Shopping hilft die Welt verbessern. Behauptet Autor Fred Grimm in seinem gleichnamigen Buch, das jetzt in einer komplett überarbeiteten Version erschienen ist. Im Interview mit stern.de erklärt Grimm, warum Öko plötzlich schick und Grün tragbar ist und wie bewusster Konsum die Gesellschaft verändern kann.

Nicht nur für Besserverdienende: Bio-Obst und -Gemüse auf einem Markt in Dresden© Ronald Bonß/DPA
Jeden Tag kaufen wir etwas: Lebensmittel, Haushaltsreiniger, Kosmetikprodukte, Bekleidung... Bei vielen Produkten gibt es heute ökologisch und ethisch sinnvolle Alternativen. Das Buch ist ein Einkaufsführer, der von Ernährung über Mode, Kosmetik, Möbel, Computer bis zur Geldanlage entsprechende Alternativen aufzeigt. Mit unserem Konsumverhalten allein können wir die Welt zwar nicht komplett umkrempeln, aber doch sehr positiv verändern.
Im Prinzip ist es eine Einladung an alle, bei ihren Einkaufsentscheidungen zu berücksichtigen, dass es oft ein umweltschonenderes Produkt der gleichen Art gibt oder Fabrikate, die unter fairen Bedingungen produziert und vertrieben werden. Und im Vergleich zu den späten Siebziger Jahren als ethisch-ökologischer Konsum zum Thema wurde, finden Sie heute viele Bereiche - Mode, Kosmetik, Möbel -, in denen sich Design und Bewusstsein verbinden lassen. Heute können Sie glamourös und trendy sein und trotzdem Verantwortung für die Welt zeigen.
Da gibt es eine Reihe von Gründen. Zum einen glaube ich, dass immer mehr Menschen sich für die Geschichte der Produkte interessieren, die sie kaufen sollen. Sie wollen wissen, woher das Fleisch auf ihrem Teller kommt, und wie die Kleider hergestellt werden, die sie tragen. Und der drohende Klimawandel hat bei vielen Menschen die Bereitschaft erhöht, in ihrem ganz persönlichen Umfeld etwas dagegen zu tun. Zum zweiten überdenken heute immer mehr Unternehmen ihre Art des Produzierens. Energie und Ressourcen werden immer teurer, da macht es schon allein ökonomisch Sinn, ökologischer zu produzieren und die aufwendigen Transportsysteme zu überdenken. Und dann ist da auch eine ganz neue Generation von jungen Unternehmern und Designern herangewachsen, gerade in Deutschland, die ihr Umweltbewusstsein aus ihrer Kindheit in den Achtzigern mitgenommen hat und nach stilvollen Wegen sucht, Ökologie und Konsum zu verbinden.
Wenn das alle machen würde, wäre es doch schon eine schöne Sache, oder? Aber so wie die Jutebeutel heute oft noch aussehen, kann ich verstehen, dass man sich damit nicht so gern auf der Straße zeigt. Ich glaube, man darf das nicht zu verbissen sehen. Der Einzelne wird die Welt nicht retten können. Aber: Wenn es beim Konsum oder in unseren Lebensgewohnheiten Alternativen gibt, dann sehe ich keinen Grund, sie nicht zu nutzen. Es sind ja oft die ganz einfachen Dinge, die viel bringen: mit dem Fahrrad zur Arbeit oder zum Einkaufen fahren, bei der Waschmaschine die Temperatur runterdrehen, zwei T-Shirts aus Ökobaumwolle statt drei aus konventionell angebauter - man muss nicht gleich sein ganzes Leben umschmeißen, wenn man etwas bewirken will.
Das ist so ein Klischee geworden, das ich am Anfang noch sehr amüsiert zur Kenntnis genommen habe. Mittlerweile ärgert es mich. Ich habe vor meinem Bio-Supermarkt noch keinen Porsche Cayenne parken sehen. Und der größte Anbieter von Bio-Lebensmitteln Deutschlands - nach Umsatz gerechnet - ist Aldi. Wenn Sie im vergangenen Frühjahr durch die Fußgängerzonen gegangen sind, dann konnten Sie bei C&A im Schaufenster Bio-Baumwollshorts sehen oder bei H&M die "Organic Cotton"-Kollektion. In dem Moment, in dem sie solche alternativen Produkte bei Discountern oder in großen Kaufhäusern bekommen, kann man nicht mehr ernsthaft behaupten, dass es sich nur um das neue Luxus-Hobby der Besserverdienenden handelt.
Es gibt auch viele Studenten oder Alleinerziehende, die wirklich nicht besonders viel Geld haben, und trotzdem Bio-Produkte kaufen, weil ihnen die Qualität ihrer Ernährung wichtig ist. Letztlich ist der Preisunterschied bei den einzelnen Produkten auch gar nicht mehr so groß. Ich habe bei Diskussionen erlebt, dass viele Menschen absurde Vorstellungen davon haben, was beispielsweise Bio überhaupt kostet. Eine Frau hat mich mal beschimpft, ich können mir ja vielleicht drei Euro für einen Liter Biomilch leisten, sie aber nicht. Also der Liter, den ich heute bei einem Drogeriemarkt gekauft habe, kostete 1,19 Euro. Beim Discounter kriegen sie den sogar noch günstiger. Natürlich wird sich nicht jeder das italienische Designersofa aus Recyclingmaterialien kaufen können, das man auf der Mailänder Modemesse bestaunen kann. Aber haben Sie schon mal erlebt, dass sich jemand darüber aufregt, dass sich nicht jeder einen Mercedes leisten kann? Ich wünsche mir einfach, dass es in allen Konsumbereichen - von günstig bis teuer, von normal bis superschick - ethisch-ökologisch sinnvolle Alternativen gibt.
Zur Person Der Journalist Fred Grimm lebt in Hamburg. Er arbeitete viele Jahre für den stern, unter anderem als Ressortleiter für die Bereiche Ausland sowie Unterhaltung und Medien. Er war Redaktionsleiter der Computer-Zeitschrift "konrad", Autor bei "Tempo" und "Max". Heute schreibt er für Zeitschriften wie "GQ", "Emma" und "IVY" und entwickelt Magazine und TV-Formate.