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"Für geliebte Menschen würde ich töten"

Schriftstellerin Juli Zeh hat mit "Schilf" ihren ersten Kriminalroman vorgelegt. Im stern.de-Interview erzählt sie, was sie an diesem Genre reizt, wie sie mit ihrem Image als "Klassenbeste" umgeht und mit wem sie sich gerne duellieren würde.

Juli Zeh, in Ihren Büchern tauchen ständig Hochbegabte auf. Sie haben Jura und Literatur parallel studiert und mit 33 schon vier Romane vorgelegt. Schreiben Sie da über sich selbst?
Nur insofern, als dass ich meinen Figuren Themen aufdrücke, über die ich selbst nachdenke. Gut und Böse zum Beispiel: In 10.000 Jahren hat es die Menschheit nicht hingekriegt, diese Dinge hinreichend zu definieren. Um sich für so etwas wie Werte zu interessieren, müssen meine Figuren über einen gewissen Intellekt verfügen. Daraus folgt auch, dass die Charaktere nicht sprechen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, sondern ein bisschen gedrechselt. Bei mir dürfen auch 14-jährige nicht "ey, Scheiße" sagen. Das ist artifiziell, aber ich mag es - ist in der Literatur erlaubt.

In Ihrem neuen Roman "Schilf" wird der Vater eines entführten Jungen aufgefordert, einen Menschen umzubringen - erst dann bekäme er sein Kind zurück. Der Mann überlegt nicht einmal eine Seite lang und tötet dann. Ist Elternliebe stärker als andere Werte?


Meine Figuren sind oft sehr wertbefreit. Sie sind Atheisten, sie lassen sich politisch nicht vereinnahmen, ständig wägen sie zwischen Falsch und Richtig ab. Oft genug kommt dabei, wie bei vielen von uns, ein Nullsummenspiel heraus. Mir würde es genauso gehen wie Sebastian, dem Vater: Ich würde nicht zögern, zu töten, um einen geliebten Menschen zu retten. Ich glaube, die meisten von uns würden so handeln.

Warum haben Sie Ihre Geschichte in die Form eines Krimis gegossen?
Weil diese Form fast die letzte in der zeitgenössischen Literatur ist, in der man die klassische Dramaturgie anwenden muss: Komplett mit einer Krise, aus der die Figuren verändert herauskommen. Begriffe wie Plot und Spannung sind im Theater und in der deutschen Literatur ziemlich out. Dabei benutzen wir dieselbe Struktur, wenn wir mündlich eine Geschichte erzählen.

Die Form hat Sie nie eingeengt?


Mmmmh, doch schon - aber ich wollte es diesmal so. Einen Krimi kann man kaum ohne schriftliches Konzept schreiben, man verliert zu leicht den Überblick über Charaktere und Handlungsstränge. Bei den Büchern davor habe ich einfach drauflos geschrieben. Diesmal hatte ich das Gefühl, mich ständig selbst im Zaum halten zu müssen, das hat manchmal genervt. Aber ich hatte mir verordnet, zum ersten Mal nach Konzept zu arbeiten.

Warum?
Bisher drehen sich in meinen Büchern meist zwei, drei Leute umeinander. Aber ich will irgendwann einen großen Gegenwartsroman schreiben, mit vielen Figuren und Handlungssträngen. Das muss man sich vorher aufmalen.

Da werden die Rezensenten aber schimpfen. Einige haben Sie doch ohnehin im Visier, weil Sie in Ihren Romanen gerne das große Rad drehen: In "Spieltrieb" arbeiten Sie sich an Musil und Dostojewski ab, in "Schilf" spielt die theoretische Physik eine ziemlich große Rolle.


Diese Prügel sind mir egal. Leute dafür zu kritisieren, dass sie sich großen Herausforderungen stellen, ist lächerlich. So rechnet man die ganze menschliche Art klein: Kein Auto würde auf der Straße fahren, kein großes Buch im Regal stehen, wenn sich nicht Menschen auf anmaßende Weise an etwas Großem versucht hätten. Es reizt mich einfach. Punkt.

"Schwallmadame", "Dauerpowerfrau", "Quatschnudel" - die Kritiken Ihrer Bücher gehen ja gerne ins Persönliche...


Die verreißen nicht meine Bücher, sondern mich - unverschämt. Dabei sind das mitunter seriöse Blätter wie die "FAZ" und die "Süddeutsche".

Was haben Sie falsch gemacht?


Wahrscheinlich passt es einigen Menschen - ich sage jetzt mal: Männern - nicht ins Weltbild, dass sich in Deutschland jemand unter 80 und ohne Rauschebart mit Themen wie Musil oder Physik befasst. Ich hatte schon bei meinem ersten Buch "Adler und Engel" Exkurse über Völkerrecht drin und schon damals gab es Reaktionen von der Sorte: "Hey, trink doch mal erst dein Fläschchen aus!".

Wann ist man denn als Autor erwachsen?


Bis man in diesem Land 40 ist, soll man in der Öffentlichkeit seinen Mund halten. Mit 18 ist man noch gar nicht zurechnungsfähig, mit 25 immer noch ein Kind. Mit 33, so alt bin ich jetzt, giltst du als junger Autor. Ich bitte Sie: In dem Alter hat man im 19. Jahrhundert Kriegsschiffe befehligt, im Irak sind heute die Offiziere mitunter deutlich jünger. Thomas Mann hat die "Buddenbrooks" mit 25 Jahren geschrieben! Und wenn man sich heute in diesem Alter in der Lage fühlt, sich der Welt zu stellen, fühlen sich gewisse Leute auf den Schlips getreten.

Sie mischen sich ja auch bei politischen Themen ein. Warum?
Weil ich was zu sagen habe und mitunter gebeten werde, es zu tun. Mir fällt kein Grund ein, es nicht zu tun. Wir Autoren sind doch nun wirklich unabhängig, unabhängiger noch als Journalisten. Wer soll sonst etwas sagen, wenn nicht wir? Aber das nervt diese Schreiber ja gar nicht: Die werfen mir vor, dass ich zu "schlau" bin.

Das Beiwort "Klassenbeste" taucht in der Tat recht häufig auf. Stehen Sie da drüber?


Kann ich nicht sagen. Mir ist das peinlich. Ich fühle mich beschmutzt und kann mich noch nicht mal wehren, die beleidigen mich ja. Ich bedaure wirklich, dass es die Möglichkeit des Duells seit 100 Jahren nicht mehr gibt. Ich würde da gerne anrufen und sagen: "Ich treffe sie morgen früh um fünf auf einer nebligen Lichtung. Die Wahl der Waffen liegt bei ihnen." Aber wahrscheinlich ist ein Großteil dieser Leute ohnehin nicht satisfaktionsfähig. Na ja, ich muss die Klappe halten. Aber ich habe dabei das Gefühl, mir klebt was Stinkendes am Arm.

Die Feuilletons schimpfen ja auch über Ihre Metaphernfreudigkeit. "Der Himmel jongliert mit Schwalben", so was liest man bei Ihnen häufig.


Dafür kann man mich gerne kritisieren. Manche Leute bevorzugen eben eher einen lakonischen Stil, bei dem sie sich noch Dinge zwischen die Zeilen denken können. Manch einer mag es nicht, wenn man ihm die Bilder im Kopf schon ausmalt. Für den ist mein Stil halt nichts.

Die Frauen in Ihren Büchern sind nie dominant, sondern vom Typ "Schatz, ich halte dir den Rücken frei!". Warum ist das so?


Ich identifiziere mich mit den Männerfiguren einfach mehr, so wie andere Autorinnen besser mit weiblichen Figuren klarkommen. Ich glaube, wenn es ein weibliches und ein männliches Prinzip jenseits der organischen Geschlechtsmerkmale gäbe, wäre meins das männliche. Aber so, wie wir das heute definieren, bin ich eher eine Frau vom Typ "den Rücken hältst du dir mal schön selber frei".

Haben Sie den Rücken noch frei für eine juristische Karriere?


Ich werde im nächsten halben Jahr ausprobieren, ob ich meine Doktorarbeit hinkriege. Wenn ja, toll. Wenn nicht, wär's schade. Aber als Juristin arbeiten, wird ohnehin schwierig: Ich bin Völkerrechtlerin, und Jobs mit dieser Spezialisierung kann man an einer Hand abzählen. Außerdem bin ich für diese Karriere bald zu alt. Ich muss wohl Schriftstellerin bleiben.

Und um dafür Ruhe zu haben, sind Sie jetzt ins beschauliche Havelland gezogen?


Ruhe? Ha! In unserem Dorf quatschen alle ständig miteinander und übereinander - und ich mache sehr gerne mit. In der Stadt ist das ganz anders. Wenn man seine Ruhe haben will, empfehle ich eine große Stadt.

Interview: Stephan Draf

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