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"Heute wäre er natürlich ein Blogger"

Kaum einem anderen deutschen Literaten werden fälschlicherweise so viele Zitate zugeschrieben wie Kurt Tucholsky. Dabei besitzen schon seine echten Sprüche jede Menge Sprengkraft.

  Kurt Tucholsky gilt als einer der wichtigsten Journalisten während der Zeit der Weimarer Republik

Kurt Tucholsky gilt als einer der wichtigsten Journalisten während der Zeit der Weimarer Republik

Kurt Tucholsky ist populär auf Twitter. Seine prägnanten Aussprüche eignen sich gut für den Kurznachrichtendienst und andere soziale Netzwerke. Zum Beispiel: "Das Gegenteil von gut ist gut gemeint." Oder: "Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein." Und erst recht: "Wenn Wahlen etwas änderten, wären sie längst verboten." Das Dumme ist nur: Alle diese Zitate sind nicht von Tucholsky. Sie werden ihm fälschlich zugeschrieben.

Immerhin: Es sagt ja auch etwas über Relevanz aus, wenn man meint, dass Tucholsky alle möglichen Sachen gesagt haben könnte. "Es spricht für seine Autorität als Aphoristiker", sagt Peter Böthig, Leiter des Tucholsky-Museums in Rheinsberg in Brandenburg. Vergessen ist er jedenfalls nicht, der Journalist, der am 9. Januar vor 125 Jahren in Berlin geboren wurde.

Und einige Sprüche, die man von Tucholsky kennt, hat er auch wirklich gesagt. Der bekannteste ist zugleich der umstrittenste: "Soldaten sind Mörder." Und fast immer, wenn eine Satire als zu scharf angegriffen wird, verteidigen sich die Macher mit dem Spruch: "Was darf die Satire? Alles!" Auch von Tucholsky.

Die kritische Stimme der ersten deutschen Demokratie

Er ist also weiter relevant. 2013 erschien sogar ein umfangreicher Band auf Englisch: "Berlin! Berlin! Dispatches from the Weimar Republic". Tucholskys Texte erschließen sich einfacher als die vieler seiner Zeitgenossen. Und er schreibt witzig - was man nicht gerade von vielen deutschen Literaten behaupten kann. Manche Sachen könnte man jederzeit auf die Comedy-Bühne bringen, zum Beispiel "Ein Ehepaar erzählt einen Witz". Schade nur, dass Tucholskys Stimme unbekannt ist: Keine einzige Tonaufnahme hat sich erhalten, ebenso wenig wie eine Filmsequenz.

Der Journalist Friedhelm Greis, Autor des Tucholsky-Blogs sudelblog.de, ist überzeugt: "Heute wäre er natürlich ein Blogger." Denn der Mann schrieb unglaublich viel und hatte fast zu jedem Thema eine Meinung. Damit es nicht so auffiel, schrieb er unter mehreren Pseudonymen: Wenn er einen scharfen politischen Kommentar los werden wollte, meldete er sich als Ignaz Wrobel zu Wort, den er sich als bebrillten, blaurasierten Kerl mit Buckel vorstellte. Für kleine Begebenheiten des Alltags war Peter Panter zuständig, klein und dick wie er selbst. Theobald Tiger wiederum machte Verse, auch für Schlager. "Ich mag uns gern", schrieb Tucholsky über diese Truppe. "Pseudonyme sind wie kleine Menschen."

Der studierte Jurist begleitete die erste deutsche Demokratie von ihrer Gründung am Ende des Ersten Weltkriegs bis zu ihrem Untergang durch Hitlers Machtübernahme. Die zweite deutsche Demokratie hätte er gut noch erleben können - aber er starb schon 1935 mit nur 45 Jahren an einer Überdosis Tabletten. Ob es Selbstmord war, ist unklar.

Beunrigendes Selbstverständnis

Wenn man seine Artikel liest, fragt man sich unwillkürlich, was er zur heutigen Berliner Republik sagen würde. Sicherlich würde er es als Genugtuung empfinden, dass sich auf deutschem Boden eine stabile Demokratie entwickelt hat. Aber er wäre nicht Tucholsky, wenn er sich zufrieden zurücklehnen würde. "Politik kann man in diesem Lande definieren als die Durchsetzung wirtschaftlicher Zwecke mit Hilfe der Gesetzgebung" kritisierte er 1919, aber es würde auch heute noch gelegentlich passen.

Vielleicht würde es ihn beunruhigen, dass viele Bürger die Demokratie und den Frieden als etwas Selbstverständliches hinnehmen: "Die Gleichgültigkeit so vieler Menschen beruht auf ihrem Mangel an Phantasie", schrieb er in seinem Roman "Schloss Gripsholm" (1931). Museumsleiter Böthig fallen spontan zwei Sachen ein, zu denen er sich Tucholsky-Satiren vorstellen könnte: Brüsseler Bürokratie und Castingshows.

Die heutigen Tucholsky-Fans fasziniert vor allem seine Formulierungskunst. Böthig: "Das hör' ich immer wieder von unseren Besuchern: 'Diese Sätze kann man sich an die Wand schreiben.'" Bevor man sie in Stein meißelt, sollte man vielleicht nur eben checken, ob sie auch wirklich von ihm sind.

Christoph Driessen, DPA/DPA
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