24. März 2004, 09:59 Uhr

Vom Sockel geholt, ans Herz gewachsen

Das Buch über ihren Vater, den Weiberhelden, Wehrmachtsoffizier und gehenkten Widerständler, ist ein Bestseller. Jetzt kehrte Wibke Bruhns an ihren Geburtsort Halberstadt zurück, las vor und stellte sich der Kritik von Verwandten.

40 Jahre lang hat sich die ehemalige stern-Korrespondentin Wibke Bruhns die Geschichte ihres Vaters, Wehrmachtsoffizier, Weiberheld und gehenkter Widerständler, vom "Halse gehalten." Zu Hause war er eine "sorgfälig, umschiffte Schmerzzone"©

Die Fahrt ins Ich beginnt hinter einer Wurstbude, die "Feldküche" heißt. Sie steht an der B 81, in einer scharfen Kurve hinter Kroppenstedt, und irgendwie passt der Name gut in die Landschaft. Feldküche. Als sei der Krieg nie zu Ende gegangen. Noch 15 Kilometer bis Halberstadt in Sachsen-Anhalt; Wibke Bruhns, 65, zieht eine Marlboro aus ihrem Silberetui, zündet sie mit einem goldenen Feuerzeug an und schaut hinaus auf die vorbeifliegenden Scheußlichkeiten. Plattenbauten, ein gelbes "Fuck you" gesprüht auf bröckelnden Rauputz, Baumärkte. Irgendwelche Emotionen, wenn sie sich der Heimatstadt nähert? "Nöö", sagt Bruhns und zieht tief an der Zigarette. Sie war sechs, als US-Bomber im April 1945 die schmucke Altstadt in Schutt und Asche legten, in der sie aufwuchs.

Bruhns kurvt durchs geschundene Zentrum und parkt ihren kleinen roten Flitzer vor dem Elternhaus. Der trutzige 33-Zimmer-Bau aus grauem Sandstein hat die Bomben und die Russen, sogar den realen Sozialismus überstanden. Heute ist es ein plüschiges Vier-Sterne-Hotel mit Haustöchtern, die in Tracht servieren. Damals war es ein Statussymbol, gebaut von einem Stararchitekten der Kaiserzeit.

Der Filmemacher Alexander Kluge war 13, als sein Elternhaus im Halberstädter Bombenhagel getroffen wurde. Seine größte Sorge war damals, er könnte zu spät zur Klavierstunde kommen. Der wahre Schock saß so tief, dass er erst viele Jahre später an die Oberfläche drang. Bei Wibke Bruhns, die am Bismarckplatz schräg gegenüber wohnte, dauerte es noch länger, bis sie es wagte, der "Metapher Halberstadt" - der Geschichte ihrer Familie und ihrer furchtbar zerbrochenen Welt - in die Augen zu schauen. Ihre ersten sechs Jahre sind "unter den Trümmern verschüttet", an den Vater Hans Georg Klamroth, den sie sich mit dem Kürzel HG vom Leib hält, kann sie sich nicht erinnern. Auch eine jahrelange Psychoanalyse hat kein Bild von ihm ausgraben können. Weil immer Krieg war, kam der Offizier nur selten nach Hause, alte Fotos zeigen ein blondes Mädchen an der Hand eines schlanken Mannes im hochgeknöpften Wehrmachtsmantel.

Wie wächst man auf, wenn der Vater nackt an einem Eisenhaken im Gefängnis Plötzensee aufgehängt und langsam zu Tode gewürgt wird, weil er vom Attentat gegen Hitler wusste? Wie wächst man auf in einem Haus, in dem die ältere Schwester Ursula ein Kind bekommt, während ihr Mann Bernhard gehenkt wird, weil er für Graf Stauffenberg den Sprengstoff besorgt hat?

40 Jahre lang hat sich die ehemalige stern-Korrespondentin Wibke Bruhns diese Geschichten "vom Hals gehalten". Sie wollte "nichts wissen", denn zu Hause war der Vater nur eine "sorgfältig umschiffte Schmerzzone", über die man schwieg oder weinte. Und draußen im Land war er auch "kein Mensch, sondern eine Lichtgestalt", deren Name auf Mahnmalen stand. Einer von diesen wenigen Helden, auf die man im kaputten Deutschland stolz sein konnte. Oder doch nicht? Als die 14-Jährige aus einem Internat flog, rief ihr Direktor Erwin Schmidt - noch 1953! - hinterher: "Kein Wunder, dass du solch einen schlechten Charakter hast, dein Vater war ein Hochverräter."

Nun ist sie nach Halberstadt gekommen, weil das Fernsehen nach dem Erfolg ihres Buches sie im Elternhaus filmen will. Lächelnd nimmt sie Platz am "scheußlichen Kamin", genau dort, wo sie 1942, zu Großvaters Geburtstag, den sperrigen Spruch hersagen musste, den er selbst gedichtet hatte und unter dem Familienwappen einmeißeln ließ: "Warmer Herd, Harm er wehrt." Selten lag jemand so daneben wie Großvater Kurt. Sein Haus hat mehr Tragödien erlebt, als eine Familie aushalten kann. Der Untergang der einstmals wohlhabenden Saatgut-und-Düngemitteldynastie Klamroth aus Halberstadt ist auch die Geschichte der deutschen Katastrophe im vergangenen Jahrhundert.

Buch

Buch Mit 5.000 verkauften Büchern hatte die Autorin gerechnet, jetzt sind es schon über 50.000

Wibke Bruhns, "Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie", 400 Seiten, Econ, 22 Euro

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