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2. August 2009, 14:15 Uhr

Das Teebeutel-Mobile

Jürgen ist ein Öko und ein Esoteriker. Wenn man ihm etwas zum Geburtstag schenkt, denn auf ein Geschenk besteht er, muss man sehr umsichtig vorgehen. Das Präsent muss konkrete Bedingungen erfüllen. Dieses Jahr war es ein Volltreffer, allerdings könnte es noch Ärger mit Jürgens Frau geben. Von Jan Weiler

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Jan Weiler, Mein Leben als Mensch

© Kat Menschik

Es ist beinahe unmöglich für mich, Jürgen etwas zu schenken. Das ist mein Schwager, der Mann von Saras großer Schwester. Er ist Diplom-Ingenieur, Weinkenner und Esoteriker. Ich war bei der Hausgeburt seiner Tochter dabei und habe alles gefilmt damals, auch seinen schamanischen Dankbarkeitstanz um einen Stachelbeerstrauch am Tag danach. Egal. Er ist jedenfalls schwer zu beschenken, weil er bei der Anschaffung von eigenen Dingen auf Details achtet, die mir gewöhnlich entgehen: Alles muss fair gehandelt, biologisch abbaubar und von Hand gearbeitet sein, möglichst ohne Fleisch, ohne Eier und Plastik.

Als ich ihm und Lorella nach der Geburt von Irmine-Appolonia einmal ein - wie ich fand - sehr ulkiges Spongebob-Mobile für das Kinderbett überreichte, kommentierte er dies mit den Worten: "Das ist ja wie Psychopharmaka. Nein, das kommt uns nicht ins Haus." Außerdem habe sein Kind bereits ein Mobile über dem Bett hängen, das habe er sogar selbst gebastelt, und es würde seine väterliche Energie und Liebe quasi im Schlaf auf das Baby übertragen. Er schritt voran und zeigte mir sein Werk, und ich fand, dass es gut roch. Er hatte es nämlich kunstvoll aus sieben gebrauchten Teebeuteln gefertigt, und die schaukelten nun sanft über dem Kopf des Säuglings. Dieses Werk seiner Vaterliebe, aus dem zusätzlich der Recyclinggedanke und ein nicht unbeträchtliches Ausmaß an Geiz sprach, bildete den Auftakt zu einer ganzen Reihe von skurrilen Selfmade-Spielzeugen, die bei ihm und Lorella den Plastikdreck aus den Spielwarengeschäften ersetzen.

Auch wenn sich Jürgen und Lorella beschenken, greifen sie entweder auf Praktisches oder Scheußliches zurück, meistens finden sie zu Lösungen, die beide Eigenschaften auf das Kreativste vereinen. In ihrem Haus sieht es aus wie auf einer schwäbischen Esoterikmesse, die Böden sind gesäumt von Gebetsteppichen, an den Wänden hängen indische Sinnsprüche, und wenn man ein bisschen Zeit hat, erzählt Jürgen einem gern vom hermetischen Weg, den er gerade beschreite, um die Kundalini-Kraft in sich zu entfesseln. Was schenkt man einem wie ihm bloß? Und vor allem: warum? Wenigstens Letzteres ist ganz einfach zu beantworten. Obwohl Jürgen nämlich der Ansicht ist, dass irdische Güter grotesk überbewertet würden, reagiert er auf kindliche Weise beleidigt, wenn man ihm nichts zum Geburtstag schenkt. Schließlich sei dies eine Gunstbezeugung, er sei auch ein Mensch und sehne sich nach Anerkennung. Aha. Na gut. Mal sehen.

Man könnte ihm natürlich Wein schenken, aber davon versteht er was, und man kann ihm keine Freude machen, die er sich nicht schon selbst gemacht hätte. Und auf dem Gebiet der Esoterik bin ich fast völlig unbewandert. Ich kann eine Klangschale nicht von einer Obstschale unterscheiden, und das meiste finde ich sehr komisch, zum Beispiel dieses Drahtgestell, mit dem man sich die Kopfhaut massieren soll. Man sieht damit aus, als habe man ein paar Drähte am Kopf zur Hirntätigkeitsmessung dringend nötig, aber es fühlt sich gut an. Sogar ich besitze so ein Ding. Und Jürgen auch. Also musste etwas anderes her.

Sara schleppte mich dafür in ein Geschäft, das von einem Vader-Abraham-artigen Herrn bewohnt wurde. Wir trugen ihm unseren Wunsch nach dem Dernier Cri der Branche vor, und er verschwand in einem Hinterzimmer, wo er eine Weile laut scheppernd zugange war, bis er schließlich mit einem Karton zurückkehrte, welchem er ein Stück gedrechseltes Kirschholz entnahm. Ganz glatt war es, und es sah aus wie eine weibliche Brust. "Das ist ein Handschmeichler", sagte Vader Abraham. Er nenne das Ding "Evas Busen", und man könne nicht anders, man müsse ihn streicheln. Das sei ein männliches Urbedürfnis, und ich solle es mal ausprobieren. Ich probierte, es fühlte sich gut an, aber ich vermisste eine Reaktion seitens des Busens.

Wir haben es dann gekauft - war teuer - und es Jürgen vorige Woche übergeben. Er war begeistert und streichelte es den ganzen Abend unter den missbilligenden Blicken seiner Gattin. Und die Begeisterung hält an. Ich hörte heute, dass er es mit zur Arbeit nimmt, wo er es streichelt, sobald er unter Stress gerät. Die Vorstellung, dass Jürgen seine Holztitte sogar in Konferenzen schmuggelt, wo er sie unter dem Tisch befummelt, die macht mir allerdings schon auch ein bisschen Angst.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 31/2009

Von Jan Weiler
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