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Er wollte nie ein Saubermann sein

Vom "Kaiser der Herzen" der "Sissi"-Filme bis zum brutalen Sadisten in Fassbinders "Martha" reichte seine Bandbreite. Heute ist Äthiopien die Bühne des Karlheinz Böhm. stern-Autorin Irmgard zum 80. Geburtstag eines ungewöhnlichen Menschen.

Von Irmgard Hochreither

Eigentlich begann seine Liebe zu Afrika mit einer schweren Bronchitis. Um sein Leiden zu lindern, empfahl ihm sein Arzt den Aufenthalt in einer warmen Klimazone. Und so fuhr der kränkelnde Schauspieler Karlheinz Böhm nach Kenia. Das war 1976. Schon bei dieser ersten Reise auf den afrikanischen Kontinent interessierte sich der Star aus Deutschland nicht fürs Dolce Vita am Traumstrand, sondern für die Menschen, die ihn in der komfortablen Unterkunft "mit außerordentlicher Freundlichkeit" umsorgten, die den Kaffee brachten, die Betten machten und die Gärten pflegten.

Er ließ sich von einem Kellner in die Slums von Mombasa führen, genoss die Gastfreundschaft in der Hütte der afrikanischen Großfamilie und erlebte hautnah den krassen Gegensatz zwischen den luxuriösen Touristen-Ghettos und dem erbärmlichen Leben der Afrikaner. Das war der Moment, in dem aus Betroffenheit Wut keimte. Wut auf die Ungerechtigkeit, auf die Ausbeutung, auf die Ignoranz vieler Politiker, die Milliarden für Waffen und so wenig für die Notleidenden ausgeben.

Ein legendärer Auftritt bei "Wetten, dass"

Es war eine kreative Wut, die Energien freisetzte - und Großartiges geschaffen hat. Legendär wurde ein Samstag im Mai 1981, als der einstige "Kaiser der Herzen" aus der "Sissi"-Trilogie sein leidenschaftliches, in eine Wette verpacktes, Plädoyer an die Zuschauer von "Wetten, dass?" formulierte, für die Hungernden in der Sahel-Zone eine Mark zu spenden. Er verlor zwar seine Wette, weil nicht jeder dritte Zuschauer im deutschsprachigen Europa bereit war, eine Mark, einen Franken oder sieben Schillinge locker zu machen. Doch die Spenden summierten sich trotzdem auf 1,7 Millionen Mark.

Der Auftritt wird zur Geburtsstunde eines neuen Karlheinz Böhm. Aus dem berühmten Schauspieler wird "Abo Karl", Vater Karl. So nennen die Äthiopier ihren geliebten Wohltäter, der über sein 1981 gegründetes Hilfsprojekt "Menschen für Menschen" in nunmehr 27 Jahren rund 330 Millionen Euro gesammelt hat. Geld, mit dem er Schulen und Ausbildungszentren, Hospitäler und Straßen bauen ließ, mit dem er erfolgreich gegen die Beschneidung der Mädchen kämpfte und den Bauern half, ihre Felder zu bewirtschaften. Nimmermüde kämpft er dafür, den Menschen in einem der ärmsten Länder der Erde vor allem Hilfe zur Selbsthilfe zu schenken.

Die Äthiopier nennen ihn nur noch "Vater Karl"

In Äthiopien steht der Name Karl seitdem als Synonym für Hoffnung, Respekt und Zukunft. Und nie hat sich der Menschenfreund, der dank des väterlichen Erbes finanziell unabhängig ist, von irgendwem vereinnahmen lassen. Von keinem Politiker, von keiner Partei, von keinem Unternehmen. Er gehört zu jener vom Aussterben bedrohten Spezies der Unbestechlichen, die nur einem Anspruch genügen wollen: Mit gutem Beispiel voranzugehen.

Pünktlich zu Karlheinz Böhms 80. Geburtstag am 16. März erscheint die üppig bebilderte Autobiografie "Mein Leben" (Collection Rolf Heyne, 75 Euro). Darin erzählt der Ehrenstaatsbürger Äthiopiens, unterstützt von seiner Co-Autorin Beate Wedekind, vom "Suchen", "Werden" und "Finden". Von der privilegierten, aber einsamen Kindheit als Sohn des berühmten Dirigenten Karl Böhm und der Sopranistin Thea Linhard, von der ebenso schwierigen wie sehnsüchtigen Liebe zu den Eltern, von seinem Selbstmordversuch, von den drei gescheiterten Ehen, von Kindern, die er nicht aufwachsen sah, von dem Nomadenleben eines Künstlers, der pendelte zwischen Hollywood und trautem Heim, zwischen Burgtheater und Filmstudio, zwischen dem eigenen hohen Anspruch an Qualität und dem Nachkriegs-Zeitgeist, der sich nach seichten Schmonzetten sehnte. Böhm erzählt von Ruhm und Erfolg, aber auch von Niederlagen, Enttäuschungen und Verletzungen.

Der Menschenfreund Böhm will kein Saubermann sein

Um seinem Saubermann-Image zu entkommen, flieht der einst von Millionen vergötterte "Sissi"-Held ins Ausland, mimt in Hollywood einen Nazi-Offizier in Vincente Minellis "Vier Reiter der Apokalypse" und spielt einen psychopatischen Voyeur in Michael Powells "Peeping Tom". Bei der Premiere des Psychothrillers in London wird der Film, der heute zu den gefeierten Leinwand-Klassikern gehört, zu einem grandiosen Reinfall.

"Michael Powell, den ich über alle Maßen verehrte", schreibt Böhm in seinem Buch, "war dermaßen von meinen Fähigkeiten überzeugt, dass ich tatsächlich glaubte, mit ‚Peeping Tom' würde mir gewiss der große internationale Durchbruch gelingen. Aber die Kritiken waren vernichtend." Noch heute kann Böhm den Verriss eines gewissen Derek Hill wörtlich zitieren: "Die einzig befriedigende Art und Weise, Peeping Tom zu beseitigen, wäre, ihn zusammenzukehren und so schnell wie möglich in der nächsten Toilette hinunterzuspülen. Selbst dann würde Gestank zurückbleiben."

Späte Anerkennung für ein Meisterwerk

Erst 19 Jahre später erhält Böhm die ihm zustehende Anerkennung für eine seiner besten schauspielerischen Leistungen. Der amerikanische Regisseur Martin Scorsese hatte den Film wiederentdeckt und ihn auf dem New Yorker Filmfestival gezeigt. Die Kritiker überschlugen sich, nannten den Film ein "Meisterwerk". Er habe damals, gibt Böhm zu, "eine tiefe Genugtuung empfunden."

Es war nicht die einzige berufliche Missachtung, die Böhm zu verkraften hatte. Zehn Jahre lang erhält der einst, hinter O.W. Fischer, beliebteste Schauspieler der Republik kein einziges Rollenangebot aus Deutschland. Erst Rainer Werner Fassbinder entdeckt den Mann neu fürs Kino, fürs Fernsehen, fürs Theater und besetzt ihn in gesellschaftskritischen Filmen wie "Martha" oder "Faustrecht der Freiheit", in avantgardistischen Theaterinszenierungen von "Hedda Gabler" und "Onkel Wanja".

Radikaler Bruch mit dem "Sissi"-Image

Für Böhm bedeutet die aufreibende und spannende Arbeit mit dem "enfant terrible" einen radikalen Kurswechsel. Die Rollen, die er unter seiner Regie spielt, brechen unerbittlich und endgültig mit allen Klischeevorstellungen, die seit Mitte der 50er Jahre an ihm kleben. Doch nach dem Bruch mit Fassbinder wird die anfängliche Hoffnung auf weitere anspruchsvolle Arbeit einmal mehr enttäuscht.

Mehrfach scheint es so, als habe der "Sissi-Fluch" nicht nur das Leben von Romy Schneider, sondern auch das von Karlheinz Böhm überschattet. Dabei hatte offenbar das einstige Kino-Traumpaar privat nicht viel füreinander übrig. Vehement bestreitet Böhm, jemals eine Liebesbeziehung mit seiner bildhübschen Filmpartnerin gepflegt zu haben. Bei der ersten Begegnung nannte die 16-Jährige ihren zehn Jahre älteren Kollegen gar "Onkel Karlheinz", was er sich sofort verbat. Dass Böhm seiner ältesten Tochter den Namen Sissi gab, sei, wie er immer wieder betonte, seiner ersten Jugendliebe geschuldet und habe nie etwas mit Romy Schneider zu tun gehabt.

"Äthiopien ist meine Bühne"

Heute begegnet Böhm seiner Vergangenheit mit einem milden Lächeln. Längst hat sich der Mann mit der berühmtesten Rolle seines Lebens ausgesöhnt. Er hat sie akzeptiert als Teil einer glamourösen Biographie, für die er sich nicht schämen muss. Auf die er, im Gegenteil, stolz sein darf. Seit Karlheinz Böhm, der 1983 seine Schauspielerkarriere aufgab, seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat, weiß ohnehin alle Welt: "Äthiopien ist meine Bühne."

Mit seiner vierten Frau, der Äthiopierin Almaz Böhm, und den beiden gemeinsamen Kindern Nicolas, 16, und Aida, 13, führt der für seine Arbeit vielfach ausgezeichnete "Herr Karl" ein Leben zwischen Addis Abeba und dem Salzburger Land. Als ruheloser Kämpfer gegen das Elend. Ganz im Sinne seines Vaters, der immer sagte "wenn Du die Hände in den Schoss legst, kannst Du dir gleich einen Sarg bestellen." Seinen bevorstehenden 80. Geburtstag wird er über sich ergehen lassen. Feiern wollen ihn vor allem die anderen. "In Äthiopien", sagt er, "wissen die meisten Menschen meiner Generation gar nicht, wann sie geboren sind. Deshalb wird der Geburtstag auch nicht gefeiert. Das gefällt mir."

Und so gibt es für das Geburtstagskind auch nur ein Geschenk, dass ihn glücklich machen könnte: Wenn die ungerechte und menschenverachtende Diskrepanz zwischen Arm und Reich endlich vom Erdball verschwinden würde. Und das ist ein Geschenk, das er sich - zumindest in seinem Hoheitsbereich - selbst gemacht hat. Dafür "Abo Karl" - herzlichen Glückwunsch.

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