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5. April 2009, 01:09 Uhr

Adipol Bumschmi

Liest man zum ersten Mal den Buchtitel Deutsches Markenlexikon, entflammt nicht bei jedem reges Interesse. Beginnt man jedoch zu blättern, werden nicht nur Kindheits- und Jugenderinnerungen geweckt, sondern man lernt auch Erstaunliches über den deutschen Mittelstand. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Markenlexikon

© Kat Menschik

Habe ein Buch geschenkt bekommen, ganz toll: das Deutsche Markenlexikon. Zugegeben, das klingt nicht überraschend sexy und erinnert sofort an einen Cartoon, den ich einmal im amerikanischen Magazin "The New Yorker" entdeckt habe. Da sitzt eine elegante Dame im Flugzeug neben einem kleinen bebrillten Mann. Und dieser sagt zu ihr: "Ich bin in der Schnürsenkelbranche, aber das klingt jetzt natürlich viel aufregender, als es ist."

Der eingeschränkten Begeisterung über dieses trockene Thema zum Trotz möchte ich gerade in Krisenzeiten auf die im Deutschen Markenlexikon dokumentierten Verdienste des hiesigen Mittelstandes hinweisen. Es könnte nämlich sein, dass ganz Deutschland mitsamt Loreley, Brandenburger Tor und Horst Köhler bereits im kommenden Jahr verramscht werden muss und anschließend einem sinister grinsenden asiatischen Milliardär mit einem lustigen Namen wie zum Beispiel "Adipol Bumschmi" gehört. Was bleibt dann noch vom deutschen Mittelstand übrig? Die Erinnerung. Und mit der sollte man so früh wie möglich beginnen. Also los jetzt. Schlagen wir der Gerechtigkeit halber das Lexikon vollkommen willkürlich auf.

Minderjährige wissen eine Bockwurst zu schätzen

Was finden wir zum Beispiel auf Seite 702? Aha, Meica, Marktführer in Sachen Würstchen. Wenn in Deutschland eine mit Biomasse gefüllte Luftpumpe aus einem Glas mit Wurstwasser gefischt wird, dann handelt es sich sehr oft um ein Meica-Würstchen. Dieser Firma verdanke ich große Momente, besonders in meiner Kindheit, denn insbesondere Minderjährige wissen eine Bockwurst noch zu schätzen. Später lässt das nach.

Meica existiert bereits seit 1908 und wurde von dem Landwirt und Metzger Fritz Meinen gegründet. Das Unternehmen überzeugt im Kerngeschäft Wurstherstellung übrigens mehr als in der Kommunikation darüber. Vor vielen Jahren kreierte man den ziemlich missverständlichen Werbespruch "Meica macht das Würstchen", was Fragen aufwirft. Zumindest in bildungsfernen Schichten könnte der Eindruck entstehen, Meica sei ein Geräusch. "Muh" macht die Kuh, "miau" macht die Katze, und "meica" macht das Würstchen.

Auf Seite 236 im Lexikon der deutschen Marken: Chio. Das mit weitem Abstand dollste an dieser Chipsfirma ist der abgefahrene Name, denn Chio ist ein Akronym und steht für Carlo, Heinrich und Irmgard von Opel. Letztere kehrte von einer Reise in die USA mit der Idee zurück, in der Pfalz dünne Kartoffelscheiben zu rösten, was 1962 offenbar eine unerhörte Vision war. Ach du deutscher Mittelstand, ohne dich gäbe es Millionen Geschichten nicht. Auf Seite 138 trifft der Leser auf Berentzen und ich auf die Erinnerung an meinen ersten amtlichen Vollrausch im Alter von zehn Jahren. 1976 hat Berentzen seinen bis heute unangefochtenen Verkaufsschlager "Apfelkorn" in die Geschäfte gebracht, und ein Jahr später führte dessen Genuss bei mir zu erheblicher Trunkenheit, die ich mir nicht erklären konnte. Es ist nicht die letzte gewesen, und das geht nicht nur mir so: Bis heute haben die bei Berentzen mehr als 300 Millionen Flaschen Apfelkorn zugeschraubt.

Jägermeister schlägt Apfelkorn

Ungeheuerlich, aber ein Klacks gegen Jägermeister auf Seite 569. Von dem früher als "Hochsitzcola" verspotteten Kräuterlikör werden pro Jahr über 76 Millionen Pullen verkauft. Und da es das Zeug schon eine Weile länger gibt als Apfelkorn, dürfte die Gesamtzahl aller jemals befüllten Jägermeisterflaschen weit mehr als eine Milliarde betragen. Wahrscheinlich könnte man alle Kirchenfenster der Welt mit grünem Jägermeisterglas ausstatten.

Ein letztes Beispiel für eine große deutsche Marke: Norament, Seite 757. Sind wir alle schon drübergelaufen. Unter diesem Markennamen verbirgt sich der berühmte legoähnliche Noppenboden aus Kautschuk, der bei uns einen Marktanteil von 80 Prozent hat und mit dem so ziemlich jede in den 70er und 80er Jahren gebaute Schule ausgestattet wurde. Die Firma Nora Systems verkauft davon pro Jahr an die sechs Millionen Quadratmeter. Das bedeutet: Nur noch 59.517 Jahre, und unser ganzes Land ist von Norament bedeckt.

Ich weiß nicht, ob Adipol Bumschmi das gefällt. Da kauft er sich im Schlussverkauf ein Land, und dann machen die Würstchen Meica, die Kinder saufen Apfelkorn, und die angeblich schöne Natur wird von einem Gummiboden mit Noppen bedeckt.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 14/2009

Von Jan Weiler
 
 
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