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12. Juli 2009, 01:16 Uhr

Linienrichtermarmelade

Wenn man sich mit Randfiguren beschäftigt, kann man Erstaunliches lernen. Ob es dabei um Menschen, Früchte, Länder geht, spielt keine so große Rolle, Hauptsache, sie stehen nie im Zentrum des Interesses. Untereinander jedoch, scheinen sich Außenseiter eine große Wertschätzung entgegenzubringen. Von Jan Weiler

Jan Weiler, Mein Leben als Mensch

© Kat Menschik

Heute soll von den Außenseitern dieser Welt die Rede sein. Von Früchten, Ländern und Menschen am Rande unserer Wahrnehmung. Oder am Rande unseres Desserttellers. Dort zum Beispiel liegt manchmal eine in einem knisternden Blatt eingerollte und recht langweilig schmeckende Frucht herum, die "Physalis" genannt wird, weil das besser klingt als "Kapstachelbeere". Und Physalis hat schon keinen Glamour. Diese orangefarbene Langweilerin schafft es nie ins Zentrum eines Desserts und wurde zu einer Existenz als säuerliches Dekomaterial von unambitionierten Köchen verurteilt.

Ebenfalls nur am Rande kommen Madagaskar und Linienrichter vor. Madagaskar ist die riesige Insel rechts neben Afrika. Selbst die vergleichsweise winzigen und nördlich davon gelegenen Seychellen fallen uns beim Stichwort "Insel vor Afrika" schneller ein als Madagaskar, was unter anderem daran liegen mag, dass es auf Madagaskar keinen nennenswerten Tourismus gibt. Wenn nicht ein Zeichentrickfilm mit dem Titel existierte, nähmen wir überhaupt keine Notiz von Madagaskar. Bezeichnenderweise spielt der zweite Teil des Filmes nicht einmal dort. Diese Nichtwürdigung hat das Land nicht verdient, Madagaskar ist natürlich hochinteressant. Um wenigstens einmal ein Bewusstsein für dieses bezaubernde Inselreich zu schaffen, hier ein paar Fakten über Madagaskar.

Ein faszinierendes Fleckchen

Es handelt sich dabei immerhin um den zweitgrößten Inselstaat (nach Indonesien) und die viertgrößte Insel der Welt. Eigentlich war Madagaskar sowohl mit Afrika als auch mit Indien verbunden. Es brach jedoch zuerst von Afrika, dann vor 90 Millionen Jahren von Indien ab, was die geografische Randlage des Landes als Insel quasi zementierte. Die Bevölkerung von Madagaskar ist südostasiatischer Abstammung und sieht daher gar nicht afrikanisch aus, obwohl die Insel zu Afrika gehört. Es gab in Madagaskar einmal einen König mit dem hübschen Namen Andrianampoinimerina. Die Hauptstadt von Madagaskar heißt Antananarivo und hat 1.391.500 Einwohner, also ein paar Tausend mehr als München. Das klingt alles super, soll aber erst einmal reichen.

Was Madagaskar für den Globus ist, das ist der Linienrichter für den Fußball. Rennt immer nur am Rand auf und ab und winkt mit einem kleinen Fähnchen. Man nimmt ihn nur wahr, wenn er einen Fehler macht. Dann wird er beschimpft und ausgegrenzt und überhaupt: Der Hauptschiedsrichter kann seinen Kollegen an der Seitenlinie jederzeit kraft seiner Pfeife überstimmen. Linienrichter, so scheint es, ist ein zutiefst deprimierender Job. Doch trotz aller Unbill laufen die meisten Linienrichter nicht nur einmal im Leben, sondern unverdrossen Woche für Woche wieder auf und ab und winken mit ihren Fähnchen, als wären sie Mensch gewordene Regelwerke, Zombies mit geheimem Winkbefehl, Grenzsoldaten des Sports.

Mit Herz und Leidenschaft

Warum wohl jemand gern Linienrichter sein möchte? Ich habe für Sie einen gefragt, mit dem ich einst zur Schule ging. Er hat damals sogar darauf bestanden, Linienrichter sein zu dürfen, was wir ihm gern gewährten. Diese Aufgabe erfüllte er ebenso ernsthaft wie sorgsam, was nicht ganz einfach war, weil wir erstens keine Linien auf dem Bolzplatz hatten und zweitens nur einen Linienrichter, nämlich ihn, der demnach auch für die gegenüberliegende Seite zuständig war. Da wir zudem keinen Schiedsrichter fanden, nahm er auch diese dritte Funktion wahr. Er kaufte sich im Sporthandel sogar eine Gelbe und eine Rote Karte, die er dann und wann zog. Einmal hat er die Rote Karte sogar vor Wut zerrissen.

Ich habe ihn seit dem Abitur nicht mehr gesehen oder gesprochen, aber heute rief ich ihn an. Ich wollte von ihm wissen, ob er tatsächlich gern Linienrichter gewesen sei, und er bejahte es unbedingt. Es habe ihm gefallen, talentlos im Sport dennoch auf dem Platz zu glänzen; es sei sein Ehrgeiz gewesen, bestimmender Teil des Spiels zu sein. Kann man verstehen, auch wenn es traurig klingt. Ich fragte ihn, was er beruflich mache, und er erzählte mir, dass er Koch geworden sei. Ich fragte noch, ob er dann und wann Physalisse (oder wie auch immer die Mehrzahl von Physalis lautet) außer zur Dekoration einsetze, und er empfahl eine ganz verrückte Physalis-Pekannuss- Hokkaido-Marmelade. Man könne dort auch etwas Vanille einrühren. Am besten aus Madagaskar. Ich legte auf und stellte fest, dass die Welt der Außenseiter ein faszinierendes Paralleluniversum ist.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 28/2009

Von Jan Weiler
 
 
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