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23. März 2011, 10:31 Uhr

Kein Wort über Guttenberg

Margot Käßmann, 52, gilt seit ihrem Rücktritt als eine Ikone des Anstands. Deswegen wurde sie bei ihrer Buchpräsentation nach vielem gefragt - Libyen, Japan, Guttenberg. Doch die ehemalige Bischöfin will nicht ins Politische. Sondern ins Grundsätzliche. Von Julius Leichsenring und Sebastian Wolfertstetter

Käßmann, evangelische Kirche,

Schreibt, moderiert, doziert: Ex-Bischöfin Margot Käßmann© Karlheinz Schindler/DPA

18 Uhr, noch eine Stunde bis zur Präsentation von Margot Käßmanns neuem Buch "Sehnsucht nach Leben" im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann. Schon jetzt gibt es keine Plätze mehr für viele Interessierte. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als das Gespräch mit Margot Käßmann oben auf der Empore über eine Leinwand zu verfolgen. Es ist ein bisschen wie auf einem Popkonzert. Kurz nach sieben kommt sie: Die Gottessucherin, die Gescheiterte, das moralische Gewissen, und liest aus ihrem zwölf Kapitel umfassenden Werk. Wird dann vom Moderator unterbrochen und fragt schmunzelnd: "Soll ich weiter lesen, oder wollen wir erst reden?" "Wir wollen erst reden", erwidert der Moderator, beide lachen. Und das Publikum murmelt zufrieden seine Zustimmung. Klar, sie sind auch gekommen, um zu hören, was Käßmann zu sagen hat, was sie ihnen auf dem Weg geben kann in den Tagen von Fukushima und Libyen.

Sehnsucht nach Frieden

"Frieden ist für mich einfach ein Leidenschaftsthema", sagt Käßmann. Ihre politische Haltung sei vom Vietnamkrieg und der Nato-Nachrüstung Anfang der 80er Jahre geprägt, eine radikale Pazifistin sei sie dennoch nicht. Was also tun? Käßmann befürwortet die Flugverbotszone über Libyen. Ist aber gegen weitere Militäraktionen. "Das finde ich einfach deprimierend", sagt sie. Aber müssen die Rebellen nicht vor der Brutalität Gaddafis geschützt werden, mit allen Mitteln? Käßmann weicht aus. Sie spricht von der Sehnsucht nach Frieden, von Rüstungsexporten aus Europa nach Libyen, die besser hätten unterbleiben sollen. Auch zur Nuklearkatastrophe in Japan

Die neue Käßmann

Dies scheint keine politische Phase im Leben der Margot Käßmann. Es ist eher die Phase nach der Politik, eine Phase der Besinnung. Ihr Buch dreht sich um Grundsätzliches, um Liebe, Geborgenheit, Freiheit und Frieden. Viel Persönliches hat sie darin verpackt, wie die Sehnsucht nach Stille: "Ich war ungeheuer dankbar, wenn ich dienstlich in ein Kloster musste. Hier konnte ich einfach mal zur Ruhe kommen." Auch der Begriff Heimat ist Käßmann wichtig, ihm hat sie ein Kapitel gewidmet. Ein "Reisebegleiter für alle Getriebenen " soll das Buch sein, religiöse Lebenshilfe, notwendige Distanzierung vom hektischen Weltgeschehen.

Einfach mal die Reißleine ziehen

Vielleicht hat Käßmann einfach zu viel Rummel erlebt. Ihr Satz "Nichts ist gut in Afghanistan" hatte eine erregte Debatte ausgelöst. Ihre Autofahrt, bei der sie mit 1,54 Promille erwischt wurde, war Thema allen Gazetten. Ebenso ihr Rücktritt als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und Landesbischöfin Hannovers. Damals sagte sie: "Ich kann nicht mit der notwendigen Autorität im Amt bleiben" - eine Formel, die heute als Gebetszeile der Aufrichtigen bei jeder Debatte um möglichen Politikerrücktritt zitiert wird. Käßmann zog danach auch persönlich die Reißleine. Sie reiste für drei Monate in die USA und unterrichtete an der Universität in Atlanta. Dort begann sie, das Geschehen zu verarbeiten, auch das Buch "Sehnsucht nach Leben" nahm hier seinen Ausgang. Für so etwas hätte sie als EKD Vorsitzende nie Zeit gehabt, sagt sie.

Nach 45 Minuten ist alles vorbei

Nach 45 Minuten sind Lesung und Zwiegespräch vorbei. "Ich denke, wir sind tatsächlich am Ende", sagt der Moderator, überlegt kurz und verbessert sich: "ja eigentlich sind wir erst am Anfang". Das mag auch für Käßmann gelten. Sie geht jetzt auf Lesereise, tritt einmalig an der Seite von Giovanni di Lorenzo als Moderatorin in der Talkshow "3 nach 9" auf, seit Januar 2011 hat sie eine Gastprofessur an der Ruhr-Universität Bochum. Ein bisschen, so scheint es, muss sich auch Käßmann zum Innehalten zwingen.

Von Julius Leichsenring und Sebastian Wolfertstetter
 
 
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