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"Ich habe mir verziehen"

Margarete Mitscherlich, First Lady der deutschen Psychoanalyse, ist 90 Jahre alt geworden. Kein Grund, sie zu bedauern. Die Dame ist hellwach, leidlich gesund und noch immer berufstätig. Auf stern.de spricht sie über Eifersucht, Seitensprünge, Luxus-Kosmetika und die Deutschen.

Von Gerda-Marie Schönfeld

Sie gehört nicht zu den Frauen, die fröhlich behaupten, alt werden sei schön. Im Gegenteil. Wenn sie gefragt wird, was sie am Alter schätze, sagt sie bündig: Nichts. Oder ob sie Angst vor dem Sterben habe: Natürlich. Das ist erfrischend, weil alle Greise in der Werbung uns ständig weismachen wollen, es gäbe nichts Schöneres als Harley brettern mit achtzig. Der einzige Vorteil des Alters ist eine gewisse Nachsicht: "Ich empfand immer Lust daran, mir Vorwürfe zu machen, mich vor mir selbst als besonders erbärmlich darzustellen, und es gab viele Dinge, die ich mir übel genommen habe. All diese blödsinnigen Schuldgefühle habe ich nicht mehr. Ich habe mir alle meine Fehler verziehen."

Bis heute behandelt die 90-Jährige Patienten in ihrer Sprechstunde im Frankfurter Sigmund-Freud-Institut. Wer sie trifft, begegnet einer hübsch geschminkten, adretten alten Dame, die deutlich Wert auf ihre Kleidung legt. Für die Feministin Mitscherlich war Make-up und Emanzipation nie ein Widerspruch. Sie liebt teure Cremes, obwohl Alexander Mitscherlich immer sagte: "Nivea tut's doch auch". Damit hatte der verstorbene Gatte übrigens Recht, denn bei der Stiftung Warentest kommt Nivea stets besser weg als die Luxustiegelchen. Das soll jetzt der Jubilarin aber nicht den Spass verderben.

Auch hat die Feministin Mitscherlich lieber in gemischten Teams als nur mit Frauen gearbeitet, "weil Frauen dazu neigen, jede Kränkung so furchtbar ernst und persönlich zu nehmen. Frauen müssen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen." Das hörten die Feministinnen damals nicht so gern, und so kommt es, dass ihre Freundin Alice Schwarzer über sie sagt, sie habe sich nicht nur in diesem Fall "mit Schwung zwischen alle Stühle gesetzt".

"Ich war keine Heldin"

1917 wurde Margarete Nielsen in Gravenstein, das ab 1920 zu Dänemark gehörte, geboren. Der dänische Vater war Arzt, die deutsche Mutter war Lehrerin. Tochter Margarete, die ihre Mutter sehr liebte, entschloss sich zu einem Studium in Deutschland, in München und Heidelberg. Das war mitten in der NS-Zeit, und die Studentin Margarete, die das Nazi-System verachtete, macht sich aber nichts vor. "Ich war nicht mutig genug zum Widerstand im Dritten Reich. Ich war nicht bereit, meinen Kopf auf den Hackstock zu legen. Ich war gewiss keine Heldin. Auch das habe ich mir heute verziehen".

Als sie 1960 gemeinsam mit ihrem Mann, dem Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, das Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt gründete, kam das einer Revolution gleich: Die von den Nazis als jüdisch verfemte Psychoanalyse kehrte zurück nach Deutschland. Sieben Jahre später legte das Ehepaar Mitscherlich ein Buch vor, dass zum Bestseller wurde und heute längst ein Klassiker ist: "Die Unfähigkeit zu trauern". Die These: Ohne eine wirkliche Trauer über das Millionenverbrechen des Dritten Reiches kann eine Gesellschaft nicht gesunden. Und da die Deutschen nicht fähig sind, sich einer befreienden Aufarbeitung ihrer Geschichte zu stellen, bleiben sie gefangen in Selbsthass und Selbstmitleid. Heute hat sie Verständnis dafür, dass ein Volk "angesichts dieser furchtbaren Schuld nichts anderes tun konnte als sich erstmal taub, blind und stumm zu stellen."

Ihr Ehemann war ihr einziger One-Night-Stand

In dem jüngst erschienenen Buch "Eine unbeugsame Frau" (Diana-Verlag) haben die beiden Autorinnen Kathrin Tsainis und Monika Held fünf Tage mit Margarete Mitscherlich in Frankfurt verbracht und ein wunderbares Porträt einer Frau vorgestellt, die immer eine Realistin war, handfest und bodenständig. Und romantisch. Als sie 1947 Alexander Mitscherlich kennenlernte, "ein Mann, groß, schlank, sauber und appetitlich", hat die sehr hübsche langhaarige Margarete keine Sekunde darüber nachgedacht, dass das appetitliche Exemplar zum zweiten Mal verheiratet war und fünf Kinder hatte. Es war zwei Jahre nach dem Krieg, "und es war mein erster One-Night-Stand". Dabei blieb es nicht, sie bekamen einen Sohn und heirateten 1955. Er war ganz entschieden ihre erste große Liebe. Die einzige ernsthafte - und keusche - Liebschaft, die sie vorher hatte, war ein Verehrer, der romantischerweise von einem Krokodil im Nil gefressen wurde und den sie deshalb nie vergessen hat.

Und Mitscherlich? Ein attraktiver, kluger, berühmter Mann, der schöne Frauen schätzte, was zur Folge hatte, dass Margarete rasend eifersüchtig war. Dann fand sie sich scheußlich, sie fand sich unwürdig. "Aber ich war eifersüchtig, verdammt noch mal." Eine Affäre, die länger als eine Nacht gedauert hätte, hätte sie ihm kaum verziehen. Überhaupt: "Ich bedaure, dass ich mir nicht von Zeit zu Zeit einen Seitensprung gegönnt habe. Das sollte man ruhig tun, und man sollte es dem anderen nicht erzählen. Ich war dazu leider zu moralisch erzogen." Auch das hat sie sich verziehen, die Eifersucht, die hinderliche Moral, die verpassten Gelegenheiten. Sie blieben 35 Jahre zusammen. Alexander Mitscherlich starb 1982, und wenn sie zurückblickt, dann in Liebe:" Wir hatten ein gutes Leben. Wir hatten die Gewissheit, dass wir einander nie verlassen würden".

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