5. Juli 2002, 16:31 Uhr

Die Mörderin

Valerie Lücke ließ einen Mann umbringen, der sie demütigte, beschimpfte,¶schlug und missbrauchte - ihren eigenen Mann. Ein Lehrstück über Gewalt in der Familie.

Von Sabine Rückert

Eine Frau, die ihren Ehemann für immer loswerden will, sollte ihn nicht töten. Er wird sich in ihre Träume stehlen, er wird ihre Gedanken fesseln, er wird ihr Gewissen in Geiselhaft nehmen. Er wird ihr keine Ruhe gönnen, obwohl sie sich nach Ruhe so sehr gesehnt hat. Er wird bei ihr bleiben, bis der Tod seiner Mörderin beide endlich scheidet. Deshalb ist Valerie niemals so sehr verheiratet gewesen wie heute, da sie Witwe auf eigenen Wunsch ist. Vor sieben Jahren hat sie ihren Mann, Volker Lücke, von gedungenen Mördern umbringen lassen. Heute träumt sie ganz friedlich von ihm: Wie er im Haus umhergeht, den Hof überquert. In Gummistiefeln. Still.

Ohne ein böses Wort. Damals hat sie 50.000 Mark bezahlt, um der Ehe ein Ende mit Schrecken zu machen. Heute trägt sie das goldene Medaillon um den Hals, das ihm am Tag seines gewaltsamen Todes umhing. Auf der einen Seite ist das Gesicht des gemeinsamen Sohnes eingeprägt, auf der anderen Seite ihr eigenes. Man gehört zusammen. Auch seinen Familiennamen trägt sie in Treue fest: Frau Valerie Lücke. Geborene Meyer, verurteilt zu lebenslanger Freiheitsstrafe, eingesperrt in der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Jetzt, wo mit der Zeit auch die Angst vergangen ist, liebt sie Volker wieder.

Wie er dalag. Im Regen, hinter dem Hundezwinger. Nur seine Beine hat sie herausragen sehen, dann machte sie kehrt. Winselnd. »Papa, Papa, du schaffst es.« Die Herren von der Kriminalpolizei protokollierten später: »Frau Lücke weint. Frau Lücke wiederholt: Ich möchte das alles wieder rückgängig machen.« Bis heute ersehnt sie ein kleines Zeitfenster, durch das sie ihrem Volker zurufen könnte, warum er sterben musste. Warum es keine andere Lösung gab. Im Augenblick seines Todes war er ahnungslos.

Das erste Projektil trat unterhalb der Nase ein und links vor dem Ohr wieder aus. Der zweite Schuss traf das linke Schlüsselbein, durchfuhr die Lunge und trat am Rücken aus. Die dritte Kugel endete als Steckschuss an der achten Rippe, nachdem sie Zwerchfell, Leber, Magen und die untere Hohlvene verletzt hatte. Das vierte Projektil durchschlug die Muskulatur des Mittelbauchs. Volker Lücke starb 49-jährig, noch im Rettungswagen. »Da liegt Papa, mit einem riesigen Loch in der Schulter«. Der Täter hatte im Gebüsch an der Einfahrt gewartet. Als Lücke ausstieg, um das Tor zu seinem Hof zu öffnen, tauchte er auf, schoss und verschwand.

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