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19. Juli 2009, 16:58 Uhr

Königliche Darmwinde

Die Kindeserziehung bietet immer wieder Anlass zu Auseinandersetzungen. Je älter die Kinder werden, desto besser werden ihre Gegenargumente, wenn es zum Beispiel um das Einhalten der häuslichen Tischmanieren geht. Wenn alle Stricke reißen, ziehen sie sogar die Queen auf ihre Seite. Von Jan Weiler

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Jan Weiler, Mein Leben als Mensch

© Kat Menschik

Bei uns wird immer häufiger über diese profanen und ermüdenden Erziehungsthemen geredet. Ich dachte bis vor einiger Zeit, dass sich derart doofe Gespräche vermeiden ließen, indem man seinen Kindern einfach immer ein gutes Vorbild ist. Das bedeutet in den meisten Fällen keine große Anstrengung, schließlich lege ich keinen Wert darauf, Salat mit den Fingern zu essen oder vier Tage in derselben Unterhose durchs Leben zu gehen. Da unsere Kinder aber nicht immer zu Hause sind, wo wir noch einen gewissen Einfluss ausüben, sehen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass sie aushäusig offenbar andere Bräuche kennenlernen, die ihnen gut gefallen. Und deshalb sprechen wir in letzter Zeit vermehrt darüber, wie man sich bei Tisch hinsetzt, was man bei Beerdigungen oder Taufen anzieht (keine Fußballtrikots) und dass man die Kopfhörer beim Essen abnimmt. Das findet unsere Tochter spießig.

Ich bin darüber ein wenig verstimmt, immerhin zwingt sie mich dazu, eine Rolle zu spielen, die mir überhaupt nicht liegt, nämlich die der blöden autoritären Wurst, des Spielverderbers und Ahnungslosen. Von Popkultur habe ich ihrer Meinung nach zum Beispiel keinen Schimmer, sonst wüsste ich nämlich, dass die von ihr kultisch verehrten Jonas Brothers Genies sind und nicht, wie von mir behauptet, ferngesteuerte Wichtelmännchen.

Niemanden brüskieren

Als wir also vorgestern mal wieder eine Unterhaltung darüber führten, dass wir nicht wie die Hunnen unser Essen in uns hineinstopfen, sondern langsam und kultiviert sowie mit Messer und Gabel, da überraschte mich Carla mit der Durchsage, sie würde gern einmal bei der englischen Königin speisen. "Da dürftest du dich aber nicht so aufführen wie hier", merkte ich an. "Eben doch, das ist es ja", behauptete Carla und setzte mir auseinander, dass es am englischen Hof Sitte sei, dass die Königin alle schlechten Tischmanieren ihrer Gäste nicht nur toleriere, sondern ihrerseits annehme, um die meist ausländischen Bankettteilnehmer nicht zu brüskieren. Wenn also ein exotischer Potentat sich den Mund mit dem Tischtuch abwische oder sogar hineinniese, so würde dies in Minutenfrist von Königin Elisabeth II. nachgeahmt, damit sich der exotische Potentat wohlfühle.

Diese Vorstellung fand ich bezaubernd, sie eröffnet wunderbare Gedankenspiele darüber, was die englische Königin wohl alles bei Tisch anstellt, wenn man es ihr nur vormacht. Auch Carlas kleiner Bruder Nick war sehr begeistert. "Ich würde sofort riesig einen fahren lassen", rief er, erfreut von der Vorstellung, dass Elisabeth II., von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Länder und Gebiete, Oberhaupt des Commonwealth sowie Verteidigerin des Glaubens, ihm zuliebe Darmwinde entließe.

Wer weiß, was die Queen so veranstaltet

Ich beendete die Diskussion, indem ich behauptete, dass es so eine Benimmregel am britischen Hof ganz bestimmt nicht gebe, schon weil Tischsitten international seien, und wenn die Geschichte doch stimme, würden wir die Queen ganz bestimmt nie zu uns nach Hause einladen, wer weiß, was die dann alles am Tisch veranstalte, um auch mal lustig zu sein, und die Kinder sollten sich mit ihrem Benehmen nicht am englischen Hochadel orientieren, sondern gefälligst an mir. Basta.

Manchmal hat Carla selber Gäste, Mädchen in ihrem Alter, mit denen sie sich in ihr Zimmer zurückzieht. Wahrscheinlich sehen sie sich dann im Internet Filmchen von den Jonas Brothers an. Ich weiß es aber nicht genau, denn ich habe dort Hausverbot. Meistens geht es hinter ihrer Tür friedlich zu, aber gestern gab es dann doch Krach. Ich bekam davon nicht viel mit, nur dass die Haustür krachend zuflog.

Später fragte ich Carla, was denn da los gewesen sei, und sie berichtete, dass eine ihrer geladenen Damen einen Kaugummi unter ihre Fensterbank geklebt habe. Dies sei nicht unbemerkt geblieben und führte zu einem kurzen Wortgefecht, in dessen Verlauf Carla ihre Freundin fragte, ob die so etwas auch zu Hause mache. Auf die freche Replik der Kaugummikleberin habe meine Tochter dieser nahegelegt, ihr Zimmer zu verlassen, was dann auch geschehen sei. Und da muss ich jetzt schon sagen: Besonders königlich war das nicht. Die Queen hätte bestimmt die Etikette gewahrt und ihren Kaugummi danebengeklebt.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 29/2009

Von Jan Weiler
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Henning100 (20.07.2009, 10:33 Uhr)
Jeder soll so entscheiden, wie er es fuer richtig haelt
Also, wir haben 2 Kinder, denen wir zuhause die lange Leine geben, d.h., sie duerfen so ziemlich alles. Aber wir zeigen ihnen soweit die Grenzen auf, dass sie sich ausserhalb des haeuslichen Bereiches doch einigermassen gesittet benehmen sollen. Wir sind bislang gut damit gefahren, und haben noch nie Beschwerden von 3. erhalten. Ist doch gut so, oder?
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