Martin Walser hält sich für harmoniesüchtig. Doch der alte Mann vom Bodensee sorgte für den Literaturkrach des Jahres - mit gerade mal 218 Seiten, dem Roman "Tod eines Kritikers".

Martin Walser© dpa
Von Arno Luik
Herr Walser, es war doch ein Drecksjahr für Sie.
Nein, nicht ein Drecksjahr. Überhaupt Dreck. Von all meinen Jahren war es das grellste. Was habe ich getan? Ununterbrochen habe ich mich gerechtfertigt wie ein Angeklagter. Wie ein Verurteilter.
Tausende von Seiten erschienen über Sie allein in der überregionalen Presse - ich hab's nachgewogen: insgesamt 3,4 Kilogramm.
Na und? Und wenn es so gewesen ist, soll ich danke schön sagen? Wie soll ich das bewerten? Dass ich so auffalle, ist schrecklich. Ich bin kein Provokateur, ich bin harmoniesüchtig.
Ihr Buch "Der Tod eines Kritikers", Ihre Abrechnung mit Marcel Reich-Ranicki...
Es ist keine Abrechnung.
... löste eine außergewöhnliche Aufregung aus: In den Tagen, als zwischen Pakistan und Indien ein Atomkrieg drohte, machten die "Tagesthemen" mit Ihrem Werk auf, das noch gar nicht erschienen war.
Das - und alles andere in diesem Jahr - folgte aus der Verurteilung durch die "Frankfurter Allgemeine", in der Frank Schirrmacher das Buch in einem hohen Dringlichkeitston nicht nur mit dem Verdacht, sondern mit dem Urteil belegt hat, es sei antisemitisch.
Schirrmacher, dem Sie den Roman zum Vorabdruck angeboten hatten, nannte ihn außerdem "ein Dokument des Hasses" und...
...darauf muss ich nicht reagieren, Schirrmacher ist eine Gefühlsniete, was mich betrifft, wenn er glaubt, ich könnte aus Hass schreiben. Das kann ich nicht. Ich schreibe nur über Leute, die ich liebe. Und "Der Tod eines Kritikers" ist eine unglücklich verlaufende Liebesgeschichte.
Für Schirrmacher ist es "eine Exekution", "eine Mordphantasie" an Marcel Reich-Ranicki.
Wenn jetzt das ganze Jahr so abgelaufen wäre, dass die grellen Inszenierungen von Herrn Schirrmacher und das noch grellere Nachgeplapper von Frau Schmitter im "Spiegel" allgemein geworden wären, dann hätte ich ... ich hätte das nicht mehr ausgehalten.
Wie? Sie dachten ans Auswandern?
Stellen Sie sich doch mal vor, wenn alle gesagt hätten: Walser - er ist ein Antisemit, ein Antisemit! Dann wäre das doch für mich die perfekte Verunmöglichung des Daseins in diesem Land gewesen. Dieser Vorwurf kommt einer Ächtung gleich. So etwas hätte ich nie aushalten können. So etwas würde kein Mensch aushalten! Wenn das geglückt wäre, wäre ich weg. Die wahre Beschädigung des Jahres 2002, das Schlimmste für mich ist, dass ich mich habe hineintreiben lassen in die sinnlose Selbstverteidigung. Dieses Andauernd-sich-Rechtfertigen - grauenhaft!
Sagen Sie mal, Sie geben Ihr Buchmanuskript an die "FAZ" zum Vorabdruck, und am 29. Mai fallen Sie vom Hocker, weil es dort in einem offenen Brief...
Er durfte das nicht! Es ist ein Bruch von Brauch und Gesetz. Man könnte ihn haftbar machen, aber ich kann das nicht.
...weil es in diesem Brief heißt: Mordaufruf. Antisemitisch. Undruckbar. Wie war das für Sie?
Da hat die deutsche Sprache ein fabelhaftes Wort, das man nicht überbieten kann: fassungslos! Du bist fassungslos, weil du es nicht verstehst. Es ist schwer für mich, jetzt darüber zu reden. Wenn ich das jetzt öffne? Ich wurde in den Tagen vorher ja immer wieder von der "FAZ" angerufen, bis zum 27. Mai war ich von der "FAZ im Glauben gehalten: Es klappt. Und keiner hatte in dem Text Antisemitisches entdeckt, so wenig wie mein Verleger Siegfried Unseld.
Er soll ja gesagt haben: "Ein Meisterwerk!"
Nicht: Er soll gesagt haben. Er hat zu mir am 7. April am Telefon gesagt: "Ein Meisterstück. Ein Meisterstück." Und was ganz wichtig ist, er sagte auch: "Wir werden das machen, in die Vorschau nehmen, es in unserer Weise anbieten."
Ihr inzwischen verstorbener Verleger Siegfried Unseld war schwer krank, als...
Wenn er jeden Tag in den Verlag hätte kommen können, wäre alles anders gelaufen. Unseld hätte hellauf gelacht. Schirrmacher hätte diesen offenen Brief nicht geschrieben, er hätte es nicht gewagt. Keine Sekunde lang wäre ich ein Antisemit. Siegfried wollte das Buch machen, er sagte auch, er könne keine Beleidigungsabsicht Reich-Ranicki betreffend feststellen.
Wie bitte? Reich-Ranicki, der in Ihrem Roman Ehrl-König heißt, geben Sie doch, salopp gesagt, ordentlich eines mit: Man müsste "ihm einmal mit dem Zoom aufs Mundwerk fahren", heißt es da, "dass endlich mal das weiße Zeug, das ihm in den Mundwinkeln bleibt, groß herauskäme, der vertrocknete Schaum..."
Ja, ja. Ja und? Was ist das? Antisemitisch?
Weiter heißt es da: "Scheißschaum, gellte Bernt Streiff, das ist sein Ejakulat. Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienst der deutschen Literatür aufgeilt."
Ja und? Das ist ein Roman. Es ist geschmacklos. Aber Literatur ist keine bürgerliche Geschmacksparty. Ich bin doch kein Damenkränzchen. Was Sie zitieren, das sind zwei besoffene Schriftsteller, die wollen jetzt einmal das Maul aufmachen gegen den, der sie öffentlich heruntergemacht hat. Nichts weiter. Das ist polemisch. Und, bitte schön, das ist die Perspektive von zwei Romanfiguren.