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11. August 2007, 12:46 Uhr

Im Dialog mit der Blase

Letzten Mittwoch saß ich im Wartezimmer einer Praxis für Allgemeinmedizin und blätterte in "Auto, Motor und Sport," der Wortspielhölle des automobilen Journalismus. Ich hatte was an einem meiner Finger. Von Jan Weiler

© Kate Menschik

Ich gucke bei der Arbeit häufig auf meine Hände, denn ich kann nicht richtig tippen. Und wenn dort etwas anders aussieht als sonst, werde ich nervös. Schon nach vier Wochen ging ich sofort zum Arzt. Die Frau auf dem Platz neben mir telefonierte. Das fand ich unhöflich und peinlich, aber was soll man machen: Wir sind alle Plankton im Datenstrom des Medienzeitalters. Sie war bereits untersucht worden und wartete noch auf irgendwelche Unterlagen. Um die Zeit zu überbrücken, rief sie eine Freundin an und quälte diese und mich mit ihrer Krankengeschichte. Als würde ich nicht schon von der Wartezimmerkunst an den Wänden ästhetisch ausreichend gezüchtigt, berichtete sie detailliert von ihren Beschwerden. Immerhin: Die Diagnose klang derart aufregend, dass ich einfach zuhören musste.

"Er sagt, es sei imperativer Harndrang." Ganz sicher fragte die Freundin am anderen Ende, was das hieße, denn meine Nachbarin fügte nach einer kurzen Pause hinzu: "Na, was soll das schon heißen? Wenn ich muss, dann muss ich. Und zwar sofort." Und die Freundin antwortete wohl: "Was sollst du denn dagegen unternehmen?" Darauf sagte die Frau neben mir einen Satz, den ich wohl bis an mein Lebensende nicht vergessen werde, weil er so wundervoll die Atmosphäre in dem Wartezimmer zum Schwingen brachte. Mediziner sind die wahren Poeten unserer Gesellschaft. Sie sagte: "Er meinte, ich soll mit meiner Blase in Dialog treten." Na, so was! Im Dialog mit der Blase. Das taugt beinahe schon als Filmtitel. Ich liebe Ärztesprache, kein Berufsstand bereitet mir puncto Fachterminologie mehr inFreude als der des Mediziners.

Ach, ich liebe Arztsprache

Damit meine ich aber nicht den Zyniker, der bei der Visite im Krankenhaus unanständige Witze auf Kosten der Patienten macht, bloß weil die sich nicht auskennen und eine "RZM" für eine ernsthafte Erkrankung halten und nicht für das, was es tatsächlich im Geheimjargon der Stationsärzte bedeutet: "Rotierende Zentral-Meise." Jemand erzählte mir vor Kurzem, er besäße "blinde Hämorrhoiden," was ihn entschieden weniger in Panik versetzte als die Vorstellung, dass es demnach auch sehende Hämorrhoiden geben müsste (es gibt sie aber zum Glück nicht). Die Dame beendete ihr Telefonat mit den Worten: "Ich muss jetzt ganz schnell aufhören", drückte auf ihr Telefon und sauste aus dem Wartezimmer, was ich sehr ulkig fand. Ich erzählte wenig später dem Arzt von der Frau und malte ihm aus, wie so ein Dialog mit der Blase klingen könnte. Der Doktor ermahnte mich, nie schlecht von anderen Kranken zu reden. "Das grenzt an maligne Logorrhoe," brummte er und fügte hinzu: "So nennen wir bösartige Schwätzerei."

Eingeschüchtert hielt ich den Mund und öffnete ihn nur noch, wenn ich gefragt wurde. Der Arzt sah mich und den Hubbel an meinem rechten Zeigefinger streng an. Er tastete. Er drückte. Es tat nicht weh. Es juckte auch nicht. Es war nur hubbelig. Wenig später saß ich wieder im Wartezimmer und wartete auf das Röntgenbild. Sara rief mich auf dem Handy an: "Und? Was hat er gesagt?" Ich versuchte, den Hörer etwas abzudecken, muss ja nicht jeder wissen, was mit meinem Finger ist. "Er sagt, es sei wohl eine somatoforme Störung. Oder ein Briquet-Syndrom. Aber wahrscheinlich ist es nicht so schlimm." "Aha. Und was macht ihr jetzt?" "Er hat gesagt, er wolle forciert abwarten." "Was soll das denn heißen?" "Das heißt, wir machen jetzt erst mal nichts." Ach, ich liebe Arztsprache.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 32/2007

Von Jan Weiler
 
 
KOMMENTARE (2 von 2)
 
schlotti (13.08.2007, 00:35 Uhr)
Köstlich..
Eine schöne, köstliche und zutreffende Beschreibung, wie man als Fachmann Fachterminologie benutzt, um NICHT verstanden zu werden. Man haut den Leuten Fachbegriffe um die Ohren, um sich die Mühe zu ersparen, der Kundschaft tatsächlich etwas erklären zu müssen.
Wer auf eine - an sich - banale Frage mit Ausdrücken antwortet, die für den Kunden noch schwieriger zu verstehen sind, als das ursprüngliche Problem, hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.
Erstens gibt der Kunde (normalerweise) Ruhe.
Zweitens hat man (meint der Kunde) Kompetenz gezeigt.
Ich persönlich kenne dies aus der EDV-Branche, der ich selbst angehöre. Wenn mich die Leute zu sehr nerven (und mich damit von meiner Arbeit abhalten), werfe ich einige Fachausdrücke ein und habe erstmal Ruhe. Dies gibt mir dann die Zeit, mich auf das eigentliche Problem zu konzentrieren und dieses dann zu lösen.
Ein schönes Beispiel in diesem Zusammenhang ist die sog. TWAIN-Schnittstelle.
Wenn ein Scanner nicht funktioniert kann man auf eine Fehlfunktion der TWAIN-Schnittstelle verweisen (wahlweise natürlich das TWAIN-Interface). Diese Schnittstelle gibt es tatsächlich.
Was der Kunde (meistens) nicht weiß,
TWAIN steht für:
Tool
Without
Any
Interesting
Name
In diesem Sinne,
schöne Nacht noch,
Schlotti
reinhard44 (12.08.2007, 14:41 Uhr)
Ventriloquistik
Hallo Herr Weiler
Ich kann Sie so gut verstehen.Mein Arzt murmelt immer in sein Stetoskop und es klingt je nach Diagnose wie benigne oder maligne Ventriloquistik.
 
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