Schon früh hatte sich Marlon Brando den Ruf eines unbeugsamen Freibeuters erspielt. Mit 55 heckte er einen Piratenroman aus - ein Angebot, das wir nicht ablehnen können. Von Stephan Maus

Die wohltuende Wirkung der Seeluft: Am Strand verwandelte sich der Rebell Brando (1922-2004) in einen übermütigen Clown© Bert Reisfeld/DPA
Marlon Brando las keine Romane. Nie. Das hinderte ihn nicht daran, einen zu schreiben. Und was für einen. Ende der Siebziger hatte der Wilde schon ziemlich die Faxen dicke von Produzenten, Regisseuren und Glamour - aber am meisten von sich selbst. Bei den Dreharbeiten zu "Meuterei auf der Bounty" war er dem Charme der Südsee erlegen und zog sich seitdem oft auf sein Atoll Tetiaroa zurück, das er für 99 Jahre gepachtet hatte. 99 Jahre Ruhe. Hier wollte er eine Künstlerkolonie errichten, eine Hummerfarm und ein Hotel. Doch das Projekt scheiterte an den Kosten. Am besten war Brando immer im Scheitern.
Aber zu irgendetwas musste die Südsee vor der Haustür doch gut ein. Zu einer Piratengeschichte, wozu sonst! Freibeuter schienen Brandos Fantasie noch am ehesten zu stimulieren. Der eiscremesüchtige Rebell hatte immer davon geträumt, alles selbst in die Hand nehmen: Drehbuch, Produktion, Regie und Hauptrolle. Jetzt wollte er das Oberkommando über eine Piratenposse übernehmen. Brando schlug die Idee dem schottischen Bohemien und Drehbuchautor Donald Cammell vor. Als Spross einer Schiffbauerfamilie war Cammell prädestiniert für maritime Abenteuer. Sein Vater hatte das riesige Familienvermögen verspekuliert. Der Sohn kannte sich also aus mit dem Verprassen von Seemannsschätzen.
Außerdem hatte er 1970 mit "Performance" einen psychedelischen Experimentalfilm mit Mick Jagger in der Hauptrolle gedreht, in dem die Kamera für einen Moment die Perspektive einer fliegenden Pistolenkugel einnimmt. Dieser Exzentriker schien genau der Richtige, um sich einer Piratengeschichte mit dem nötigen Wahnsinn zu nähern. Cammell war begeistert und flog auf Brandos Privatatoll. Mit dabei: Cammells Frau China Kong. Zwei Hallodris und eine schöne Asiatin: beste Voraussetzung für pikante Piratenabenteuer.
Acht Monate lang sponnen die Männer 1979 ihr Seemannsgarn, das erst zu einem Drehbuch, dann zu einem Roman verwoben werden sollte. Auch als Romancier machte Brando, was er am besten konnte: Der Meister des Method Acting schlüpfte in unterschiedliche Rollen, improvisierte und ließ seinen Obsessionen freien Lauf. Cammell schrieb mit. Die Jungs hatten großen Spaß, wie aus China Kongs Berichten hervorgeht: "Sie schrieben jeden Tag: Sie sprachen und spielten die Szenen, machten Aufnahmen, hauchten den Figuren Leben ein. Es war wirklich lustig anzusehen, wie die beiden auf der privaten Landebahn der Insel auf und ab gingen: Der eine Umriss schmächtig, der andere ein bisschen kräftiger. Marlon trug ein zerfetztes weißes T-Shirt à la "Endstation Sehnsucht", Donald den Panamahut - sein Markenzeichen. Selten hatte ich Marlon in so guter Stimmung erlebt."
Und so ist "Madame Lai" ein ausgelassener Bubenstreich geworden: März 1927. In China tobt der Bürgerkrieg. Der schottisch-amerikanische Kapitän Annie Doultry hockt wegen illegalen Waffenhandels im Knast von Hongkong. Doultry ist ein naturgetreues Brando-Double: ein flatterhafter Geist mit gebrochener Nase und einer Vorliebe für asiatische Frauen. Der Zeitvertreib des verfettenden, sanften Machos: Kakerlakenwettrennen.