3. Juli 2008, 09:56 Uhr

"Bioprodukte sind kein Luxus"

Shopping hilft die Welt verbessern. Behauptet Autor Fred Grimm in seinem gleichnamigen Buch, das jetzt in einer komplett überarbeiteten Version erschienen ist. Im Interview mit stern.de erklärt Grimm, warum Öko plötzlich schick und Grün tragbar ist und wie bewusster Konsum die Gesellschaft verändern kann.

Nicht nur für Besserverdienende: Bio-Obst und -Gemüse auf einem Markt in Dresden©

Herr Grimm, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Shopping hilft die Welt verbessern". Wie soll das funktionieren?

Jeden Tag kaufen wir etwas: Lebensmittel, Haushaltsreiniger, Kosmetikprodukte, Bekleidung... Bei vielen Produkten gibt es heute ökologisch und ethisch sinnvolle Alternativen. Das Buch ist ein Einkaufsführer, der von Ernährung über Mode, Kosmetik, Möbel, Computer bis zur Geldanlage entsprechende Alternativen aufzeigt. Mit unserem Konsumverhalten allein können wir die Welt zwar nicht komplett umkrempeln, aber doch sehr positiv verändern.

Sie verstehen das Buch also als Einkaufshilfe.

Im Prinzip ist es eine Einladung an alle, bei ihren Einkaufsentscheidungen zu berücksichtigen, dass es oft ein umweltschonenderes Produkt der gleichen Art gibt oder Fabrikate, die unter fairen Bedingungen produziert und vertrieben werden. Und im Vergleich zu den späten Siebziger Jahren als ethisch-ökologischer Konsum zum Thema wurde, finden Sie heute viele Bereiche - Mode, Kosmetik, Möbel -, in denen sich Design und Bewusstsein verbinden lassen. Heute können Sie glamourös und trendy sein und trotzdem Verantwortung für die Welt zeigen.

Wie erklären Sie sich, dass "Öko" plötzlich schick ist und "Grün" tragbar?

Da gibt es eine Reihe von Gründen. Zum einen glaube ich, dass immer mehr Menschen sich für die Geschichte der Produkte interessieren, die sie kaufen sollen. Sie wollen wissen, woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt, und wie die Kleider hergestellt werden, die sie tragen. Und der drohende Klimawandel hat bei vielen Menschen die Bereitschaft erhöht, in ihrem ganz persönlichen Umfeld etwas dagegen zu tun. Zum zweiten überdenken heute immer mehr Unternehmen ihre Art des Produzierens. Energie und Ressourcen werden immer teurer, da macht es schon allein ökonomisch Sinn, ökologischer zu produzieren und die aufwendigen Transportsysteme zu überdenken. Und dann ist da auch eine ganz neue Generation von jungen Unternehmern und Designern herangewachsen, gerade in Deutschland, die ihr Umweltbewusstsein aus ihrer Kindheit in den Achtzigern mitgenommen hat und nach stilvollen Wegen sucht, Ökologie und Konsum zu verbinden.

Aber nur weil ich Bio-Äpfel kaufe und die dann im Jute-Beutel nach Hause trage, rette ich nicht die Welt.

Wenn das alle machen würde, wäre es doch schon eine schöne Sache, oder? Aber so wie die Jutebeutel heute oft noch aussehen, kann ich verstehen, dass man sich damit nicht so gern auf der Straße zeigt. Ich glaube, man darf das nicht zu verbissen sehen. Der Einzelne wird die Welt nicht retten können. Aber: Wenn es beim Konsum oder in unseren Lebensgewohnheiten Alternativen gibt, dann sehe ich keinen Grund, sie nicht zu nutzen. Es sind ja oft die ganz einfachen Dinge, die viel bringen: mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren, bei der Waschmaschine die Temperatur runterdrehen, zwei T-Shirts aus Ökobaumwolle statt drei aus konventionell angebauter - man muss nicht gleich sein ganzes Leben umschmeißen, wenn man etwas bewirken will.

Wie begegnen Sie den dem Vorwurf, der Öko-Trend finde nur in den Szene-Bezirken deutscher Großstädte statt?

Das ist so ein Klischee geworden, das ich am Anfang noch sehr amüsiert zur Kenntnis genommen habe. Mittlerweile ärgert es mich. Ich habe vor meinem Bio-Supermarkt noch keinen Porsche Cayenne parken sehen. Und der größte Anbieter von Bio-Lebensmitteln Deutschlands - nach Umsatz gerechnet - ist Aldi. Wenn Sie im vergangenen Frühjahr durch die Fußgängerzonen gegangen sind, dann konnten Sie bei C&A im Schaufenster Bio-Baumwollshorts sehen oder bei H&M die "Organic Cotton"-Kollektion. In dem Moment, in dem sie solche alternativen Produkte bei Discountern oder in großen Kaufhäusern bekommen, kann man nicht mehr ernsthaft behaupten, dass es sich nur um das neue Luxus-Hobby der Besserverdienenden handelt.

Aber glauben Sie nicht trotzdem, dass gerade die Leute, die sich etwas Besseres leisten könnten und auf nichts verzichten wollen, sich mit Bio-Produkten ein "grünes Gewissen" kaufen?

Es gibt auch viele Studenten oder Alleinerziehende, die wirklich nicht besonders viel Geld haben, und trotzdem Bio-Produkte kaufen, weil ihnen die Qualität ihrer Ernährung wichtig ist. Letztlich ist der Preisunterschied bei den einzelnen Produkten auch gar nicht mehr so groß. Ich habe bei Diskussionen erlebt, dass viele Menschen absurde Vorstellungen davon haben, was beispielsweise Bio überhaupt kostet. Eine Frau hat mich mal beschimpft, ich können mir ja vielleicht drei Euro für einen Liter Biomilch leisten, sie aber nicht. Also der Liter, den ich heute bei einem Drogeriemarkt gekauft habe, kostete 1,19 Euro. Beim Discounter kriegen sie den sogar noch günstiger. Natürlich wird sich nicht jeder das italienische Designersofa aus Recyclingmaterialien kaufen können, das man auf der Mailänder Modemesse bestaunen kann. Aber haben Sie schon mal erlebt, dass sich jemand darüber aufregt, dass sich nicht jeder einen Mercedes leisten kann? Ich wünsche mir einfach, dass es in allen Konsumbereichen - von günstig bis teuer, von normal bis superschick - ethisch-ökologisch sinnvolle Alternativen gibt.

Zur Person

Zur Person Der Journalist Fred Grimm lebt in Hamburg. Er arbeitete viele Jahre für den stern, unter anderem als Ressortleiter für die Bereiche Ausland sowie Unterhaltung und Medien. Er war Redaktionsleiter der Computer-Zeitschrift "konrad", Autor bei "Tempo" und "Max". Heute schreibt er für Zeitschriften wie "GQ", "Emma" und "IVY" und entwickelt Magazine und TV-Formate.

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KOMMENTARE (9 von 9)
 
ramteid (04.07.2008, 14:44 Uhr)
Man wird alt und schreibt ein Buch.
Er sollte sich als erstes Mal in Hamburg kundig machen wie z.B. eien normale Banane zur Bio - Banane wird. Klimahysterie, Bio - u. Ökowahn sind z.Zt. die Modehits um Geld zu verdienen. Gläubige gibt es nach der Panikmache genug, Das es Hin und Wieder tatsächlich Produkte gibt, die tatsächlich ohne künstlichen Hilfsmittel hergestellt werden glaube ich shon. Das meiste sind ganz sicher Trittbrettfahrer und sind damit einfach nur mit Preiserhöhung verbunden.
Lammbock (03.07.2008, 13:06 Uhr)
@Mile
"Ein Liter Bioapfelsaft kosten im Discounter 1,29 beim Biosupermarkt 1,39. Daraus mache ich min. 3l Schorle. Das sind 40-50Cent pro Liter."
Na klar, zu jedem Liter Saft gibts ja auch zwei Liter Mineralwasser gratis dazu! ;-)
Und dass mit dem selbst kochen kommt auch immer auf die Lebenssituation an. Ich lebe alleine, da macht das selberkochen nicht immer Sinn (bezüglich des Kostenaspektes), denn halbe Salatköpfe wachsen leider (noch) nicht.
endbenutzer (03.07.2008, 12:59 Uhr)
Viele Menschen...
...wollen eigentlich gar keine ökologisch einwandfreien Nahrungsmittel, denn es ist einfacher, beim Einkauf die Augen zu verschließen. Wie oft musste ich im Supermarkt beobachten, dass Bio-Eier sofort wieder ins Regal gestellt wurden, nur weil sie pro Stück 5 Cent teurer sind. Da nimmt man es doch viel lieber in Kauf, dass die Eier weiterhin aus dem Hühner-KZ kommen - ganz egal wie die Tiere leiden. Komischerweise haben genau diese Leute immer genügend Geld übrig wenn es darum geht, irgendeinen nutzlosen Blödsinn für's heilige Auto zu kaufen. Ein paar Felgen für 300 Euro das Stück? Kein Problem. Ein Navigationsgerät, obwohl man sowieso nur einmal im Jahr die Stadtgrenze verlässt? Aber klar doch. Die Liste ist endlos. Dabei sind viele Produkte, die man im zertifizierten Bio-Betrieb (dem EU-Bio Siegel traue ich auch nicht so ganz) kaufen kann, entweder genauso oder nur geringfügig teuer. Tiefkühlpizza sucht man dort allerdings vergebens..
Mile (03.07.2008, 12:37 Uhr)
Ein paar Beispiele
eine Flasche braunes Zuckerwasser kostet 89Cent. Das sind also 60Cent pro Liter.
Ein Liter Bioapfelsaft kosten im Discounter 1,29 beim Biosupermarkt 1,39. Daraus mache ich min. 3l Schorle. Das sind 40-50Cent pro Liter.
Oh, das ist ja billiger.
Mein Brot aus dem Biosupermarkt kostet weniger als beim Bäcker
usw.
Meistens ist es sogar so, dass Bioprodukte nicht mehr kosten als Markenprodukte, da man die Werbung und die Aktionäre nicht mitbezahlen muss.
Ah ja,
und wenn man statt Fertigprodukte zu kaufen, sich die Mühe macht, mal was selber zu kochen, dann spart man sogar Geld.
freddd (03.07.2008, 12:10 Uhr)
Ein paar Anmerkungen
Vielen Dank für die aufmerksame Lektüre!
Lieber „Lammbock“ – zu Ihrer Info: Das Buch wurde auf FSC-zertifiziertem Papier gedruckt, also umweltgerecht aus nachwachsenden Beständen. Und die Vergabe des Biosiegels wird von unabhängigen Prüfern nach einem langen Kriterienkatalog überprüft. Wenn die Hersteller gegen die Kriterien verstoßen, wird ihnen das Siegel für mindestens ein Jahr aberkannt. Also, wo das Siegel draufklebt, ist auch Bio drin.
Lieber Piet82 – auch zu Ihrer Info: Die 1,19 Euro sind der Preis für Biomilch mit Fairpreis-Aufschlag. Beim Discounter kostet der Liter Biomilch zwischen 89 und 99 Cent. Nehmen wir 99 Cent, das wären pro Liter 28 Cent mehr als für die Normalmilch bei Lidl. Wenn Sie einen Liter am Tag trinken, sind das 8,40 Euro mehr im Monat – in dieser Welt lebe ich.
Herzliche Grüsse, Fred Grimm
piet82 (03.07.2008, 11:29 Uhr)
1,19 €..
.. der liter milch, in welcher welt lebt der bitte? wer soll sich das leisten können?
Lammbock (03.07.2008, 09:53 Uhr)
@kfpdm
Siehst du, da fängt die Irreführung schon an...
So, ich trink mir jetzt erstmal ne Ökonade, is ja nicht auszuhalten bei der Hitze hier!
kfpdm (03.07.2008, 09:48 Uhr)
"Nicht überall wo Öko drauf steht, ist auch Öko drinn."
Und vor allem ist nicht überall Öko drin, wo Bio drauf steht.....
Lammbock (03.07.2008, 09:21 Uhr)
Eine Frage Herr Grimm?
Wie viele Bäume mussten denn ca. gefällt werden, um ihr Buch zu drucken? Aber hier fällt der Blick auf den Kontostand vermutlich leichter, als auf den ökologischen Hintergund. Und by the way: Nicht überall wo Öko drauf steht, ist auch Öko drinn. Vielmehr wird dieses "Schlagwort" teilweise genutzt, um Verbraucher - bewusst - in die Irre zu führen und die MArge zu erhöhen.
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