantwortung für das persönliche Glück, sondern auch die "Verantwortung für die Armen der Gesellschaft, für die Benachteiligten, für das Unglück anderer Menschen". Und diese politische Wahl in einem kleinen Ort sei der perfekte Weg, davon zu erzählen. "Es ist die kleinste Einheit der Demokratie - dieses kleine Atom, auf dem alles aufbaut."

So hat JK Rowling die Magie durch Realität ersetzt, die mit der sozialen Unzufriedenheit und den heftigen Unruhen Jugendlicher im Sommer 2011 garstig aktuell wurde. Der Weg vom magischen Dinner im Zaubererinternat zur Gleichgültigkeit in der Sozialwohnungstristesse scheint vielen zu lang. Deshalb wird Rowling nun seziert. Die eigene harte Jugend, von der sie nur selten berichtet hat, mit einem Vater, den sie "füchtete" und einer Mutter, die an Multiple Sklerose erkrankte als ihre Tochter 15 war, und die zehn Jahre später starb, ohne JK Rowlings Ruhm zu erleben. Das Studium in Exeter, wo sie sich zwischen den Kindern reicher Familien fehl am Platze fühlte. Die Zeit als sie vor einer gescheiterten Ehe mit Baby aus Portugal nach Edinburgh floh und auf Lehrerin umschulen wollte. Als sie depressiv war. Als sie bereits an "Harry Potter" schrieb, aber so arm war, dass sie sich - so die Legende - zum Schreiben in ein Café setzen musste, um zuhause Heizkosten zu sparen. Das war 1993. 1997 erschien "Harry Potter und der Stein der Weisen" mit einer Auflage von 500 Exemplaren. 2500 Dollar soll sie für das erste Buch bekommen haben. Der Rest ist die Aschenputtel-Geschichte, die wir alle kennen. Wie gesagt: reicher als die Queen.

"Ich werde es überleben"

Zufriedenstellend schillernde Antworten gibt das Stochern in Rowlings Biografie allerdings nicht her. Denn wie sie selbst sagt, sie habe dieses Buch geschrieben, "weil ich es schreiben musste". Und es waren "prächtige fünf Jahre, aufregend, die reine Freiheit", freut Rowling sich im Interview mit dem "Guardian". "Ich bin die freieste Autorin der Welt. Ich kann tun, was verdammt auch immer ich will. Meine Rechnungen sind bezahlt - wir wissen alle, dass ich Rechnungen bezahlen kann. Ich stand unter keinerlei Vertrag. Und das Gefühl, all diese Charaktere im Kopf zu haben und dass niemand davon wusste, war einfach großartig."

Und wenn das Buch bei der Kritik durchfällt? Rowling schwört, dass es ihr egal sei. Sie wisse, dass sie den Erfolg von "Harry Potter" nie wiederholen könne. Also, wenn jemand sagt, "'Das ist aber furchtbar schlecht - zurück zu den Zauberern mit Ihnen', werde ich sicher keine Party schmeißen. Aber ich werde es überleben."

Sophie Albers
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