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14. Juni 2009, 17:00 Uhr

Vertragt euch!

Mit Verträgen ist das so eine Sache. Was geschrieben steht, muss auch eingehalten werden. Beim Aufsetzen eines Vertrages muss man also sehr sofgfältig vorgehen, sonst wirkt er sich unter Umständen nachteilig aus. Manchmal kann aber auch einfach einen neuen abschließen. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch

© Kat Menschik

Kluge Therapeuten weisen gerne darauf hin, dass praktisch jede Art von Beziehung auf einem - wenn auch meistens unausgesprochenen - Vertrag fußt. Alles im Leben will nun einmal gerecht ausgehandelt sein, damit sich niemand übervorteilt sieht und mit Spargeltöpfen oder Atomwaffen um sich schmeißt. So sind wir Menschen, und deshalb haben wir eine kleine Minderheit hervorgebracht, welche nur studiert, um zu lernen, wie man Verträge aufsetzt, bricht, durchsetzt oder ändert. Der Rest der Gesellschaft hat dies nicht studiert und verbringt sein halbes Leben damit, aus diversen Verträgen ohne Schaden wieder herauszukommen. Ein wundervolles Hörbuch berichtet davon.

Normalerweise gebe ich an dieser Stelle überhaupt keine Empfehlungen ab, doch heute muss ich eine Ausnahme machen, weil es in diesem Hörbuch ausschließlich um die Beziehung zweier Männer geht, die fortlaufend Verträge miteinander abschließen, brechen und ändern und wieder neu aushandeln. Die CD heißt "Briefwechsel" und beinhaltet jenen zwischen dem Verleger Siegfried Unseld und dem Schriftsteller Thomas Bernhard. Sie haben 28 Jahre lang miteinander auf einem wundervollen sprachlichen Niveau korrespondiert, wobei Bernhard fortlaufend und zudem häufig freche Ansprüche stellt, die sein Verleger kaum erfüllen kann, es auch nicht will, aber letztlich meistens doch verspricht, weil er von der Meisterschaft seines Autors so tief überzeugt ist, dass er dessen neurotischen Egoismus für das geniale Ergebnis in Kauf nimmt. Oft hört man Bernhard über seine Verträge oder misslungene Inszenierungen seiner Stücke toben, worauf Unseld die Betriebstemperatur seines Autors mit bewundernswerter Geduld senkt und diesen nebenbei an die Einhaltung seiner Abgabefristen erinnert. 500 Briefe haben sich die Männer geschickt, und man kann diese demnächst auf 900 Seiten nachlesen. Das auf einer gekürzten Fassung basierende 240 Minuten dauernde Hörbuch entfaltet dazu jedoch noch einmal eine eigene Wucht, weil die Briefeschreiber hier großartige Stimmen erhalten haben, nämlich die von Gert Voss (als Siegfried Unseld) und Peter Simonischek (als Thomas Bernhard). Wer etwas über das zwischenmenschliche Vertragswesen erfahren und sich dabei glänzend unterhalten lassen möchte, sollte sich den "Briefwechsel" anhören. Ende der Empfehlung.

Zum Lateinlernen braucht man einen Vertrag

Auch bei uns zu Hause gibt es seit Kurzem einen schriftlichen Vertrag. Es ist der erste, den unsere Tochter abgeschlossen hat, und zwar zwischen sich und ihren Eltern. Ganz blöde Idee, und zwar von mir. Ich dachte nämlich, dass wir damit das Lateinthema endlich entschärfen könnten. Carlas Noten in Latein sind unterirdisch. Mir ist das im Grunde egal, ich finde Schulzensuren dumm und überflüssig und unzeitgemäß, aber das darf ich keinesfalls laut sagen, denn dann findet Carla das auch und bleibt konsequenterweise sitzen, was niemand möchte. Also herrschte monatelanger Streit bei uns, ständig wurden dieselben Vokabeln in quälenden Sitzungen gepaukt und abgehört, dauernd auf die unendlich große Bedeutung des Lateinischen hingewiesen. Und das von mir, der nur Asterix-Latein beherrscht. Dann hatte ich die Idee mit dem Vertrag. Er umfasst fünf Paragrafen. Grob gesagt, verpflichtet Carla sich darin, dreimal pro Woche zur Nachhilfe zu gehen und weitere dreimal selber zu lernen. Dafür hat sie das Recht, von uns anschließend abgehört und ansonsten absolut in Ruhe gelassen zu werden.

Wenn sie ohne besonderen Grund dreimal nicht lernt, dürfen wir Sanktionen erheben, die nicht näher definiert sind und daher kaum Schrecken entfalten. Wenn wir sie nicht ordentlich abhören, darf Carla ihrerseits Strafen verhängen. Und das Problem ist nun: Wir kommen nicht immer zu dieser verdammten Abhörerei. Ich bin berufstätig, tut mir leid. Also versagte ich schon nach zwei Wochen. Beim ersten Mal wurde mir der Rotwein gestrichen. Als ich das zweite Mal nicht dazu kam, die Vokabeln zu prüfen, musste ich anschließend auf das DFB-Pokalspiel zwischen Hamburg und Bremen verzichten. Gestern Abend war ich zu spät zu Hause und verstieß damit gegen Paragraf drei: "Alles muss um 20 Uhr beendet sein." Ich versuchte, mich mit einem Stau rauszureden, aber es half nichts. Ich darf nicht mit meiner Frau ins Kino. Dafür geht Carla mit. Ich muss diesen Vertrag neu aushandeln. Thomas Bernhard würde sich so etwas nicht gefallen lassen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 24/2009

Von Jan Weiler
 
 
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