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Faszination Krimi: Auf Spurensuche bei den Angstmachern

Wir Krimiverrückten: Kein zweites Volk zeigt so viel Lust auf Verbrechen und Totschlag wie die Deutschen – in Büchern und im Fernsehen. Ermittlungen in einem blutigen Milieu.

Von Dirk van Versendaal

Sebastian Fitzek

Angstmacher: Der Berliner Sebastian Fitzek hat mehr als sechs Millionen Bücher an ein überwiegend weibliches Publikum gebracht. Jüngster Erfolgstitel: "Das Paket".

Tess Gerritsen, 40 Millionen verkaufte Bücher weltweit, liest im Szenelokal "Uebel & Gefährlich" auf Hamburg-St. Pauli aus ihrem Roman Nummer 27, "Totenlied". Das Publikum sitzt in Hundertschaften beieinander, Gläser klirren, leere Bierflaschen kullern, es herrscht schaurig dicke Luft. So ist das bei den Lesungen der "Mistress of Suspense".

Die amerikanische Autorin beschreibt in ihren Büchern Obduktionen im Detail, sie schildert sachkundig ausgeweidete Leichen und Verwesungsprozesse. Ihre Thriller-Serie um die Bostoner Ermittlerin Jane Rizzoli und die Pathologin Maura Isles ist Lektürestoff für Hartgesottene. Leserinnen sind an diesem Abend übrigens klar in der Mehrzahl.

"Frauen lieben verstörende Geschichten. Das blutige Ekelzeugs schlägt ihnen nicht so auf den Magen." Am Tag vor ihrer Lesung saß die Autorin aus Maine, eine feingliedrige Frau mit adretter Pagenkopffrisur, zu Mittag in einem Restaurant in Hafennähe und suchte nach Erklärungen. "Frauen fühlen sich verwundbar, sie sind das gejagte Tier, sind die Jäger. Frauen wollen ihre Ängste auskundschaften, aber aus sicherer Position heraus. Mit einem Buch."

Die 63-Jährige, die aus einer chinesischen Immigrantenfamilie stammt, ist auf Tour durch . Überall füllt sie Säle; überall gibt es lange Signierstunden. "Die Amerikaner lieben meine Bücher, die Engländer auch", hat sie festgestellt. "Aber sie sind nicht ganz so krimiverrückt wie die Deutschen."


Ja, was wäre der deutsche Buchmarkt ohne Morde, Blutvergießen und Gewaltorgien? Allein ein Viertel des belletristischen Umsatzes wurde 2015 mit Spannungsliteratur gemacht. An die 20.000 sind derzeit lieferbar, etwa 3500 neue Titel kamen 2016 auf den Markt – ein Vielfaches der laut Kriminalstatistik jährlich rund 300 tatsächlich begangenen Morde.

Daheim graust's sich am schönsten

Woher stammt unsere Lust auf das Böse? Bei Tess Gerritsen war der von ihr als Kind so bewunderte Onkel Mike wohl schuld: "Als ich 19 war, wurde er festgenommen, weil er seine Schwägerin Janet geprügelt, gefoltert und in der Toilette ertränkt hat. Niemand in der Familie sagte gegen ihn aus, doch die Spurenlage war eindeutig." Michael Hee ging für 15 Jahre ins Gefängnis. "Ein paar Stunden nach seiner Tat war er mit Keksen bei uns vorbeigekommen. So fröhlich wie immer." Sind Menschen, wie sie zu sein scheinen? Oder verbirgt sich hinter ihren freundlichen Gesichtern ein Ungeheuer? "Das ist das Grundthema meiner Bücher. Mich fasziniert die Fähigkeit des Menschen zum Bösen." Es gebe schließlich ernst zu nehmende Schätzungen zur Menge der Psychopathen in unserer Mitte, sagt Gerritsen. "Jeder vierte CEO soll zu ihnen gehören, jede Menge Banker. Ein Präsident."

Und so wird gemeuchelt und ermittelt, in Gruselschockern sowie im historischen Rahmen, in Normandie-, Camargue- und Bretagne-Krimis; gern als Reiselektüre verpackt. Vor allem die regionalen Ableger füllen jeden erdenklichen Landstrich mit fiktiven Leichen: In der Pension von der Mooshammer Liesl liegt ein Verstümmelter, auf dem Josefibichl bei Garmisch ein erdrosselter Franziskanerpater, ein Gesteinigter ziert die Streuobstwiese im Bad Boller Ortsteil Eckwälden – kreuz und quer durchs Land wird jedes Provinznest zum Tatort. Daheim graust's sich doch am schönsten.

Sebastian Fitzek, mit sechs Millionen verkauften Büchern einer der aktuell beliebtesten Angstmacher der Nation, wundert sich nicht über den Krimi-Boom: "Im Mittelalter waren Hinrichtungen fester Bestandteil der Volksbelustigung, da kamen Kind und Kegel herbei."

Fitzek, 1971 in Berlin geboren, sitzt in seinem Büro in einer Architektenvilla. Aus Panoramafenstern kann der ehemalige Radiojournalist auf eine Grunewald-Idylle schauen, draußen parkt sein SUV, draußen ist aber auch eine Welt voll unerklärlicher Gewalt: "Es gibt Schlagzeilen, die uns fassungslos machen. Und wir wollen verstehen, warum der Vater sein Baby aus dem Fenster geworfen hat." Krimis haben für Fitzek eine kathartische Wirkung. "Sie erklären uns unsere Ängste. Und erlauben uns, sie nach dem Lesen mit dem Buch ins Regal zu stellen."

"Je härter, desto Frau"

In einer Zeit, da der Tod outgesourct sei und wir keine Leichen mehr zu sehen bekämen, sei die Lektüre von Krimis auch eine Form der Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod. "Wir alle haben eine Art Angstmuskel. Den müssen wir regelmäßig trainieren, um überleben zu können. Einige machen Bungee-Jumping, die meisten von uns gruseln sich lieber in einem angstfreien Ambiente zu Hause", sagt Fitzek.

Er werde häufig von seinen Lesern gefragt, ob man eine Macke haben müsse, um so brutale Psychothriller schreiben zu können. "Ich frage dann immer zurück: Wie groß ist denn eure Macke? Für Mord und Totschlag gebt ihr sogar Geld aus." Etwa 80 Prozent seiner Leserschaft sind weiblich, schätzt Fitzek. "Je härter, desto Frau" – das war der erste Satz, den er beim Verlag Droemer von seiner Lektorin gehört habe. "Es sind Frauen, die mir schreiben, beim Blutzoll könnte ich noch mal 'ne Schippe drauflegen."

Dichtung und Wahrheit: Etwa 3500 Krimititel sind 2016 auf den deutschen Markt gekommen

Dichtung und Wahrheit: Etwa 3500 Krimititel sind 2016 auf den deutschen Markt gekommen – ein Vielfaches der jährlich etwa 300 real begangenen Morde


Warum sind ausgerechnet die Frauen so blutdurstig? Die Bonner Psychotherapeutin und Neurologin Sabine Schwachula hat darauf eine Antwort: "Wir neigen eher dazu, unsere Ängste psychisch zu verarbeiten. Wir gehen schneller mal zur Therapie – oder lesen Krimis, um uns zwischen Buchdeckeln mit unserer Wut auseinanderzusetzen."

Schwachula, die dabei half, den Psychosozialen Dienst des Auswärtigen Amtes in Bonn aufzubauen, hat mit Kriegsheimkehrern und anderen traumatisierten Seelen gearbeitet. Ihrer Erfahrung nach leiden Frauen häufiger unter posttraumatischen Störungen, während Männer ihre Ängste und Aggressionen eher aktiv und körperlich verarbeiten oder sie verdrängen. "Sie gehen zum Drachenfliegen oder landen mit Herzbeschwerden beim Hausarzt. Sie benehmen sich eher dissozial, sie rutschen in den Alkoholmissbrauch oder die Kriminalität. Bei Morden liegen die Männer weit vorn."

In unseren Fantasiewelten herrscht ein großes Morden

Gewalt und Verbrechen sind tatsächlich männlich. Etwa neun von zehn Morden werden von Männern verübt, im Fall von Körperverletzung ist der Anteil der männlichen Täter kaum geringer. Männer machen, Frauen lesen drüber. Das passt zum letzten Schrei auf dem Buchmarkt: der "Home Crime"- Story. Nach den Welterfolgen von Paula Hawkins' "Girl on the Train" und Gillian Flynns "Gone Girl" laufen Psychothriller gut, in denen Frauen Gefahr im eigenen Heim droht, vom Ehemann etwa oder vom Liebhaber. Häusliche Gewalt ist immerhin realitätsnah im Sinne der Kriminalstatistik: Das Gros der wahren Mörder rekrutiert sich aus dem Umkreis des Opfers. Schwachula schätzt den wohligen Schauer beim Lesen und rät allen, die den Begriff der Angstlust verstehen wollen, auf die Kirmes zu gehen: "Kreischende Mädchen in der Achterbahn."

Inmitten von Krisen und Kriegen erlebt Deutschland eine der friedlichsten Epochen seiner Geschichte, aber in unseren Fantasiewelten herrscht ein großes Morden. Geht's uns tatsächlich zu gut? Müssen wir, damit uns im gewaltlosen Alltag nicht fad wird, künstlich Angstgefühle stimulieren?

"Um Marotten und Krankheiten wie die Magersucht zu entwickeln, braucht es eine Überflussgesellschaft", vermutet Sabine Schwachula. "Um die Welt mit Krimis zu füllen, braucht es Muße und Sicherheit. Ich glaube nicht, dass in Syrien derzeit auch nur ein einziger Mensch Krimis liest."

Sascha Arango spaziert über das Feld hinter seinem sanierten Bauernhof im brandenburgischen Tremsdorf, vorbei an Pferdekoppeln, durch hüfthohes Gras und über kleine Lichtungen mit Maulwurfsgrabungen, die er samt Bewohnern "mit Kralle und Patrone" plattgemacht hat.

Arango ist Drehbuchautor der Kieler "Tatort"-Folgen mit Axel Milberg und wurde mehrfach mit dem Grimme-Preis für besonders gutes Fernsehen ausgezeichnet; er gilt als einer der besten Geschichtenerzähler des deutschen Fernsehens. "Die Kriminalliteratur hat vom Fernsehen profitiert", sagt er. "Krimis sind durch den ‚Tatort' hoffähig geworden. Das ist meine Vermutung." Der Erfolg des Krimis steckt für ihn "in der Faszination der Gewalt, die wir nicht selber ausüben können. Wir gehen ins Kino und Theater, um zu sehen, wie Menschen gemartert, geköpft, gepfählt werden. Wir lieben diese Verbrechen, weil ein anderer sie an unserer Stelle begeht."

Der 1959 in Berlin geborene Halbkolumbianer empfiehlt, wir alle sollten ein geheimes Tagebuch unserer – sei es aus Feigheit, Faulheit oder Müdigkeit – nicht begangenen Verbrechen schreiben. Seien wir doch mal ehrlich, sagt er: "Wie viele Verbrechen hätten wir begangen, wenn wir nicht die Strafe fürchten würden?" Und außerdem: "Welche andere Nation unterhält sich sonntags mit der ganzen Familie so gerne bei Mord und Totschlag? Wo, bitte, gibt's das sonst?"

Auf sämtlichen deutschen Sendern werkeln Sokos und Cobras und Polizeirufe, an Sonntagen sehen bis zu 13 Millionen Menschen den "Tatort". Es gibt Sherlock-Serien, Urbino- und Tel-Aviv-Krimis, Amazon Prime produziert eine Thriller-Serie mit Matthias Schweighöfer extra für den deutschen Markt. "Gaffen ist der Marketingpfeiler der Unterhaltungsindustrie", sagt Arango. "Seinen Voyeurismus, seine Lust an der Gewalt hinter einem Aquarium-dicken Glas auszuleben scheint ein elementares menschliches Bedürfnis zu sein."

Krimis sind längst salonfähig

Niemand bedient dieses Bedürfnis erfolgreicher als Charlotte Link: Mit mehr als 26 Millionen verkauften Büchern zählt sie zu den erfolgreichsten Romanautorinnen der Nation. Die 53-Jährige sitzt auf der Restaurantterrasse vom "Nassauer Hof" in Wiesbaden und blickt auf Kaskadenbrunnen und Kurhauskolonnaden – und einige Jahre zurück: "Henning Mankell war derjenige, der den Krimi in den Neunzigern salonfähig gemacht hat. Vorher galten die in Deutschland als nicht so richtig stubenrein, definitiv nicht als Literatur. Ich selbst bin manchmal in der Versuchung zu sagen: Es ist ja nur ein Krimi. Das habe ich so gelernt."

Link begann als Autorin von historischen Gesellschaftsromanen. Als sie 1997 den Krimi "Das Haus der Schwestern" schrieb, mischte sie ein paar historische Anteile ein – "um den Verlag zu beruhigen" . Es war ihr erster Krimi-Bestseller.

Charlotte Link vor der Frankfurter Skyline

Früher Historie, heute Mord: Die gebürtige Frankfurterin Charlotte Link hat den deutschen Krimi salonfähig gemacht. Gesamtauflage: rund 26 Millionen.


Heute gehört Link, die am Stadtrand von Wiesbaden wohnt, zu jenen etwa 100 deutschsprachigen Autoren, die problemlos von ihrer Schreibkunst leben können. Längst hat sich auch das Feuilleton in die Niederungen des scheinbar trivialen Genres herabgelassen, wenn auch zähneknirschend, wie Link sagt: "Die Kritiker können den größten Teil des Publikums ja nicht einfach für blöd erklären."

Die Faszination des Krimis sei leicht erklärt. "Nie kommt man Menschen näher als in Ausnahmesituationen. Das Bild der Stärke, das wir der Welt von uns zu geben versuchen, wird erschüttert. Gute Krimis schildern solche Momente. Sie schaffen es, dass ich mir vorstellen kann, wie es sich anfühlen würde, auf diese Art verletzt zu werden."

In Links Krimis wird mitunter sadistisch gefoltert und bestialisch gemordet. In ihrem echten Leben wurde sie in diesen Sommer zum ersten Mal mit einem Verbrechen konfrontiert: Einbruch in das Ferienhaus in Südfrankreich. "Laut Polizei waren das die Kinder reicher Pariser Familien, die an der Küste entlang in Häuser einsteigen, um ein paar Tage dort zu wohnen, weil sie einen Kick suchen. Unsere Fensterläden waren aufgebrochen, die Scheiben eingeschlagen. Ein Täter hatte sich geschnitten, und der Raum schwamm im Blut. Ich kam mir vor wie der Tatortreiniger."


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