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Gastarbeiter zwischen den Polen

Er kam nach Polen, um die Sprache zu lernen - und blieb, um Vorurteile gegen Deutsche abzubauen: Und zwar, indem er sie auf die Spitze trieb. Der Kabarettist Steffen Möller bringt nicht nur ganz Polen zum Lachen, sondern hat als Gastarbeiter vielleicht mehr fürs deutsch-polnische Verhältnis getan als alle Politiker seit Willy Brandt.

Von Gerhard Richter

Steffen Möller lehnt höflich ab, natürlich: Warum soll er mit der Staatskarosse der polnischen Botschaft nach Hause chauffiert werden? Er ist doch nur Kabarettist! Aber der Hausherr Dr. Marek Prawda, der polnische Botschafter in Berlin, geniesst die fein dosierte Gegenwehr. Möller kennt die Spielarten slawischer Gastfreundschaft und lässt Prawda noch eine Weile seine Großmut beweisen. Fröhlich protestierend beugt sich der freche Wuppertaler Schlaks letztlich und steigt in den schwarzen Mercedes. Vom Grunewald bis Berlin Mitte hat er nun Diplomatenstatus und könnte straflos tun und sagen, was er wollte. Kann er aber auch so.

Polnisches Porzellan zerdeppern

Dass Steffen Möller wie ein Staatsgast behandelt wird, ist ihm suspekt, er fühle sich wie "der Hochstapler Felix Krull", sagt er auf dem Rücksitz der Limousine und sinniert darüber, wie er mit seinen Witzen und simplen Alltagsbeobachtungen zum Fachmann für deutsch-polnische Beziehungen avanciert ist. "Ich glaube es hat eben damit zu tun, dass viele Deutsche, wenn sie Kontakt mit Polen haben, automatisch in so ne unheimlich vorsichtige Haltung reingeraten. Jetzt bloss kein Porzellan zerdeppern, da gibt es doch jetzt wieder tausend Sensibilitäten und Geschichtssachen - und da sind die dann froh, wenn sie einen finden, der drüben die Befindlichkeiten kennt, der da auch akzeptiert ist in Polen." Möller lehnt sich zurück und tut so, als würfe er jemandem eine heikle Akte auf den Schreibtisch: "Hier Herr Möller! Machen Sie mal! Sie werden das schon so rüberbringen, dass die Polen nicht wütend werden!"

Zeugen einer historische Wendung

"Nach Kaiser Otto III. ist Steffen Möller der beliebteste Deutsche", so hat Grazyna Prawda, die Gattin des polnischen Botschafters den vormittäglichen Privatauftritt angekündigt. Und zur Erklärung für die Damen aus dem Ambassadors Club und anderen staatsschmückenden Zirkeln: Der deutsche Kaiser Otto habe vor tausend Jahren dem polnischen Fürsten Boleslaw die Krone aufgesetzt und aus dem politischen Wirrwarr an der Weichsel mit einem Handgriff das Königreich Polen erschaffen. 70 fein zurechtgemachte Damen halten den Atem an, als kein strahlenumkränzter Held durch die holzgetäfelte Tür tritt, sondern nur ein schmaler junger Mann mit dunklem Anzug und breitem Grinsen. Seine Strahlkraft bewirkt derzeit eine neuerliche historische Wendung: Das deutsch-polnische Verhältnis entspannt sich. Aber wie macht er das?

Heilung per Subtext

Möller erzählt, dass er gar nicht in Wuppertal geboren ist, sondern in Wolfhagen bei Kassel. Er erzählt von den Problemen seiner Mutter, auf Polnisch mehr als "Guten Abend" zu sagen. Diese Normalität überrascht - die Herzen der Damen öffnen sich, und Möller entschlüpft der erste Polenwitz des Vormittags. Ein harmloser alter Witz, aber aus Möllers Mund fühlt er sich an wie ein Kompliment. Während er nämlich das alte Vorurteil strapaziert, alle Polen klauten wie verrückt, entfaltet der Subtext seine heilende Wirkung in den tieferen Schichten des polnischen Nationalbewusstseins. Nach dem Motto: Er erzählt Witze über uns, also sind wir wer!

Denn erstens macht sich Möller auch über Polenwitze lustig, und zweitens ist Möller nicht irgendein Deutscher. Er ist ein Star: 500 Folgen lang machte er in der Fernsehserie "L wie Liebe" den deutschen Kartoffelfbauer Stefan Müller zum Sympathen. Er moderiert zwei Fernsehshows. Er wirbt derzeit in Polen auf Riesenplakaten für Reisen nach Deutschland. Er ist der Berufsdeutsche in Polen. "Er spricht phänomenal Polnisch, und er hat die Vorstellung korrigiert, dass man in Deutschland keinen besonderen Sinn für Humor hat", sagt Polens Botschafter Dr. Marek Prawda über den Volks-Botschafter Möller. "Er ist witzig, offen und er macht sehr kluge Beobachtungen. Für die Generation meiner Tochter ist er ein Idol."

Bedeutende Strichlein

Bei seinen 20 Grenzübertritten im Jahr schleppt Möller Alltagsbeobachtungen hin und her und macht daraus Kulturgut. "Vor allem die Polen in Deutschland fühlen sich nach meinen Auftritten aufgewertet", sagt Möller. Die Polen glaubten, in Deutschland funktioniere alles besser, dabei sei die polnische Kultur reich an Details! Schon allein die Sprache! Minutenlang kann Möller über ein winziges Strichlein über dem "n" fabulieren. Das polnische Weichheitszeichen, dass nun seinen Vornamen so schön ausklingen lässt. Steffennnnnnnnn. Wenn schon ein kleiner Strich so bedeutend ist, wie bedeutend darf sich dann ein ganzer Pole fühlen! Und die Deutschen vergessen aus frischgeweckter Liebe zum Weichheitszeichen die Angst vor dem Autoklau.

Neues Interesse an Polen

450 Besucher in einer Kölner Buchhandlung. Doppelvorstellung in Berlin Mitte. Auftritte beim WDR oder im Bayerischen Rundfunk, von Nord nach Süd - wo immer in Deutschland Möller über den Nachbarn im Osten spricht, wird er zum Brückenkopf. Polen ist plötzlich ganz nah, und jetzt wo man weiß, dass sich in polnischen Zügen seit Jahrzehnten die Speisekarte nicht verändert hat, kann man das kultig finden und einfach einsteigen. Sein Ratgeber "Viva Polonia" prägt mit bisher rund 90.000 verkauften Bänden das Bild der Nachbarn neu. Statt alter Vorurteile tischt Möller von A bis Z neue Pauschalierungen auf - nur interessantere. Schwere Themen wie Vertriebene oder Homosexualität meidet er. "Ich bin zuständig für die Alltagskontakte und die machen nun mal 99 Prozent aus."

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