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Die Mörderin

Valerie Lücke ließ einen Mann umbringen, der sie demütigte, beschimpfte,¶schlug und missbrauchte - ihren eigenen Mann. Ein Lehrstück über Gewalt in der Familie.

Von Sabine Rückert

Eine Frau, die ihren Ehemann für immer loswerden will, sollte ihn nicht töten. Er wird sich in ihre Träume stehlen, er wird ihre Gedanken fesseln, er wird ihr Gewissen in Geiselhaft nehmen. Er wird ihr keine Ruhe gönnen, obwohl sie sich nach Ruhe so sehr gesehnt hat. Er wird bei ihr bleiben, bis der Tod seiner Mörderin beide endlich scheidet. Deshalb ist Valerie niemals so sehr verheiratet gewesen wie heute, da sie Witwe auf eigenen Wunsch ist. Vor sieben Jahren hat sie ihren Mann, Volker Lücke, von gedungenen Mördern umbringen lassen. Heute träumt sie ganz friedlich von ihm: Wie er im Haus umhergeht, den Hof überquert. In Gummistiefeln. Still.

Ohne ein böses Wort. Damals hat sie 50.000 Mark bezahlt, um der Ehe ein Ende mit Schrecken zu machen. Heute trägt sie das goldene Medaillon um den Hals, das ihm am Tag seines gewaltsamen Todes umhing. Auf der einen Seite ist das Gesicht des gemeinsamen Sohnes eingeprägt, auf der anderen Seite ihr eigenes. Man gehört zusammen. Auch seinen Familiennamen trägt sie in Treue fest: Frau Valerie Lücke. Geborene Meyer, verurteilt zu lebenslanger Freiheitsstrafe, eingesperrt in der Justizvollzugsanstalt Lübeck. Jetzt, wo mit der Zeit auch die Angst vergangen ist, liebt sie Volker wieder.

Wie er dalag. Im Regen, hinter dem Hundezwinger. Nur seine Beine hat sie herausragen sehen, dann machte sie kehrt. Winselnd. »Papa, Papa, du schaffst es.« Die Herren von der Kriminalpolizei protokollierten später: »Frau Lücke weint. Frau Lücke wiederholt: Ich möchte das alles wieder rückgängig machen.« Bis heute ersehnt sie ein kleines Zeitfenster, durch das sie ihrem Volker zurufen könnte, warum er sterben musste. Warum es keine andere Lösung gab. Im Augenblick seines Todes war er ahnungslos.

Das erste Projektil trat unterhalb der Nase ein und links vor dem Ohr wieder aus. Der zweite Schuss traf das linke Schlüsselbein, durchfuhr die Lunge und trat am Rücken aus. Die dritte Kugel endete als Steckschuss an der achten Rippe, nachdem sie Zwerchfell, Leber, Magen und die untere Hohlvene verletzt hatte. Das vierte Projektil durchschlug die Muskulatur des Mittelbauchs. Volker Lücke starb 49-jährig, noch im Rettungswagen. »Da liegt Papa, mit einem riesigen Loch in der Schulter«. Der Täter hatte im Gebüsch an der Einfahrt gewartet. Als Lücke ausstieg, um das Tor zu seinem Hof zu öffnen, tauchte er auf, schoss und verschwand.

Erinnerung der Tochter Susanne, damals 26: Hinausgerannt, da liegt Papa »mit einem riesigen Loch in der Schulter«. Papa, schreit sie, will hin und steht wie festbetoniert. Später kocht sie Kaffee für herumwimmelnde Amtspersonen, ein menschlicher Automat, Kanne um Kanne. Die Dinge liegen in dichtem Nebel. Sie sagt sich: Sei stark, deine Familie braucht dich!

Anruf bei der Tante: Auf Papa ist geschossen worden. Erinnerung von Elisabeth Korn, Schwester des Opfers: Der Hof mit den Ställen und Garagen ist taghell erleuchtet. Polizei und Krankenwagen. Valerie, die Witwe, steht im Hausflur und kreischt: Ich werde blind! Dann: Was ist mit Papa? Ihr Sohn Manfred brüllt zurück: Er ist tot. Ich hab's schon dreimal gesagt. Tot. Dann muss er sich erbrechen. - »Stellen Sie sich vor«, sagt Frau Korn, »so habe ich erfahren, dass mein Bruder nicht mehr lebt.«

Erinnerung des Sohnes Manfred, damals 31: In Strumpfsocken raus in den Regen. Da ist nichts mehr zu machen, sagt der Notarzt. Der Vater liegt im Blut und röchelt und kämpft, die Augen nach oben verdreht, die Hand zur Faust geballt. Manfred sagt: »Eine geballte Faust, noch im Sterben.« Das Ehepaar Lücke - er Dachdecker, eigener Betrieb, gute Auftragslage; sie- adrette Hausfrau - wohnte in K., einem kleinen Ort nahe Hamburg.

Sie figurieren als Musterpaar, mit netter Familie. Er brachte einen Sohn mit in die Ehe, sie Sohn und Tochter, dazu kommt ein gemeinsames Kind: Volker junior. Ein Nachzügler - zehn Jahre alt, als der Vater getötet und die Mutter verhaftet wird. K. ist eine vorbildliche Ansiedlung in einem hoch zivilisierten Staat, der von mündigen Bürgern bevölkert ist, der für jedes soziale Problem zehn Lösungen bereithält und freundliche Beratungsbüros für jede Unbill des Lebens. Hier nimmt unbemerkt von sozialen Kontrollinstanzen oder gar staatlichen Ordnungskräften eine Steinzeitehe ihren Lauf, in der nicht die Rechte des Individuums, sondern die Gesetze des Stärkeren gelten, die Frau an den Haaren durchs Haus geschleppt wird und der letzte Ausweg Mord ist.

Es ist die Hoffnung, die den Menschen fertig macht, und je hoffnungsloser seine Lage, desto ekstatischer hofft er. Hofft, dass eines Tages Unglück nicht immer nur Unglück gebiert, dass nicht immer der Schwarze Peter kommt, wenn das Leben die Karten hinhält. Hofft, dass sich Glück herbeizwingen lässt, wenn man nur alles, alles dafür einsetzt, alles, alles dafür aushält. Valerie lässt sich anbrüllen, weil sie die Eier von der linken, »der falschen Seite« in den Topf tat, weil ein Papierchen auf dem Hof liegt oder im Klo das Licht brennt.

Sie lässt sich Schlampe, Arschloch, Pissnelke, Nutte, Sau, dumme Kuh titulieren und dabei anspucken. Vor den Kindern. Sie lässt sich ohrfeigen, das Essen vor die Füße kippen und mit Töpfen nach sich werfen. Sie lässt sich bedrohen, per Handy kontrollieren und hält sich daran, wenn ihr das Ausgehen verboten wird. Sie lässt sich an den Schamhaaren heranziehen, wenn Geschlechtsverkehr erwünscht ist. Sie bricht in Panik aus, wenn ein Aschenbecher zu Boden geht und eine Kachel zerschlägt. Sie ist machtlos, wenn der Mann den kleinen Volker zu den Demütigungen der Mutter herbeizitiert, damit der sieht, »wie man mit so 'ner Schweinemutter umgeht«.

Sie lässt es zu, dass er sie auf die Küchenbank schleudert und ihr den Pullover am Hals so fest zusammendreht, dass ihr die Luft wegbleibt. Mehrere Pullover finden so ihr Ende. Ein blaues Auge und eine angeschwollene Lippe, »hervorgerufen durch den Wurf mit einer Schirmmütze«, konstatiert das Gericht später. Jeden Tag ist »Theater«, wenn nicht morgens, dann mittags, wenn nicht mittags, dann abends.

Niemand, niemand setzt dem Tyrannen Grenzen. Manchmal gibt Valerie Widerworte - »ich konnte auch kiebig sein« -, aber

nie gewinnt sie ein Duell, am Ende dreht sie sich jedes Mal um und flieht den Konflikt. Er zeternd hinterher. Greift sie zum Küchenmesser, um sich zu verteidigen, ruft Volker: »Bevor du zustichst, lang ich dir eine, und dann wird es dunkel«. - »Volker«, sagt Valerie, wenn einmal Ruhe ist, »wir führen doch eine Ehe, nicht Krieg.« Oder: »Es hat doch keinen Zweck mehr mit uns.«

Anfangs kommt er dann zur Besinnung, später heißt es: »Du kommst mir nicht vom Hof! Du kommst in den Teich mit einer Gehwegplatte am Fuß« oder: »Ich lass dich abknallen, das kostet mich 10.000 Mark - und ein Lächeln.« - »Pass auf, dass ich dir nicht zuvorkomme«, sagt sie. Eine läppische Drohung, ein schwindsüchtiger Scherz. Valerie, die alte Schlampe. Eine Maus ballt ihre Pranke.

Valerie flüchtet. Einmal, hundertmal. Versteckt sich bei Freundinnen, lässt sich finden, kehrt heim. Bei Lückes setzt ein Refrain ein, den man in jedem Frauenhaus singen kann und auf jeder Polizeiwache und in jeder politischen Kommission, die Gewalt in der Familie zum Thema hat. Ein über die Ufer getretener Drang, zu beherrschen, zu terrorisieren, treibt die Frau hinaus, ein unstillbarer Hang, sich klein zu machen, zu unterwerfen, treibt sie nach Hause, kaum dass die Hämatome verblassen.

Und natürlich die Hoffnung - verflucht soll sie sein! In den Beratungszimmern und Sozialstationen, die es für die Valeries dieses Landes gibt, hätte man ihr gesagt, dass sie, die ihr Schicksal für ein Unikum des Schreckens hielt, nur eine Figur ist im grauen Heer verachteter Frauen: dass das Bundesjustizministerium 45.000 Schwestern im Leid zählt, die jedes Jahr in Frauenhäuser flüchten, und schätzt, dass noch einmal die gleiche Zahl privates Obdach vor ihrem Verfolger findet (dass also umgerechnet fast die ganze Stadt Jena auf der Flucht ist), dass jede dritte Frau bereits von ihrem Mann körperlich oder seelisch misshandelt wurde, dass zehn Prozent der Jugendlichen von Gewalt zwischen den Eltern erzählen könnten.

Wenn sie es täten. Denn zur Familiengewalt gehört auch, dass Leiden und Schweigen ein böses Bündnis eingehen. Nur fünf Prozent der Delikte werden angezeigt, 95 Prozent bleiben Privatsache. Türen zu, Brücken hoch. Ehen wie die von Lückes sind Trutzburgen, aus denen kein Schrei hinausdringt. Nach einem Maßstab, dessen Norm sich Gesetz und Anstand entzieht, führte Valerie also eine ganz normale Ehe. Besonders an ihr ist nur, dass sie irgendwann den Mörder schickt. Täter und Opfer tauschen die Rolle. »Eine gequälte Kreatur war sie! Ein Regenwurm, auf den immerzu getreten wird!«

Urte König, graumähnige 1. Vorsitzende des Kinderschutzbundes von K., traf Valerie manchmal beim Einkaufen: nett und picobello, ein »mir geht's gut« auf den Lippen »und immer heile Welt nach draußen«. Natürlich wussten alle in K., was los war im Hause Lücke, auch gingen Volkers exzessive Gaststättenbesuche nicht leise vonstatten. Welch prophetischer Nachmittag, jener des 20. September 1992. Da nämlich tat Frau König einen kurzen Blick hinter Valeries gute Miene.

Noch als sie mit dem kleinen Volker an der Hand erschienen war, hatte sie gestrahlt: »Heute hab ich Ausgang, den ganzen Tag darf ich bleiben.« Später bei einer guten Tasse Kaffee: »Eines Tages schlag ich diesen Mann tot. Dann geh ich für den Rest meiner Tage in den Lauerhof, dort hab ich Ruhe.« Lauerhof? Frau König staunt: »Na, der Lübecker Knast. Verrückt, nicht? Volle zwei Jahre vor dem Mord.«

»Bei uns sah immer alles harmonisch aus« Lebenslange Freiheitsstrafe statt Stubenarrest auf Lebenszeit. Selbstbestimmte Tage im Vollzug statt Vormundschaft, Vorschriften, Vorwürfe. Freundliche Gespräche mit dem Psychologen statt Tobsuchtsanfälle, weil jemand mit nassen Füßen über die Terrasse des Ferienhauses auf Gran Canaria lief. Ein schlimmer Urlaub, jener letzte.

Valerie holt das einzige Foto. Sommer 94. Papa, Mama mit den Kindern.

Valerie mit kurzen Hosen und braunen Beinen, Volker gutmütig im Kreise der Lieben. Das sieht doch ganz harmonisch aus. »Bei uns sah immer alles harmonisch aus«, sagt Valerie. Keine Todesahnung liegt über der Szene, obwohl der Killer die Anzahlung da schon kassiert hat und Schießübungen im Wald macht.

Valerie, die Anstifterin zum Gattenmord, heute eine blondierte Mittfünfzigerin, füllig, drollig, ein Schuss Arglosigkeit in Stimme und Blick. Durchaus auch ganz selbstbewusst, kein Hascherl, dem die Worte ausgegangen sind. Sie gehört zu jenen Menschen, die zwar keine Bildung haben, aber Humor und Verstand, und mit denen man sich gerne unterhält.

Als sie 1978 auf Volker trifft, ist sie Prostituierte, und er hat einen so genannten Club. Sie hat sicher einige Erfolge gehabt bei den Männern, wobei man sich den Verkehr irgendwie zwangsläufig als netten Ausklang eines gemütlichen Abends vorstellt. Ein Freudenmädchen im brechtschen Sinne, mit weichem Herzen unter wogendem Busen. Sie arbeitet in Clubs, wo die Frauen im geschlitzten Abendkleid mit einem Glas Champagner am Kamin stehen und das Finanzielle schon erledigt ist, wenn die Herren eintreten; wo die Gefühlskälte der Geschlechterbegegnung verpackt wird mit der Illusion »wir feiern eine Party«. Zu Hause sitzt unterdessen Uwe, Valeries arbeitsscheuer Ehemann Nummer 1, schüttet sich Schnaps in den Hals und versetzt die beiden Kinder in Angst. Immer noch besser als die Minimumexistenz am unteren Rand der Gesellschaft, die Valerie zuvor lebte.

Ihr Uwe sollte eigentlich Maurer sein, war aber Trinker. Und freitags freut sich Valerie schon, wenn sie ein paar Mark für ihr Rabattmarkenbuch bekommt. Und eines Tages hat Uwe den Einfall, Valerie solle in den Puff gehen. Das tut sie - bis Volker Lücke auftaucht und mit dem Balztanz beginnt. Ein Kavalier in Spendierhosen. Der sie für sich alleine kauft, Geld dafür hinlegt, dass sie nicht mit anderen Männern geht und doch Uwes Schnaps bezahlen kann. Der sie schließlich rausholt. Für immer. Sie heiratet. Der nicht eine abgegriffene Prostituierte sieht, sondern ein »niedliches Persönchen«, eine liebenswerte Frau, eine patente Geschäftspartnerin. Und der sie später täglich daran erinnern wird, dass sie nichts anderes ist als »eine Nutte, zu dumm zum Bumsen«.

Valerie ist Volker nichts schuldig. Auch sie rettet ihn. Holt ihn zurück aus Suff und Rotlicht in die Beschaulichkeit eines Dachdeckerlebens. Fährt lastwagenweise das Material von Baustelle zu Baustelle. Hält den Haushalt zusammen, zieht die vier Kinder auf. Chauffiert ihn, weil ihm der Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer entzogen ist. Erledigt den Bürokram. Volker, der früher chronisch Pleite ging, kaum dass er etwas angefangen hatte, kommt plötzlich hoch, ist gefragt, wird reich, sehr reich, Millionär. Er, der nichts gelernt, der sich das Handwerk des Dachdeckens ganz allein beigebracht hat, verdient nun mehr als ein Abiturient, mehr als ein Akademiker, mehr als ein Professor.

Wenn auch alles, was er erwirtschaftet, offiziell an Valerie geht, denn hinter Lücke sind die Gläubiger her. 1994 läuft die Firma auf Valeries Namen, für fünf Häuser steht sie im Grundbuch, vier teure Personenwagen und jede Menge Lkw sind auf sie zugelassen. Zu der Zeit, als Volker Lücke unerträglich wird, ist er ein fanatisch arbeitender Mann. Er verausgabt sich an einer Großbaustelle bei Berlin. Und wenn die Dächer nicht genug Arbeit abwerfen, dann wird am Hof gewerkelt, die Wiese gemäht oder der Fuhrpark gepflegt. Irgendwo findet sich immer Betätigung für einen Hyperaktiven.

Angehörige, zum Thema Volker Lücke befragt, wählen ausnahmslos folgenden Auftakt: »Er war fleißig. Sonnabend, Sonntag kannte er nicht.« Lückes Fleiß ist eine Sekundärtugend, die alles entschuldigt. Die kaschiert, dass einer womöglich auf dem Weg in eine psychische Krankheit ist. Im Koordinatensystem der Familie Lücke ist ein Mann dann gut, wenn er für seine Familie sorgt. Kann also jemand, der das mit solchem Eifer tut wie Volker Lücke, ein schlechter Kerl sein? Obendrein ist er auch noch großzügig. Er beschenkt seine Frau: Kostüme, Cabrios, Colliers. Er beschenkt die Kinder: ein Pony für Cornelia, Motorräder für die großen Jungs.

Er gewährt Valeries Kindern Darlehen. Für den »Lütten« regnet es teures Spielzeug. Andererseits nimmt er die Gaben auch wieder zurück, wenn die Beschenkten nicht spuren. »Jeder war sein Leibeigener, er brauchte Abhängige«, so sagt es Manfred, der Stiefsohn. »Freunde - alle gekauft. Und wen er nicht kaufen konnte, war ein Idiot.«

Materielle Dinge wurden zu Lückes Gefühlstransmitter, damit liebte er, damit strafte er. Die Geschichte Lückes lässt sich auch andersherum lesen - als die Tragödie eines völlig erschöpften Mannes zum Beispiel, der Zweifel und Verzweifeltsein mit einem überblähten Selbstbild tarnte. Eines Mannes, bei dem Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn wechselseitig die Eskalation vorantrieben, der »einen Volker Lücke verlässt man nicht« schrie, wenn Valerie von Scheidung anfing.

Eines vierschrötigen Mannes von geringer Körpergröße, der aus der Armut kam und alles, was er war und geben konnte, erkämpft hatte - mit eigener Hände Arbeit, wie man so sagt. Die Geschichte eines Mannes ohne natürliche Autorität, den niemand für den Chef hielt, wenn er auf die Baustellen kam, der sich den Respekt erbrüllen musste. Eines Mannes, der in seltener werdenden Momenten durchblicken ließ, dass ihm die Kraft ausging, dass er es satt hatte, allen alles beweisen zu müssen. Eines Mannes, der seine Impulsivität nicht im Griff hatte und den Alkohol brauchte, um sich beruhigt, verträglich und geliebt zu fühlen. »Menschlich war er ein Schwein«, sagt Valeries Sohn Manfred. »Er war mein allerliebster Papa«, sagt Valeries Tochter Susanne. Volker Lücke, ein Monster und ein Schatz.

»Er wurde immer ruheloser.« Elisabeth Korn, Schwester des Ermordeten, nahm den Bruder häufig ins Gebet: Du kannst mit Valerie nicht so umspringen! Merkst du nicht, dass alle froh sind, wenn du weg bist? Dass sie aufstöhnen, wenn du kommst? Doch die Ermahnungen halfen nichts. Frau Korn ist eine tadellose große Schwester, Bild der Rechtschaffenheit. In ihrem

gelben Klinkerhaus ist Ordnung das vorherrschende Prinzip. Kaffee und Kekse haben ihren Platz auf weißen Deckchen, die Fotos der Enkel den ihren in der Schrankwand.

So aufgeräumt muss es auch bei Lückes ausgesehen haben, nur dass dort äußere Ordnung und inneres Chaos Hand in Hand daherkamen wie ungleiche Geschwister. Im weichgezeichneten Gedenken der Frau Korn ist Volker immer noch der hilflose kleine Knirps, der als Dreijähriger an einer Knochenmarksentzündung schwer darniederlag und zu dessen Schutz sie im Schulhof auf die großen Buben losging. Niemand soll von ihr erwarten, dass sie seiner Mörderin verzeiht. Vor Gericht hat sie Valerie schwer belastet. Alle Fotos aus besseren Tagen, die sie nun auf den Kaffeetisch stapelt, sind verstümmelt: Valeries Gesicht ist mit Scheren zerhackt, mit Messern weggeschabt oder die ganze Person keilförmig aus Gruppen herausgeschnitten. Alles, was war, hat ein Lichtbildersturm verwüstet.

Kaltblütiger Mord oder eine Tat aus Verzweiflung? Der Trauergottesdienst. »Sie hätten meine Schwägerin sehen sollen. Die Söhne mussten sie tragen, und sie hat nur laut geschrien, als man sie hereinschleppte.« Damals ahnte noch keiner, warum Valerie so gellend zum Himmel schrie. »Aber das ganze Verhalten war nicht normal«, und der Bestatter habe beim Begräbnis zu ihr, Frau Korn, gesagt: »Ich glaube, Sie sind die einzige hier, die echt trauert.« Heute trifft sie sich mit Valeries Tochter Susanne hin und wieder an Lückes Grab. Dann reißen sie über dem Toten die alten Pflanzen heraus und setzen frische: Geranien, Margeriten, was Papa eben gerne hatte.

Papa, das war für Susanne ihr Stiefvater Volker Lücke - er sorgte für sie. Ihren leiblichen Vater - Uwe den Trinker - nennt sie »meinen Erzeuger«. Mama hatte ihn mit 17 geheiratet, er schlug hart zu und nahm ihr das Geld ab. Nachts, wenn Valerie ihrem Gewerbe nachging, hockte er stumm da und machte all die haarsträubenden Geräusche, die jemand von sich gibt, der

sich in der Finsternis alleine voll laufen lässt. Das Wohnzimmer war ihm zur Spelunke geworden, eine Musikbox spendete fahlen Schein. Bis heute können Susanne und ihr Bruder nicht im Dunkeln sein, ohne die Nerven zu verlieren. Als Mama zu Papa wechselte, drohte der Erzeuger, sich umzubringen, darum blieben die Kinder bei ihm. Erst als er eine Gitarre auf Manfred zertrümmerte, floh der zur Mutter. Und als Valerie die Tochter nachholte, entkamen beide nur mithilfe eines Nachbarn aus der Wohnung.

Valerie wehrte sich nie. Sie hasst Gewalt. Zu sehen, wie zwei sich prügeln, macht sie krank. Sie hätte nicht viel Aufwand treiben müssen, um Volker selber zu beseitigen: Er war ein schwerer Asthmatiker und damit ein leichtes Opfer. Turnusmäßig fiel er um, lief an, schnappte nach Luft. Ein Kissen aufs Gesicht, und aus wäre es gewesen. Ganz schnell. Kein Arzt hätte sich gewundert, kein Polizist hätte nachgefragt, und Valerie lebte heute unbehelligt in K., eine geachtete Witwe. Aber nein: Der Killer ist schon bestellt, da springt Valerie Lücke noch herbei, räumt dem Erstickenden den Mund aus, bläst ihm das rettende Spray in den Rachen. Warum? »Ich wäre doch sonst eine Mörderin gewesen.«

Und jetzt? »Ich konnte nicht anders!« Auftragsmord - eine mafiose Vokabel, Synonym für Kälte und Berechnung. »Ich mache mir die Hände nicht dreckig«, bedeutet dieses Wort, »ich kann mir das leisten.« Aber könnte die Übersetzung nicht manchmal auch lauten: »Ich bring es selbst nicht übers Herz«? - »Ich fürchte den Sterbenden zu sehr«? - »Ich bin zu schwach«? Hätte Valerie all ihre Dämonen vernichten wollen, sie hätte beim eigenen Vater anfangen müssen. Männer sind der Fluch in ihrem Leben. Böse Götter, zu denen sie aufschaut, von deren Willkür sie abhängt und deren Stirnrunzeln sie schon bestürzt. Dumpfe Götter, die mit allerlei Opferriten besänftigt und in Schach gehalten werden müssen, vor deren Grollen die Erde zittert und deren Wut, einmal ausgebrochen, keine Grenzen kennt.

Von Kindesbeinen an hat Valerie die Methoden studiert, die Rituale erlernt, mit denen man Katastrophen abwendet, und hat doch selber letztlich die größte Katastrophe heraufbeschworen. Sie wächst auf St. Pauli auf, zwischen Bordellen und Bars. Sie sieht die »betteligen Mädchen« am Straßenrand stehen, tief ausgeschnitten und ausstaffiert bis zur Lächerlichkeit: »Na, gibste mir 'nen Drink aus?« Auch daheim lehrt man sie, was eine Frau wert ist. Der Vater, Kellner in Amüsierbetrieben, drischt auf die Mutter ein, bis der Arm lahmt, wenn er alkoholisiert nach Hause kommt. Das Kind Valerie wischt das Blut der Mutter von den Fliesen der Küchenwand. Später schläft das Kind nicht mehr, wenn Prügelorgien drohen.

Kehrt der Vater in den frühen Morgenstunden heim, hockt sich seine kleine Tochter zu ihm an den Küchentisch »und streichelte ihm mit einem Finger ganz sanft die Hand, bis er schlief«. Das Ungetüm ist beschwichtigt. Für diesmal.

Valerie Lücke wird schwanger. Sie wechselt die Hölle Die Mutter flüchtet. Einmal, hundertmal. Der Vater findet sie, manchmal mithilfe der Polizei. Oder lässt sie sich finden? Valerie erlebt die Lage der Mutter als desperat: »Er war Kellner auf St. Pauli, da kommen Sie nicht weg als Frau.« Drei Geschwister werden geboren. Die Familie kommt so herunter, dass sie in Notunterkünften leben muss. Die Mutter schafft den Absprung, denn sie findet einen Freund; der erhängt sich, jetzt trinkt auch sie. Valerie muss die Volksschule abbrechen, sie muss die Arbeit bei Woolworth aufgeben. Kein Fluchtweg tut sich auf aus ihrem Unglück. Sie, als Älteste, muss die Geschwister versorgen, die Familie retten. Immer sie. Mit 17 dann Uwe. Sie wird gleich schwanger, heiratet und wechselt die Hölle.

Was am 7. September 1994 gegen 21 Uhr auf den Dachdecker Volker Lücke niedergeht, ist nicht nur Zorn, der sich in den bitteren Jahren einer schlimmen Ehe angesammelt hat, Volker Lücke muss bezahlen für ein ganzes von Männern zerstörtes Frauenleben, für die Erkenntnis einer Elenden, dass man dem Schicksal nicht entrinnen kann, indem man den Mann austauscht. Ja, im Grunde trifft ihn die Vergeltung ganzer Generationenfolgen. Valerie Lücke mordet nicht nur, weil ihre Leidensfähigkeit erschöpft ist, sie rächt ihre Mutter, sie rächt ihre Schwester. Und sie tut es, um ihren Kindern die eigene Not zu ersparen. Valerie mit Klein-Volker vor dem tobenden Vater ins Kinderzimmer fliehend. Mutter und Sohn verkrochen im Bett. Starr vor Angst plappernd das Kind: »Bitte, Mutti, sag jetzt nichts und sei ruhig.« Sie, die all ihre Kinderjahre in Schrecken vor dem Vater lebte, will den Schrecken aus dem Leben ihrer Kinder reißen und reißt doch alle ins Verderben.

Ein Lehrbuch über die Muster der Familiengewalt könnte das Leben der Frau Lücke hergeben. Denn Familiengewalt ist mehr als die Summe aus den Taten einzelner Personen, sie ist ein Verhängnis, das ganze Sippen überschattet, eine Programmierung, die Männer und Frauen zu Marionetten eines bösen Geistes macht. Exemplarisch ließe sich an Valerie und den Ihren studieren, wie dieser Fluch von Generation zu Generation weitervererbt wird: Jeder versucht, den Bann zu brechen, und ist doch längst schon Rad in einem Räderwerk, der weiteres Unglück produzieren muss. Wie in der griechischen Tragödie sieht jeder Einzelne - Täter wie Opfer -, was zu tun wäre, weiß jeder Einzelne - Opfer wie Täter -, was er ändern sollte - und muss doch seiner Bestimmung folgend schlagen oder ertragen, treten oder kriechen.

Gewaltausüber und Gewalterdulderin suchen sich, erkennen sich unter Tausenden, tun sich wie von unsichtbarer Hand gesteuert zusammen und beginnen ihr hässliches Spiel. Und wieder bringt es Täter und Opfer hervor, das Programm von Dominanz und Unterwerfung wird weiter und weiter getragen. Das Verbrechen der Valerie Lücke erscheint vor der Kulisse ihrer Familiengeschichte und vor dem wissenschaftlichen Erkenntnishintergrund dieses Gewaltphänomens wie ein letztes Aufbäumen des freien Willens. Der Besuch bei den Angehörigen der Mörderin wird zur Visite im Lazarett für Überlebende eines Familienkriegs, wo die biografisch schwer Beschädigten lernen, auf Krücken zu gehen. Martina, Valeries jüngere Schwester: einem Gewalttäter anheim gefallen.

Diese Sorte Mann stürzt sich seit je auf sie wie Raubvögel auf ein Kaninchen. Kein Zufall, sondern Gesetz. Hinter ihr liegen Jahre der Drangsal, der Kontrolle, des Terrors. »Anfangs ist man blind vor Liebe, dann ist man gelähmt vor Angst.« Sagt Martina, die Versehrte. »Man findet nie den Weg hinaus.« Irgendwie hat sie ihn doch gefunden. Nun ist sie allein mit ihrem Kind.

Susanne, Valeries 33-jährige Tochter: Kommt es zu Liebe, dann kurz. Vertrauen erstirbt jedes Mal im Keim. Beim Hauch einer Frustration ist es aus: »Warum soll ich mich quälen?« Sie hat schon so viel Qual gesehen. »Ich bin wohl gestört, dafür kann man die Männerwelt nicht verantwortlich machen.« Dorthin führt kein Weg mehr, das Leben wird alleine ausgestanden.

Manfred, Valeries 37-jähriger Sohn: Ein Mann aus Stein mit verschattetem Gesicht und Augen, die nichts mehr erwarten. Immerzu ist vom Geld die Rede, jener Glückschiffre der Zukurzgekommenen: Alles hat ihn zu viel gekostet, um alles hat man ihn betrogen. Das Vermögen des toten Stiefvaters ist ihm unter den Händen zerronnen, die Ehe kaputt, die ganze

Welt sein Feind.

Und Volker junior: Volker und Valerie Lückes kleiner Sohn. Lebt seit 17 Jahren, sieben davon elternlos. Erst Asyl beim Bruder Manfred; seit dessen Familie in Trümmern liegt, Irrfahrt zwischen Susanne, der Schwester, und Martina, der Tante. Kein Fachmann hat sich des trauernden Kindes angenommen. Wer hat sich bemüht um seine innere Gesundung? Wer hat ihn an der Hand genommen, ihm vorgelebt, dass es auch anders gehen kann zwischen Mann und Frau? Wie sollte er nicht Schaden genommen haben an seiner Seele?

»Fleißig, ehrlich, opferte sich für Menschen, die er liebte« - verklärt steht Volker Lücke vor dem inneren Auge des Juniors. Je älter der Sohn wird, desto präsenter wird ihm der Tote. Ein leuchtenderes Vorbild, als es je gelebt hat. Volker spürt den Vater förmlich in sich wachsen: »Er ist da.« Alle paar Wochen erscheint er im Traum. Dachdecker wird der Junge werden wie sein Papa, und genauso fleißig ist er jetzt schon: »Meine liebste Hose ist die Arbeitshose.«

Die Frauen der Familie deuten sorgenvoll die Zeichen: Volkers Arbeitswut, sein Ton mit der Freundin. Der Kleine hat das Zeug zum Tyrannen. Zu was wird sich Volker junior auswachsen? Als der Vater ermordet war, ängstigte er sich um jeden, der das Haus verließ. Als sie die Mutter holten, stand er klein am Zaun und wartete: den ganzen Samstag, den Sonntag, den Montag. Am Dienstag sagte ihm jemand, dass die Mama nicht wiederkommen wird.

Anfang 1994 fasste Valerie Lücke den Mordplan, unterstützt von Frau F., einer Freundin und bewährten Zuflucht. Frau F. zog den Lebensgefährten E. ins Boot, der wiederum die Sache an seinen Freund M. weiterreichte. Es dauerte eine Zeit, bis M., Gauner von Beruf, im Rotlichtmilieu einen jungen Polen aufgetrieben hatte, der den Plan in die Tat umsetzen sollte. Vom Vorhaben »Autounfall mit tödlichem Ausgang« kam man rasch ab. Schießen schien sicherer. Um Lücke zu töten, brauchten die Attentäter exakte Angaben, wann er wo anzutreffen sei. Das war Valeries Posten.

Über Wochen telefonierte sie mit Frau F. und gab durch, wo ihr Mann sich gerade aufhielt, dann wanderten die Neuigkeiten die Informantenleiter hinunter bis zum ausführenden Organ. Später wird ein Psychiater in Frau Lückes Verhalten »ein ständiges Auf und Ab der Eliminierungsbestrebungen« diagnostizieren: Machte ihr Lücke zu Hause die Hölle, machte Valerie Druck am Telefon.

War Lücke einmal nett zu ihr, rief sie plötzlich nicht mehr an oder versuchte, den Anschlag abzublasen. Aber davon wollten die anderen nichts mehr wissen: Einem angesetzten Killer könne man nicht einfach absagen wie einem Partyservice. Nach vollbrachter Bluttat ermittelte die Kripo dann wochenlang in der polnischen Leiharbeiterszene. Daran, dass das Böse aus dem Schoße der Familie gekrochen sein könnte, dachte niemand. Erst als M. Erpresserbriefe an Valerie Lücke schickte, kam die Verschwörung ans Licht, denn Valerie rief die Polizei.

Dem Gesetzgeber steht als Idealtypus des Bürgers ein Mensch vor Augen, der aussieht wie Richter Hinnerk Rix. 55 Tage saß er über die vier Täter zu Gericht. Am 4. Oktober 1996 wurden Valerie Lücke, Frau F. und die Herren E. und M. von der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Kiel jeweils zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt. Der Schütze selbst wurde erst

2001 gefasst und muss sich derzeit in Polen verantworten. Lebenslang für die geschundene Valerie Lücke? »Es war Mord«, sagt Rix, »und dafür ist die lebenslange Freiheitsstrafe zu verhängen.« Ist Mord immer gleich Mord?

»War es nicht ihre freie Entscheidung?«, fragt Rix zurück. »Es ist der Mindeststandard, dass man einander nicht umbringen darf.« Kann es nicht eine Art Notwehr geben, dass einer mordet, weil er am Boden ist? »Frau Lücke ist«, sagt Rix, »ein typischer Straftäter: nicht ansatzweise nachdenkend über das, was sie tut. Sie kannte doch den Charakter ihres Mannes, sie hätte sich schon lange vorher überlegen müssen, ob sie mit ihm überhaupt noch ein gemeinsames Kind will.«

Jedes Jahr töten in Deutschland nach offizieller Statistik 1500 Menschen einen anderen, 12.000 bringen sich selber um, mindestens 135.000 Frauen (auch wenn das etwas ganz anderes ist) treiben ihre Föten ab - alle, alle hätten sich vorher überlegen können, was sie da tun und ob es nicht anders geht, hätten sich scheiden lassen, an Polizei, Fürsorge oder Kirche wenden können - vielleicht stehen die Wege der Vernunft dem Menschen nicht immer offen. »Strafrecht hat generalpräventive Aufgaben«, antwortet Rix. »Wenn wir die Grenzen aufweichen, entdeckt jeder den armen Teufel in sich.«

Hätte Volker Lücke seine Valerie auf Händen getragen, sie in Eselsmilch gebadet und ihr täglich die Füße geküsst, das Urteil wäre nicht härter ausgefallen. »Es war keine ausweglose Situation«, versetzt Rix. »Sie hätte ihn verlassen können. Doch sie wollte der Belästigung durch eine Scheidung entgehen.« Ach Richter Rix.

»Dein Vater war ein guter, ein ganz großer Mann«

Der Aussage Valerie Lückes, sie habe die Trennung nicht gewagt, weil sie um ihr Leben fürchtete, schenkte das Gericht keinen Glauben. Man hielt Volker Lücke für einen nicht ernst zu nehmenden Schreihals, einen bellenden Hund. Dass er Valerie - manchmal ganz beiläufig - mit dem Tode bedrohte, dass er wegen Körperverletzung mehrfach vorbestraft war, dass er

wegen schweren Raubes zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war, dass er ein illegales Waffenlager angelegt hatte, das aus diversen Handfeuerwaffen, Schnellfeuergewehren, einer Pumpgun und Dynamit bestand, dass er gute Freunde auf St. Pauli hatte, die sicher weniger verlangt hätten als 50.000 Mark - all das ließen die Richter nicht gelten. Sie nahmen der Angeklagten nicht ab, dass sie bebte vor ihrem bis an die Zähne bewaffneten Mann.

Valerie bleibt dabei: »Es hieß: Du oder ich.« Doch sie findet auch: »Strafe muss sein.« Und sie ist nicht gram, dass aller Reichtum dahin ist: »Gut so.« Wenn nur die Kinder sich melden. Alle besuchen sie wieder. Kommt der kleine Volker, legt ihm die Mutter ans Herz: »Dein Vater war ein guter, ein ganz großer Mann.«

Wer am - inzwischen verkauften - Mordhaus in K. vorbeifährt, das da mit heruntergelassenen Rollläden einsam an der Landstraße steht, kann sich vorstellen, warum es hier zur Katastrophe kam. Dieser ganze aufgedonnerte Bau, dessen gigantische, goldene Hausnummer vom Little-Man-Syndrom des Ermordeten kündet, jene steingewordene Kleinbürgerfantasie von einem Palast, die mit ihren 400 Quadratmetern weiß und plump neben einem künstlichen Teich in der Landschaft hockt, hielt mit der Fassade zusammen, wovon weder Valerie noch Volker lassen konnte: den Traum zweier Benachteiligter, aus eigener Kraft eines Tages in die stabile Welt des Bürgertums vorzudringen. Den Glauben zweier Unbehauster, aus eigener Kraft eine heile Familie herstellen zu können, ein Mutter-Vater-Kind-Spiel.

Diesem stolzen Traum, diesem reinen Glauben wenigstens zeitweise in die Wirklichkeit verholfen zu haben, das sind die guten Anteile des Dachdeckers Volker Lücke, jene, die Valerie noch immer liebt, um die sie in ihrer vergitterten Zelle bis heute weint. Die anderen, die bösen, glaubte sie aus der Welt schaffen zu müssen.

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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo

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