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2. Juni 2009, 04:11 Uhr

Korrupte Frauen

Vom Statistischen Bundesamt werden Zahlen ausgewertet, die so manches über den Bundesbürger verraten. Wenn man sie richtig interpretiert. Aber wenn ma mal eine Zahl sucht, die einen interessiert, findet man sie bestimmt nicht dort. Zeit für eigene Erhebungen. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch, Wirtschaft, WM

© Kat Menschik

Die statistische Chance, dass meine Kinder eine Tür mithilfe der daran angeschraubten Klinke schließen, ist höchst gering. Nach meinen Beobachtungen liegt sie bei ungefähr zehn Prozent. Noch unwahrscheinlicher ist, dass sie Lampen ausschalten. Licht ist für sie wie Luft, da ist nichts zu machen. Die Aussicht, beim Aufräumen von Nicks Zimmer auf ein sehr altes Wurstbrot zu stoßen, ist zwar hoch, aber der Lustgewinn der Entdeckung niedrig. Ähnlich verhält es sich mit Erkenntnissen über den heimlichen Fernsehkonsum unserer Kinder.

Ich habe in investigativer Recherche herausgefunden, dass Nick und Carla gern dämliche TV-Sendungen wie "Germany's next Topmodel" ansehen, vorzugsweise wenn wir nicht zu Hause sind. Dies zu ermitteln ist ein Klacks. Man muss bloß die Hand auf die Rückseite des Fernsehers legen. Wenn der warm ist, dann sind die Kids Sekunden vor dem Eintreffen ihrer Alten aus dem Wohnzimmer gestoben und liegen, Tiefschlaf simulierend, knallwach im Bett. Bisher bringe ich es nicht über mich, sie darauf hinzuweisen, dass ich sie längst durchschaut habe, denn ich befürchte, dass sie dann Eiswürfel auf die Glotze legen. Und das wäre nicht gut.

Das bundesdeutsche Dasein in Zahlen

Ob es wohl beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden eine Abteilung für familiäre Kriminalitätsforschung gibt? Dort wird schließlich alles untersucht, was mit unserem bundesdeutschen Dasein zu tun hat. Mal auf der Homepage nachsehen. Nein, da findet man praktisch gar nichts über ungezogene Kinder, dafür jedoch bei der Kindererziehung wenig hilfreiche Infos zu Handwerk und Erntestatistik sowie allerhand spukhafte Erhebungen wie zum Beispiel diese hier: 2007 sind 1.067.109 Einwohner dieses Landes zwischen 30 und 49 Jahren in einen anderen Kreis gezogen. Komischerweise haben aber 1.074.002 Menschen einen Kreis verlassen. Seltsam, seltsam. Was mag bloß mit den 6893 Leuten passiert sein, die irgendwo weg-, aber nirgends zugezogen sind? Da gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder haben die beim Umziehen ihren 50. Geburtstag gefeiert und gehören beim Ankommen gleichsam in eine neue Zeile. Oder sie sind: verschwunden im Nirwana des bundesamtlichen Zahlenmysteriums. Kaum zu fassen.

Ebenfalls unglaublich: Alle Inder (1,15 Milliarden) passen auf die Grundfläche des Bodensees (536 Millionen Quadratmeter). Und: Die Deutschen trinken pro Kopf 148 Liter Kaffee im Jahr. Das habe ich im "Zeit-Magazin" gelesen. Ich selbst konsumiere täglich zwei doppelte Espressi, das ergibt nicht einmal einen Zehntelliter, also pro Jahr kaum 36,5 Liter, was mir schon viel vorkommt. Es muss demnach Zeitgenossen geben, die das Zeug hektoliterweise zu sich nehmen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Mitarbeiter des Statistischen Bundesamtes.

Ständig wird man mit zahlengestützten Behauptungen konfrontiert, die aufregend klingen, aber eigentlich keine tiefere Bedeutung besitzen. Zum Beispiel: Kinder lachen angeblich 400-mal am Tag. Erwachsene nur 15-mal. Oder war es umgekehrt? Eigentlich wurscht. Ich mache jedenfalls jetzt eigene Erhebungen. Nach neuen Erkenntnissen, die ich aus einer Blitzumfrage im Bekanntenkreis ermittelt habe, vergessen 62 Prozent meiner männlichen Bekannten den Muttertag. Gilt auch für mich. Sara war ein wenig verstimmt. Dabei erklärte ich ihr, dass der Muttertag eine total reaktionäre und im Kern chauvinistische Veranstaltung sei, völlig unmodern und dem Wesen der Frau von heute nicht angepasst. Anstatt mich für meine Weitsicht zu loben, sagte sie, dass sie sich über ein paar Blümchen durchaus gefreut hätte. Ganz schön korrupt, die Frauen.

Meine Einschätzung vom Beginn dieses Textes muss ich übrigens revidieren und deutlich nach unten korrigieren. Die Möglichkeit, dass meine Kinder eine Tür mit der Klinke und nicht durch simples Zuschmeißen schließen, ist nämlich offenbar noch weit geringer, als ich annahm. Eben fragte ich Carla, warum sie nie die Klinke ihrer Zimmertür verwendet, und sie antwortete mit einem Höchstmaß an Spott, Geringschätzung und keimender Jugendfrechheit: "Wenn ich gewusst hätte, dass du zu Hause bist, hätte ich die Klinke benutzt."

"Sonst nicht?" "Natürlich: Nicht."

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

Von Jan Weiler
 
 
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