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21. März 2007, 10:54 Uhr

Oberpfälzer Hausfrau wird zur Starautorin

Überraschungserfolg für den Kleinverlag "Edition Nautilius": "Tannöd", der Krimi der bisher völlig unbekannten oberpfälzischen Hausfrau Andrea Maria Schenkel kletterte überraschend an die Spitze der Bestsellerlisten - und soll demnächst auch verfilmt werden.

Andrea Maria Schenkel mit ihrem Bestseller© DPA

Der Sechsfach-Mord in Hinterkaifeck von 1922 gilt noch heute als eines der rätselhaftesten deutschen Verbrechen. Trotz jahrzehntelanger Ermittlungen wurde der Kriminalfall auf einem oberbayerischen Einödhof nie aufgeklärt. Wenigstens in der literarischen Fiktion des Romans "Tannöd" wurden nun mehr als 80 Jahre später die Hintergründe und der brutale Mörder bekannt. Mit ihrem Debüt landete die Oberpfälzer Hausfrau Andrea Maria Schenkel aus Nittendorf bei Regensburg einen Überraschungserfolg. Der schmale Band eroberte Platz Eins der "Spiegel"-Bestsellerliste, gewann den Deutschen Krimi-Preis 2007, ist nominiert für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis und soll auch noch verfilmt werden.

"Ich wollte eigentlich immer schon schreiben. Ich hatte auch oft Ideen, aber mich nie getraut", sagt die dreifache Mutter, die vor ihrem Bestseller keine Zeile veröffentlicht hat. Erst als ihr vor drei Jahren ein Zeitungsartikel über den Hinterkaifeck-Mord in die Hände fiel, machte sie aus ihren Plänen Ernst. Wenn die Kinder und ihr Ehemann in der Nacht schliefen, erfand die quirlige 44-Jährige die tragischen Figuren von "Tannöd".

Schenkel verlegte die mysteriöse Geschichte in die Oberpfalz der 50er Jahre. Sie schilderte die Lebensgeschichten der späteren Mordopfer und die Ansichten der anderen Dorf-Bewohner zu dem tragischen Fall. Mit dem Patchwork verschiedener Stimmen aus einer ärmlich-bigotten Landregion wird der dicht und lakonisch erzählte Krimi so auch zu einem Mentalitäten-Porträt. Immer wieder flocht Schenkel lange, monotone Gebete in den fesselnden Roman, die die bedrückende Stimmung "Tannöds" noch verstärken. "Die habe ich in einem alten Gebetbuch von meiner Großtante aus dem Jahr 1922 gefunden", erzählt sie.

"Keine sensible Starautorin"

Zunächst wollte kein Verlag das heute von Kritik und Publikum geschätzte Werk ins Programm aufnehmen. "Ich habe ein halbes Jahr gesucht", erinnert sich Schenkel. Schließlich griff der Hamburger Kleinverlag Edition Nautilus zu und traf damit ins Schwarze. "Das Buch ist für uns wie eine Goldmine", sagt Verlagsleiter Lutz Schulenburg. Mehr als 100.000 Exemplare der beklemmenden Story sind bereits verkauft. Zudem sei Schenkel keine der "schwierigen, sensiblen Künstlernaturen", wie es sie öfter gebe. Der Verlag könne sehr gut mit ihr zusammenarbeiten.

"Tannöd" saniert Hamburger Kleinverlag

Tatsächlich ist die Autorin trotz des literarischen Ruhms auch bodenständige Hausfrau, Mutter und Arztgattin geblieben. Die frühere Postbeamtin hilft zwar nicht mehr regelmäßig in der Praxis mit, kümmert sich aber immer noch um die Steuer für ihren Mann, der als Hals-Nasen-Ohren-Arzt arbeitet. Gerne erzählt sie auch von ihren Kindern, der acht Jahre alten Linda, dem elf Jahre alten Toni und dem bald 15-jährigen Felix. Der steckt mitten in der Pubertät und sei manchmal so, dass man ihn am liebsten "einfrieren" würde.

Dabei war der Teenager als erster Kritiker und Lektor maßgeblich an "Tannöd" beteiligt. "Ich habe ihm das Buch immer wieder vorgelesen. Ich muss hören, ob sich ein Text flüssig oder holprig anhört", sagt Schenkel. Beim zweiten Werk, das Schenkel gerade fertig geschrieben hat, mochte ihr Sohn allerdings nicht mehr mitmachen. "Das ist ihm zu brutal, da musste sich jetzt mein Mann immer wieder die gleichen Stellen anhören."

Basierend auf einer wahren Geschichte

Auch Schenkels neues Werk basiert auf einer wahren Geschichte und spielt wieder in Bayern, dieses Mal in München. Im August soll es erscheinen. Für den Roman mit dem Arbeitstitel "Hingerichtet" leistete sie sich eine dreiwöchige Familien-Auszeit. Im Südwesten Irlands schuf sie in einer einsamen Mini-Ferienwohnung das komplette Handlungsgerüst. "Die meiste Zeit bin ich mit dem Laptop im Bett gesessen, neben mir ein Tablett mit Tee und Toast", erinnert sich Schenkel begeistert an den intensiven Schreibprozess.

Den Tipp für die Geschichte gab der Autorin ihr eigener Ehemann Ralph. Der Mediziner unterstützt die Karriere seiner Frau auch zu Hause, der 47-Jährige kocht, wäscht, kümmert sich um die Kinder. "Früher fühlte sich keiner außer mir verantwortlich, jetzt ist es im Haushalt wirklich halbe-halbe", sagt Schenkel. Als sie wegen häufiger Pressetermine und Lesungen nicht mehr jede Mahlzeit für die Familie zubereiten konnte, entdeckte ihr Gatte seine Leidenschaft fürs Kochen. "Das ist auch eine Bereicherung. Das hätte er ohne das Buch wahrscheinlich nicht gemacht."

Silke Droll/DPA
 
 
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